Interview mit Jeff Jarvis: "Wir müssen die Öffentlichkeit beschützen"
VON EIN INTERVIEW VON F. BLUHM UND D. FIENE - zuletzt aktualisiert: 01.02.2010 - 11:26München (RPO). Der Medienprofessor und Buchautor Jeff Jarvis setzt sich seit Jahren mit den Entwicklungen im Internet und der Medienbranche auseinander. Er appelliert an die Medien, den Wandel mitzugestalten anstatt ihn zu bekämpfen.
In den letzten Wochen hat sich der Internetgigant Google die offene Auseinandersetzung mit China gesucht und bietet seine Suche jetzt unzensiert an. Was passiert da gerade zwischen Google und China?
Jarvis Google verteidigt seine Cloud. Wenn dieser Cyberterrorismus weiter geht, wird das unseren Glauben in das Internet erschüttern. Es geht um den Kampf um das, was die Freiheit im Internet definiert. Ich finde es sehr erfreulich, dass Google sich endlich für die freie Meinungsäußerung einsetzt. Und es wirkt ironisch, dass sich ausgerechnet Google gegen China stellt – und nicht etwa Länder wie die USA, Deutschland oder andere Firmen wie Nokia, Siemens oder Cisco. Egal, wie diese Sache jetzt ausgeht, es ist gut, dass diese Diskussion jetzt geführt wird - von Google ausgelöst.
Google ist seit 2006 in China vertreten. Warum hat das Unternehmen so lange mit dieser Entscheidung gewartet?
Jarvis Man kann sagen, dass sie lange gewartet haben. Auf der anderen Seite hatte bisher niemand den Mut, sich gegen China zu stellen. Es gibt genügend Unternehmen, die viel länger gewartet haben.
Ist Googles Schritt nur ein Schritt für die gute Sache oder ist es nicht auch eine PR-Coup. Schließlich wird Google seit einiger Zeit insbesondere wegen seiner Marktmacht aber auch seiner Einstellung zu Privatsphäre-Regelungen heftig kritisiert.
Jarvis Sicherlich hilft Google diese Diskussion auch für ihre PR-Arbeit und dem "Not-Be-Evil"-Image. Zensur zu unterstützen, war böse. Ich bin froh, dass sie sich davon verabschieden.
In Deutschland gibt es eine große Diskussion um Datenschutz und Privatsphäre insbesondere in Bezug auf Google aber auch auf Facebook. Können Sie diese Diskussion nachvollziehen oder ist sie doch eher typisch deutsch?
Jarvis Ich glaube schon. Mein Schwiegergroßvater sagte immer: „Die Leute müssen das nicht wissen“ - eine sehr deutsche Einstellung. Ich glaube, dass wir heute eine neue Einstellung zu Privatsphäre und Öffentlichkeit haben. Wir reden immer über die Gefahr – das bedeutet, dass ich die Kontrolle über meine Daten und öffentlich zugänglichen Informationen über mich haben muss. Andererseits kann ich von dieser Öffentlichkeit auch profitieren. Ich wurde wegen Prostatakrebs operiert und ich habe darüber sehr ausführlich in meinem Blog berichtet. Unter der Überschrift „Penis Posts“ habe ich darüber geschrieben und wahrscheinlich mehr, als die meisten wissen wollten.
Warum haben Sie das gemacht?
Jarvis Weil ich davon extrem profitiert habe. Da waren Leute, die mich aufgemuntert und welche, die mich mit Informationen versorgt haben. Diese Informationen hätte ich nicht bekommen, wenn ich damit nicht in die Öffentlichkeit gegangen wäre. Wir sollten die Diskussion vom Schutz der Privatsphäre hin zum Schutz der Öffentlichkeit verschieben. Die Öffentlichkeit haben wir als Journalisten immer verteidigt. Wenn etwas in der Öffentlichkeit passiert, dann haben alle das Recht, dies auch zu erfahren, es zu teilen und es zu kommentieren. Wenn Leute bei Google Street View fotografiert werden und sich darüber beschweren, dann muss man ihnen entgegen, dass sie sich in der Öffentlichkeit bewegen. Wenn man es erlaubt, dass Google dieses Foto löschen muss, dann kann auch ein Politiker gegen unliebsame Fotos in einer Zeitung vorgehen.
Sie sind einer der größten Kritiker der deutschen Medienbranche – was sind die größten Fehler, die die deutsche Medienbranche gerade macht?
Jarvis Die deutsche Medienbranche hat in der Vergangenheit vieles richtig gemacht. Es gab viele innovative Schritte – Burda investiert in Glam, Etsy und Scienceblogs, Axel Springer macht mittlerweile 30 Prozent seines Umsatzes im digitalen Geschäft, viel mehr als US-Unternehmen. Bild-Chefredakteur Kai Diekmann macht wunderbare Dinge mit der Vado-Pocketcam, Holtzbrinck gründete ein eigenes Lab stieg bei StudiVZ ein. Es gab viele Innovationen bei den deutschen Verlagen.
Und jetzt?
Jarvis Die Zeiten wurden hart. Jetzt wird viel zu viel Anstrengung dafür angewendet, einen Schuldigen zu finden. Wir befinden uns in einem Umbruch. Sich hinter dem Rock von Angela Merkel zu verstecken und zu fordern, das Urheberrecht zu ändern, nur um große alte Firmen zu schützen, ist nicht nur sinnlos, sondern auch gefährlich. Deutschland schaut nach Amerika und sieht, dass es da viel schlimmer ist. Aber diese schlimmen Ereignisse aus den USA kommen jetzt nach Deutschland – da steckt viel Panik mit drin. Die Verlage müssen zurück zu Innovation und der Erkenntnis, dass sie unglaublich viel verändern müssen. Die Vergangenheit zu beschützen, ist keine Strategie für die Zukunft.
Wir sehen ja derzeit eine Entwicklung hin zu riesigen Plattformen. Mit Google kann man alles machen: Mail, Textverarbeitung, Fotos, Videos. Apple setzt auf Itunes, Apps und seine Endgeräte. Und auch Facebook bietet alles an: Kommunikation, Spiele und alle möglichen Dienste lassen sich da einbinden. Was unterscheidet diesen Trend zu den Plattform-Strategien, wie wir sie aus früheren Jahren von AOL kennen?
Jarvis Es gibt schon große Unterschiede. Mein Sohn hat zum Beispiel eine Facebook-Applikation geschrieben und mit dem damit verdienten Geld seinen Collegeaufenthalt finanziert – Facebook hat davon nichts abgekommen. Facebook ist eine Plattform, eine geschlossene, aber eine Plattform. Das Iphone ist ebenfalls eine Plattform, das Nexus One ist eine. Damals hat AOL alles kontrolliert und bereitgestellt. Das ist jetzt nicht mehr so. Interessanterweise gibt es dieses Denken aber noch bei Verlagen. Die Medien glauben, dass sie alles selbst machen müssen. Aber wenn man eine Plattform wird, kann man sehr schnell wachsen. Die Medien sollten daraus lernen.
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