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Analyse
Nerds sind meistens männlich

Marissa Ann Mayer soll Yahoo retten
Marissa Ann Mayer soll Yahoo retten FOTO: dpa, Walter Bieri
Düsseldorf. Die IT-Branche ist eine Männerdomäne: Der Frauenanteil beträgt nur 14 Prozent. Schuld ist mitunter ein Image-Problem dieses Berufszweigs, der in den kommenden Jahren mehr Arbeitsplätze schafft als jeder andere. Von Frank Herrmann und Philipp Jacobs

Ellen Pao hat einen Gerichtsprozess verloren - und eine Debatte in Schwung gebracht. Es geht um die Frage, ob das Silicon Valley, jenes IT-Mekka des Unternehmergeists, wo sich risikofreudige Geldgeber mit kreativen Studienabbrechern zusammentun, nicht zugleich auch eine Hochburg der Frauenfeindlichkeit ist.

Pao hatte geklagt, gegen Kleiner Perkins Caufield & Byers (KPCB), den Primus der Wagniskapitalbranche, der sich einen Namen machte, als er früh bei Amazon und Google einstieg. Als ehemalige Juniorpartnerin der Firma sei sie diskriminiert worden, und als sie sich wehrte, habe man sie gefeuert, führte die 45-Jährige ins Feld. Falsch, Pao habe einfach nicht gehalten, was man sich von ihr versprach, entgegnete das Unternehmen. Eine zwölfköpfige Jury in San Francisco gab KPCB recht, wenn auch mit drei Gegenstimmen, was im amerikanischen Justizbetrieb relativ selten passiert, sind doch Geschworene in aller Regel bemüht, nach außen ein Bild der Geschlossenheit zu präsentieren. Die Unterlegene des Verfahrens, sie sieht sich als die wahre Siegerin.

Das Silicon Valley gilt schon seit Längerem als nahezu rein männerdominierter Ideenpool. IT-Stellen sind fast durch die Bank mit Männern besetzt. In Deutschland sieht es nicht besser aus: Auf sechs männliche IT-Spezialisten komme derzeit nur eine Frau mit entsprechender Expertise, teilt der Hightech-Verband Bitkom auf Grundlage einer Branchenumfrage mit. Der Anteil von Frauen im Top-Management liegt lediglich bei vier Prozent, im mittleren Management bei sieben Prozent. Damit tut sich die IT-Branche keinen Gefallen. Es gibt wenige Geschäftsfelder, die so stark wachsen werden. Der Fachkräftemangel sorgt erst recht dafür, dass Spezialisten händeringend gesucht werden. Allein in Deutschland schafft die Sparte mehr als 80 000 Arbeitsplätze in vier Jahren. Die Zahl wird mit jeder neuen Erhebung weiter nach oben korrigiert.

Inzwischen interessieren sich aber auch immer mehr Frauen für Bits und Bytes. Im Wintersemester 2014/15 ist die Zahl der Studienanfänger in der Informatik auf 34.300 gestiegen. Das ist ein Anstieg um 2,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Informatik ist damit das einzige Fach im Bereich Mathematik und Naturwissenschaften (Mint), das ein neues Rekordhoch erreicht hat. Während die Zahl der männlichen Studierenden nur um 1,8 Prozent zulegte, wurden 5,6 Prozent mehr Frauen im Vergleich zum Vorjahr registriert. Die knapp 7700 Frauen im ersten Hochschulsemester repräsentieren damit knapp ein Viertel aller Erstsemester.

Ausgebildete Informatikerinnen haben gute Chancen. Denn vor allem Software-Entwickler werden gesucht: 72 Prozent der offenen Stellen sind auf solch eine Spezialisierung ausgeschrieben. Es folgen Anwendungsbetreuer (31 Prozent) und Qualitätstester (25 Prozent). Mit Blick auf das Gehalt bietet die IT-Branche für Frauen ein lukratives Umfeld. Die sogenannte Pay Gap, also die Gehaltslücke, ist kleiner als in anderen Wirtschaftsbereichen. Einer Studie der Harvard-Universität zufolge verdienen Programmiererinnen 90 Prozent des Gehalts ihrer männlichen Kollegen. Im Finanzsektor sind es teilweise nur 66 Prozent.

Doch die Branche hat ein Image-Problem: Ihr haftet ein Bild an, das Frauen zumindest zögern lässt, in einem IT-Unternehmen anzuheuern: das Bild vom männlichen Computerfreak, der mit schlabbrigem T-Shirt vor dem Bildschirm sitzt, Brille trägt und eine Aversion gegen menschlichen Kontakt hegt. Dabei müssen Nerds heute keine Code-Knacker mehr sein, die ausschließlich in dunklen Zimmern Sprachen wie C++ und Java sprechen, deren Syntax sich nur Gleichgesinnten erschließt. So ist die Entwicklung einer Smartphone-App kein reines Programmier-Projekt. Kaufmännisches Know-how und ein Gefühl für Design und Einfachheit sind ebenso wichtig. Viele Spitzenkräfte in der Datenanalyse kommen beispielsweise aus der Linguistik. Bei Produktmanagement, Vertrieb und Marketing ist Wirtschaftswissen gefragt. Für Frauen bieten sich inzwischen viele andere Zugänge in die IT, die attraktiv sind. Man muss nicht Informatik studiert haben, um eine Stelle in der Branche zu ergattern. Obwohl die Gründergrößen des Silicon Valley fast ausnahmslos diese Fachrichtung wählten.

Als Marissa Mayer 2012 als Chefin des Technologieriesen Yahoo vorgestellt wurde, feierte die Frauenwelt die Personalentscheidung als Weckruf. Alles passte: Mayer hatte in Stanford Informatik studiert, und kam auch noch hochschwanger zu Yahoo. Ein Paradebeispiel für eine erfolgreiche IT-Unternehmerin. Dann aber räkelte sich Mayer im August 2013 in der US-Modezeitschrift "Vogue" mit knallroten Lippen, blauem Designer-Kleid von Michael Kors und Yves-Saint-Laurent-Stilettos auf einer weißen Liege. Kritiker sagten, Mayer sei zu sexy für das Image eines IT-Chefs. Und prompt war das alte Bild wieder da: IT ist nicht sexy. Also passen Frauen nicht hinein.

Es ist ein Mantra, das sich durch die Geschichte zieht. Als die USA während des Zweiten Weltkriegs den ersten elektronischen Universalrechner bauten, waren sechs Mathematherinnen mit der Programmierung beauftragt. Das Projekt lief unter dem Namen Electronic Numerical Integrator and Computer, kurz Eniac. Ziel war es, ballistische Tabellen, die bei der Einstellung der Geschossbahnen notwendig waren, zu berechnen. Bei ihrer Arbeit musten die Spezialistinnen schwere Kabel umstecken. Es war ein Knochenjob, der analytisches Denken forderte. Der Eniac wurde erst 1946 fertig, zu spät für den Kriegseinsatz. Bei der offiziellen Vorstellung wurden die an dem Projekt beteiligten Männer vorgestellt - die Programmiererinnen blieben unerwähnt. Erst 50 Jahre später wurden sie geehrt.

Quelle: RP
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