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WhatsApp-Haken
Muss ich wirklich immer antworten?

WhatsApp: Muss ich wirklich immer antworten?
Schon wieder eine Nachricht! Muss ich wirklich sofort antworten? FOTO: Shutterstock.com/ lightwavemedia
Düsseldorf . Die ständige Erreichbarkeit ist ein relativ neues Phänomen. Immer mehr Nutzer von Smartphones fühlen sich von Apps wie WhatsApp unter Druck gesetzt. Muss man wirklich immer sofort antworten? Und wie verändert dieser Druck unseren Alltag? Wir haben im Gespräch mit einem Mediensoziologen eine Antwort gefunden. Von Susanne Hamann

Herr Muhle, spätestens seit dem Siegeszug der Smartphones sind Menschen immer erreichbar und zwar sowohl telefonisch, als auch schriftlich. Was macht diese ständige Erreichbarkeit mit uns und unseren Beziehungen?

Muhle: Also zunächst einmal stelle ich fest, dass es eine sehr große moralische Diskussion in der Gesellschaft darüber gibt. Am Beispiel der aktuellen Diskussion um den blauen Haken bei WhatsApp wird dies sehr deutlich. Da geht es zum einen um den sozialen Druck und die Kontrollmöglichkeiten, die durch die ständige Erreichbarkeit entstehen. Zum anderen wird denjenigen, die sich über die neue Funktion empören, aber auch eine Art Angst vor der Ehrlichkeit vorgeworfen.

Wie meinen Sie das "Angst vor der Ehrlichkeit"?

Muhle: Da geht es darum, dass die Menschen nicht so gerne offenbaren möchten, ob sie Lust darauf haben zu antworten oder nicht. So schreibt eine WhatsApp-Nutzerin in einem Kommentar auf Facebook "Ach je, nun kann keiner mehr lügen und versuchen, sich für seine Kontakte unsichtbar zu machen. Wie wäre es mit Ehrlichkeit?". Neue Funktionen, die anzeigen, ob eine Nachricht gelesen wurde, zwingen also bis zu einem gewissen Grad dazu, entsprechend ehrlich zu sein. Ausreden, warum eine Antwort ausgeblieben ist, fallen schwerer. Das kann natürlich zu einem inneren Druck führen. Im Gegensatz zu anderen Medien, verringert sich so Unsicherheit beim Sender und es entsteht Druck beim Empfänger.

Wieso liegt der Druck jetzt beim Empfänger?

Muhle: Bei Briefen, Emails und SMS muss sich vor allem der Sender fragen, ob seine Nachricht auch wirklich ankommt und gelesen wird, und entsprechend mit Unsicherheit leben solange er keine Antwort erhält. Mit den neuen umstrittenen Funktionen wie dem blauen Haken, weiß der Sender nicht nur, dass seine Nachricht angekommen ist, sondern auch wann genau sie gelesen wurde. Das entspannt ihn, setzt aber den Empfänger deutlich unter Reaktionsdruck.

Und was bedeutet das für zwischenmenschliche Beziehungen heutzutage?

Muhle: Ich glaube, man muss die Frage etwas anders stellen, nämlich was wollen Menschen eigentlich von der modernen zwischenmenschlichen Kommunikation? Denn einer der Aspekte, der an neuen Medien allgemein so gelobt wurde ist ja, dass sie die Trennung zwischen Sender und Empfänger, die es bei den analogen Kommunikationsmöglichkeiten, wie Brief und Fernsehen, noch gab, völlig abschaffen. Dass also eine unmittelbare Interaktion zwischen zwei Menschen möglich ist. Doch tatsächlich, und das zeigt eben die Diskussion über den blauen Haken von WhatsApp, wehren sich die Menschen genau dagegen. Sie wollen nicht dass mit so etwas wie dem Haken aus einem indirekten, wir würden asynchronem Medium sagen, ein direktes, also synchrones Medium gemacht wird.

Sie meinen also, obwohl gerade das unmittelbare Kommunizieren so gelobt wird, wollen die Menschen das eigentlich gar nicht?

Muhle: Genau. Zumindest wenn sie Messaging-Systeme wie WhatsApp nutzen, wollen sie lieber eine Kommunikation in der nicht sofort nachvollzogen werden kann, ob eine Nachricht angekommen ist und gelesen wurde. Sie sehen sie eher als eine Möglichkeit schnell mal Mitteilungen abzusetzen.

Wenn ich das richtig verstehe meinen Sie das Chats etwas anderes sind als andere neue Medien, wie Skype oder FaceTime?

Muhle: Ja. Chats und Instant Messenger erfüllen eine ganz andere Funktion. Zwar werden auch sie immer wegen ihrer Unmittelbarkeit angepriesen, tatsächlich geht es aber eben nicht unbedingt darum, ein direktes Gespräch zu führen. Die Menschen wollen hier Mitteilungen absetzen, egal, ob es sich dabei um ein paar freundliche Worte oder eine kurze Geschäftsinformation handelt. Der Kontakt bleibt hier also oberflächlicher und geht nicht so in die Tiefe. Durch das Schreiben einer Nachricht, anstatt eines Anrufs, wird also eine gewisse Distanz erhalten. Für den persönlichen Austausch mit dem Partner oder den Eltern greifen die Menschen aber immer noch zum Telefon, daran hat sich nichts geändert. Es kommt also ein neuer Kanal zu den bestehenden Formen der Kommunikation dazu, bei dem es eher darum geht, kurz zu sagen "hey hier bin ich" oder "ich denk an dich" und nicht um tiefsinnige Gespräche. Dafür dient dann eben das Telefonat oder noch besser die Begegnung von Angesicht zu Angesicht.

Aber, ob sie gewollt wird oder nicht, die Unmittelbarkeit gibt es ja nun. Wie sollte man dann mit den Chat-Diensten umgehen, damit es nicht zu zwischenmenschlichen Problemen kommt?

Muhle: Die Nutzer sollten zunächst einmal mehr Gelassenheit entwickeln, anstatt sich allzu große Sorgen wegen einer möglichen Erwartungshaltung des Senders zu machen. Und dann führt vermutlich kein Weg daran vorbei, auch ehrlich auszusprechen, wenn man diese Kommunikationsgeschwindigkeit nicht möchte. Nur weil eine Technologie ein bestimmtes Verhalten nahelegt, muss man es ja nicht machen. Die Sache ist, dass es heutzutage eben noch keine richtigen Nutzungsroutinen mit den Chat-Diensten gibt. Letztlich sind sie ja noch relativ neu. Das führt natürlich immer wieder zu Konflikten zwischen Personen. Aber eben diese Konflikte sind durchaus auch sinnvoll, weil sie letztlich dazu führen, dass eine regelmäßige Nutzungsweise im Umgang miteinander gefunden wird. Also, sollte man es ruhig auch mal auf einen Konflikt ankommen lassen, und etwa nicht antworten, wenn einem nicht danach ist.

Verändern diese neuen Kommunikationsmöglichkeiten die Gesellschaft?

Muhle: Zunächst einmal kann man nicht so pauschal sagen, dass die Medien die Gesellschaft verändern, sondern der Bedarf der Gesellschaft verändert auch die Mediennutzung. Es ist also mehr ein Wechselspiel. So lässt sich beobachten, dass etwa Beziehungen weniger ortsgebunden sind und auch im Beruf die Mobilitätsanforderungen wachsen. Die neuen Kommunikationsmöglichkeiten tragen natürlich zu entsprechenden Veränderungen bei. Gleichzeitig entsteht aber ja auch der Bedarf nach mobiler Kommunikation, um mit diesen Veränderungen umgehen zu können. Insgesamt zeigt sich aber, dass sich die Kommunikationsgeschwindigkeit erhöht, weil man jetzt jede Nachricht schnell nebenbei absetzen kann. Etwa auch mal kurz im Büro. Dadurch werden auch die Grenzen zwischen Beruf- und Privatleben durchlässiger. Ansonsten, das ist auch meine Erfahrung als Dozent, kommt jetzt auch noch die Komponente des Nicht-gesehen-werdens hinzu. Also während der Lehrer den Zettel, der in der Klasse umging leicht abfangen konnte, geht das heute nicht mehr so einfach. Denn die Schüler tippen ihre Nachrichten jetzt unterm Tisch per Smartphone.

Lässt sich denn eine Aussage darüber treffen, wie die Zukunft der Kommunikation angesichts der neuen Technologien aussehen wird?

Muhle: Also, das ist unheimlich schwer zu prognostizieren. Es gibt dazu sehr viele Ideen, aber sehr viele solcher Visionen, sind in der Vergangenheit auch schon gescheitert. Insofern kann ich dazu eigentlich nur sagen: Das muss man abwarten. Ganz sicher werden aber nicht Instant Messenger wie WhatsApp andere Formen der Kommunikation wie das Telefonat oder das alltägliche Gespräch ersetzen. Vielmehr treten sie zu etablierten Formen hinzu und erweitern so die Kommunikationsmöglichkeiten. Wie diese genutzt werden, ist dann Frage sozialer Aushandlungsprozesse.

Das Gespräch führte Susanne Hamann.

 
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