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WhatsApp
Wir texten uns zu Tode

WhatsApp: Wir texten uns zu Tode
FOTO: Martin Ferl
Düsseldorf. E-Mail, SMS, Facebook, Twitter. Unsere digitalen Posteingänge quellen über. Am Donnerstag kam die Nachricht, dass WhatsApp jetzt auch auf normalen Computern funktioniert. Aber mal ehrlich: Ist das eine gute Idee? Ein Essay. Von Tobias Jochheim

Es gibt sie, die anderen. Diejenigen, die das "Wir" aus diesem Text nicht einschließt. Ich kenne Menschen persönlich, die ihr Handy abschalten (nicht lautlos, sondern komplett aus) und solche, die ihr MacBook herunterfahren (viele dürften vergessen haben, dass diese Option besteht). Ich kenne sogar Menschen meines Alters – Ende 20, Anfang 30 –, die Facebook boykottieren. Sie sind zu beneiden. Ich selbst wehre mich immerhin standhaft dagegen, WhatsApp zu nutzen.

Alles in allem aber sind wir die Mehrheit der jüngsten zwei Generationen.

Und wir haben ein Problem.

Dieses Problem besteht nicht wie oft behauptet darin, dass wir Sklaven unserer Geräte wären, unserer Smartphones, Tablets, Computer. Selbstredend verbringen wir viel Zeit mit ihnen, erschreckend viel, viel zu viel. Aber das ist nur ein Symptom. Die Krankheit ist eine andere.

Der Sklaventreiber ist unser eigenes Kommunikationsverhalten.

Kommunikation ist etwas Grundgutes, und die Rahmenbedingungen dafür sind heute besser als je zuvor. Doch wir kommunizieren nicht immer besser, nur immer mehr. Wir leben nach dem Motto: "Ich sende und empfange Nachrichten, also bin ich" und vernachlässigen darüber deren Inhalte. Wir nehmen uns selbst zu ernst, wenn wir auf unsere Nichtigkeiten umgehend Antworten erwarten. Und nicht ernst genug, wenn wir auf Nichtigkeiten anderer umgehend selbst antworten.

Kommunikation war lange eher Ausnahme als Regel

Es gab ein Zeitalter, in dem wir, wenn etwas nicht eilig war, einen Brief schrieben. Und wenn es doch eilig war, dann riefen wir an. Oder kamen persönlich vorbei (unangekündigt noch dazu, das stelle man sich mal vor). Diese Art zu kommunizieren war nicht immer schön. Im Gegenteil, sie war oft mühsam – nicht zuletzt, weil es immer Ärger mit dem Fax gab, das man benutzen musste, wenn etwas eilig war und zugleich schriftlich sein musste. Aber diese analoge Kommunikation war am Ende meist effektiv; die Zeit, in der sie sich abspielte, war entspannter. Und sie ist erst 15 Jahre her.

Damals kommunizierten wir, wenn wir einen Grund dazu hatten. Wenn etwas im weitesten Sinne wichtig war. Geschäftliches gehörte dazu, aber natürlich auch privater Smalltalk, Albernheiten und Tresengespräche. Was natürlich nur möglich war, wenn da jemand neben einem saß. Überspitzt gesagt war Kommunikation damals eher die Ausnahme als die Regel.

Das hat sich radikal geändert. Durch SMS und E-Mail, Facebook, Facetime, Skype. Rund um die Uhr haben wir die Möglichkeit zu nahezu kostenloser Kommunikation mit fast allen Menschen auf diesem Planeten. Selbst von der Internationalen Raumstation ISS twitterte Alexander Gerst; genau genommen drückte zwar das Bodenpersonal auf den Senden-Knopf, aber er hätte auch selbst gekonnt.

WhatsApp bedeutet die totale Kommunikation

Mit WhatsApp ist die vorläufige Endstufe des digitalen Dauerfeuers erreicht, die totale Kommunikation. Weil die (längst von Facebook übernommene und skandalös datenhungrige) App Vorteile aller anderen schriftlichen Kommunikationswege vereint: WhatsApp-Nachrichten sind simpel wie SMS, bieten Platz für Fotos und Videos wie eine Mail, machen die in Berufsdingen so verhasste Massenansprache cool – und das alles "selbstverständlich" gratis. Ob Kegelclub, Kollegen oder beste Kumpels; zu fast jeder real existierenden sozialen Gruppe gibt es ein Pendant bei WhatsApp.

Diese selbst heraufbeschworene Nachrichtenflut hat den angenehmen Nebeneffekt, dass sich unangenehme Inhalte leicht ignorieren lassen. Solange wir glaubhaft versichern können, dass eine Mail ungelesen ist, läuft auch noch nicht der gnadenlose (und leider eben nicht ganz imaginäre) Countdown zu ihrer Beantwortung. Verbissen kämpfen wir darum, Zeit zu gewinnen – Stunden, Minuten oder auch nur Sekunden, die noch vor wenigen Jahren jeder jedem ganz selbstverständlich zugestanden hatte.

Deshalb die wenig erwachsenen Spielchen und Verrenkungen wie der Umweg über den "Flugmodus" des Handys, der das heimliche Lesen von WhatsApp-Nachrichten erlaubt. Und deshalb auch die Hysterie, als WhatsApp plötzlich mittels stilisierten blauen Häkchen nicht nur anzeigte, welche Nachricht technisch beim Empfänger angekommen ist, sondern auch, welche tatsächlich gelesen wurde.

Das Abendland schien in Gefahr, zumindest aber der Fortbestand vieler Freundschaften und Beziehungen. Solche von einigen Nutzern in vollem Ernst geäußerten Reaktionen sind eine Einladung für Spötter. Ihre Grundannahme trifft auch sicherlich nicht auf "uns alle" zu – die gesellschaftliche Wirklichkeit aber hat sich tatsächlich in eine gefährliche Richtung entwickelt. Motto: Wer nicht gerade im Vier-Augen-Gespräch mit seinem Chef sitzt oder im Operationssaal liegt, hat gefälligst erreichbar zu sein. Und die Nachrichten zu lesen, die ihn auf allen Kanälen erreichen. Und sie zu beantworten.

Das alles ist Auswuchs des unschuldigen menschlichen Bedürfnisses nach Aufmerksamkeit: Es liegt allein in unserer Hand, im Gespräch zu sein, ständig und mit allen. Und wer möchte nicht gern im Gespräch sein? Ganz unverbindlich und risikofrei, versteht sich. Nicht mittendrin. Aber eben dabei.

Das Ausbrechen aus dem Kreislauf der Pseudo-Kommunikation fällt schwer

Die Entwicklung zur Dienstleistungsgesellschaft erleichtert das. Wer körperlich arbeitet, konnte und kann es sich kaum leisten, zwischendurch aufs Handy zu schauen, selbst wenn er Empfang hat – schon aus Sorge um die eigene Gesundheit zwischen schwerem Gerät in der Fabrik, auf hoher See, unter Tage.

Wir aber, an unseren Schreibtischen in Büros und Bibliotheken, Amtsstuben und Agenturen, Schulen und Redaktionen, gönnen uns mehr oder weniger heimlich den Blick auf Facebook und Co.

Und freuen uns, wenn wir "Post" haben. Und schreiben kurz zurück. Und erwarten, dass man dann auch uns auf unsere nächsten Nachrichten umgehend antwortet. Auch wenn sie weder weltbewegend sind noch zeitkritisch. Das waren die der anderen ja schließlich auch nicht!

Wer sich diesem Kreislauf der Pseudo-Kommunikation nicht unterwirft, hat schnell den Ruf weg, nicht nur ein Sonderling zu sein, sondern sich auch für etwas Besseres zu halten. Soziologen bemühen dafür die Krabbenkorb-Metapher: Man kann viele Krabben in einem Korb mit verhältnismäßig niedrigen Wänden gefangen halten – weil jeder Ausbruchswillige von der Masse zurückgehalten wird. Im Englischen heißt das "Tall Poppy Syndrome": Jede Blume mit dem Drang nach oben wird auf Normalmaß gestutzt.

Wer zu lange nicht antwortet (oder, besonders unter jungen Frauen, nicht die neuen Profilfotos der Freundinnen "liked"), bekommt bald passiv-aggressive Reaktionen: "Es enttäuscht mich, dass du nicht mal eben... ?!" So abstrus das für Baby-Boomer und erst recht die Generation der Kriegsversehrten klingen mag: Dahinter können durchaus verletzte Gefühle stehen. Die heutige Art zu kommunizieren könnte Sicherheit vermitteln, ein Ausdruck von Freiheit sein. Stattdessen basiert sie auf einem Netz aus Abhängigkeiten, in dem sich fragile Egos wie Narzissten gleichermaßen verheddern.

Wir sind übersättigt, überreizt von Kommunikation

Und so erschafft eine Kombination aus Langeweile, Höflichkeit, stark schwankendem Selbstbewusstsein und gefühltem Gruppendruck ein perpetuum mobile aus Kommunikation, die ihren Namen kaum verdient. Sie dreht sich um "Likes", um überschaubare Variationen von "Alles gut?", "Was machst du gerade?", "Was geht am Wochenende?" und "Grüße an XY!". Das gab es zwar schon immer, aber bis vor wenigen Jahren setzte diese Art von Nicht-Gesprächen reale Begegnungen mit anderen Menschen voraus. Heute finden sie bedingungslos und deshalb kontinuierlich statt. Auf die Spitze getrieben wurde das Prinzip "Texten um des Textens willen" durch die App "Yo", mit der man lange nichts anderes als das Wort "Yo" versenden konnte. Sie wurde millionenfach heruntergeladen.

Hauptsache im Gespräch sein – nicht zu verbindlich, aber doch jedenfalls in Verbindung mit dem vielleicht nächsten Chef und den möglichen Kandidaten für das nächste Date. Im Zweifelsfall schön ironisch, mit einem Zwinker-Smiley. Mit diesen traumhaften Aussichten locken uns WhatsApp und Co. auch und gerade, wenn wir einmal im realen Gespräch mit Freunden sind. Netzwerken, gefragt werden, gefragt sein ist alles. Die Zahl der Facebook-Freunde und Twitter-Follower mag ein Statussymbol sein, deutlich wertvoller ist aber die Zahl der gesendeten und empfangenen Nachrichten pro Stunde. Also reagieren wir wie dressierte Äffchen auf  das 'Pling' einer neuen Nachricht.

Nach Feierabend plagt uns dann das Schuldgefühl, und wir beantworten die berufliche Mail im Schlafzimmer, wie wir ein paar Stunden zuvor die private SMS am Schreibtisch beantwortet hatten. Diese Dauer-Kommunikation macht müde. Und kostet, egal wie schnell oder langsam man tippt, viel Zeit. Und selbst, wenn wir ausnahmsweise mal welche haben, ignorieren wir das Klingeln von Türschelle oder Telefon. Übersättigt, überreizt von Kommunikation, teils fast phobisch. Traurige Versuche, Gelegenheiten für jene wahre Kommunikation auszumerzen, die als Ausgleich so nötig wäre.

Die ruhige Stunde für ernsthafte Mails kommt allzu selten

Nicht, dass qualitativ hochwertige Kommunikation analog oder mündlich stattfinden müsste. Doch beim Texten kommt es immer seltener dazu. Das wenige Wichtige wird in unseren diversen Posteingängen überspült von dem unendlichen Strom an Nichtigkeiten, auf den wir ständig reagieren sollen – gerade weil es doch nun wirklich nicht zu viel verlangt sei, zu diesem, jenem und allem ganz kurz unsere Meinung abzugeben.

Die ruhigen Stunden, in denen wir die ernsthaften Nachrichten ebenso ernsthaft beantworten wollen, kommen immer seltener.

Und so setzen wir tatsächlich Freundschaften und Beziehungen aufs Spiel – und im Extremfall auch Leben. Nämlich, wenn uns das Mitteilungsbedürfnis auch in der "toten Zeit" am Steuer packt. Und man Fußgänger ins Grab oder Radfahrer in den Rollstuhl fährt, um zweifellos Überflüssiges zu tippen, etwa "Bin unterwegs" wie in einer bedrückenden Dokumentation von Werner Herzog über Unfälle durch SMS am Steuer.

Oder "Ich liebe dich" – was nie überflüssig ist, aber gesprochen eine ganz andere Wirkung entfaltet. Ähnlich wie ein echtes Lachen oder Weinen, ein echter Handschlag oder Schulterklopfer, eine echte Umarmung gegenüber all den Smileys und "Gefällt-mir-Daumen". Der Wirkungsgrad menschlicher Wärme sinkt, wenn sie uns nach Umwandlung in digitale Signale im kalten Licht eines Displays erreicht. 

Dass WhatsApp die Lesebestätigung wieder optional gemacht hat, mag ein Schritt in die richtige Richtung sein. Die Wunderheilung unserer Kommunikations-Krankheit ist es sicherlich nicht.

Dieser Text ist zuerst in der digitalen Sonntagszeitung der Rheinischen Post erschienen. Mehr Informationen dazu gibt es unter www.rp-app.de.

 
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