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Mein traumatisches Ärzte-Konzert
Pop: Mein traumatisches Ärzte-Konzert
Farin Urlaub scherzt mehr, als dass er Musik spielt. FOTO: dpa
Düsseldorf. Seit Jahren wollte ich diese Band live sehen. Doch der Auftritt in Düsseldorf war eine einzige Enttäuschung. Von Gesa Evers

Ich hatte mich schon damit abgefunden, wieder eine Ärzte-Tour zu verpassen. Entweder die Karten waren zu schnell weg oder ich hatte gepennt und nicht mitbekommen, dass sie wieder mal in meine Gegend kommen. Im Sommer sagte mir eine Freundin, dass sie mit einer anderen Freundin zum Konzert im November in Düsseldorf geht und meinte, auf der Ärzte-Homepage könne man noch Karten bestellen.

Ich war skeptisch, sah aber trotzdem nach und tatsächlich: Nach wenigen Klicks war ich im Besitz einer Ärzte-Karte, 35 Euro plus Versand, nicht Innenraum wie meine Freundin, aber egal. Es kam mir fast unwirklich vor, es nun endlich geschafft zu haben. Ich habe eigentlich alle Bands und Künstler live gesehen, die ich immer live sehen wollte, nur eben die Ärzte nicht. Ich hätte liebend gern auf eines meiner drei Toten-Hosen-Konzerte verzichtet, um einmal die schlaueren und lustigeren Ärzte zu sehen.

Ich kenne ihre Konzerte aus dem Fernsehen, einmal hat eine Freundin ihren Auftritt bei Rock am Ring live per Handy an mich übertragen, ich habe die Leute singen gehört und wäre fast geplatzt vor Neid. Sie sind sehr lustig bei ihren Konzerten, sie schweigen nicht eisern wie etwa Anthony Kiedis von den Red Hot Chili Peppers, sie quatschen und blödeln und zeigen ihrem Publikum so, wieviel Spaß sie gerade an ihrem Auftritt haben. Auch in Interviews können Farin, Bela und Rod ja nie ernst sein, es ist immer lustig, ihnen zuzusehen.

9000 Menschen wollen Party machen

Nun also die Ärzte live. Ich bin eigentlich nicht der Typ, der alleine auf Konzerte geht, aber bei dieser Band war mir das egal. Stehe ich eben alleine auf dem Oberrang und mache Party, die Ärzte haben ja ungefähr 30 Lieder, die ich auswendig mitsingen kann und die einfach nur groß sind. Als ich an meinem Platz ankomme, muss ich festsellen, dass neben mir ein schwer übergewichtiger Typ sitzt, so dass ich meinen Stuhl nur zu zwei Dritteln nutzen kann. Ich will gerade anfangen, dass ziemlich blöd zu finden, als meine Freundin anruft und sagt, sie könne mich in den Innenraum schmuggeln.

Besser geht es nicht. Gleich werden wir zusammern zu "Zu spät" und "Westerland" abgehen, so wie vor 15 Jahren im Freibad. Die schreckliche Vorband ist schon lange weg, es liegt diese flirrende Vorfreude in der Luft, 9000 Menschen sind bereit, ordentlich Party zu machen.

Das Licht geht aus, wir rennen nach vorne, um mehr zu sehen. Ein voller Becher Bier landet mit Karacho in meinem Gesicht, so dass ich sekundenlang nichts sehen kann, aber egal. Davon lasse ich mir jetzt nicht die Laune verderben, jetzt kommen die Ärzte. Das erste Lied, "Wir sind die Besten", kenne ich nicht, aber das ist ja oft so, dass man das erste Lied nicht kennt. Ich bin kein Hardcore-Fan, ich bin aber jemand, der die Band sein halbes Leben lang hört und viele Songs für Meisterwerke hält, etwa "Hurra", "Nichts in der Welt", "Mach die Augen zu" oder "Zu spät".

Ich verpasse nichts

Von den nächsten zehn Songs kenne ich drei, ich tanze trotzdem und bin sicher, dass die nächsten drei Stunden großartig werden. Nun sagen sie was, "Hallo Düsseldorf", das "dorf" ironisch in die Länge gezogen, sie beschimpfen einige Besucher, die mit verschränkten Armen auf ihren Plätzen sitzen. Sie lachen über ihre Witze, wie immer. Ich denke: cool. Weiter so.

Sie machen weiter, von den folgenden 18 Songs kenne ich vier, zwischen dem wunderbaren "1/2 Lovesong" und "Wie es geht" und "Hurra" liegen anderthalb Stunden Musik, die mir nichts sagt, die nur Leute kennen, die jedes einzelne Album aufsagen können. Ich hatte mir vorher den Kopf darüber zerbrochen, was ich alles verpasse, wenn ich mal raus muss. Inzwischen weiß ich, dass ich nichts verpasse. Ich bin hierher gekommen, um Ärzte-Songs zu hören, die auch Hits sind, die ich kenne, die ich mitsingen kann. Auch wenn es für Musik-Nerds vermutlich das Uncoolste ist, was man sagen kann: Ich möchte nicht die heimlichen Lieblingssongs der Band, ich möchte die Lieder, die sie groß gemacht haben. Ja, genau die, die in den Charts waren.

Ich finde auch, dass man das verlangen kann als Besucher, der 35 Euro bezahlt, auch wenn das im Verhältnis noch günstig ist. Um mich herum macht sich Ratlosigkeit breit, meine Freundin geht nach zwei Stunden frustriert nach Hause, ich habe immer noch die Hoffnung auf "Zu spät", "Westerland", "Komm zurück", "Lasse reden" oder "Der Graf". Doch sie spielen "Mysteryland" und "Fiasko", ihre Witze sind völlig abgekoppelt vom Publikum und nur dazu da, die drei Herren auf der Bühne zu unterhalten. Mal reden sie zehn Minuten lang vor sich hin. Ich denke: Hört mal auf zu quatschen und spielt Musik.

Während der ersten Zugabe gehe ich. Ich verpasse "Unrockbar", "Manchmal haben Frauen..." und "Schrei nach Liebe", doch selbst diese Lieder sind es nicht wert, vorher drei Stunden mehr oder weniger irritiert herumzustehen. Ein Kollege hat mir erzählt, dass es ihm bei einem Konzert in Frankfurt genauso ergangen war. Ich konnte das nicht glauben. Doch ich war noch nie so enttäuscht von einem Konzert wie von diesem. Natürlich sind die Ärzte weiterthin großartig. Aber live spielen sie in Zukunft wieder ohne mich.

Quelle: seeg
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