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CeBIT-Schnickschnack: Evolution von Albernheit

VON TORSTEN CASIMIR - zuletzt aktualisiert: 11.03.2005 - 14:47

Düsseldorf (RP). Und wieder führt die Computermesse Cebit ihre Zauberkästen vor. Mancher Schnickschnack sei dabei, sagt die Kommunikationsforschung. Aber sie blickt beim Tempo der Entwicklung selbst kaum noch durch.

Viele werden aus der Bit-Kurve fliegen.  Foto: AP, AP
Viele werden aus der Bit-Kurve fliegen. Foto: AP, AP

Die digitale Revolution frisst ihre Kinder nicht. Nicht die Kinder. Sie frisst eher die Mittelalten und die Alten. Viele aus der Generation derer, die sich an die Geburt des ersten Personal Computers vor 30 Jahren noch erinnern, kommen mit dem Tempo der Entwicklung nicht mit.

Sie kapitulieren vor den kleinen smarten Kästen, deren Oberflächen freundlich zur Benutzung einladen, deren kapriziöse Tiefe aber manchen Benutzer zur Verzweiflung bringt. Je mehr machbar wird, desto mehr kann misslingen.

Aus der Bit-Kurvefliegen

Studien lassen vermuten, was auch gesunder Menschenverstand ahnt: Eine Elite wird ihren Nutzen daraus ziehen. Eine Mittelschicht wird aus Prestigegründen mithalten wollen. Und eine Unterschicht wird aus der Bit-Kurve fliegen. Ist weitgehend schon passiert.

Nur die Kinder bleiben locker. „Sie sind die Innovatoren der Informationsgesellschaft“, sagt der in Münster lehrende Medienforscher Klaus Merten. Sie erklärten oft den Älteren, was zu tun sei. Für den Rest der Welt gilt („von interessierten Minderheiten abgesehen“) nach Ansicht des Professors: „ Die Evolution der Kommunikation beschleunigt sich so, dass keiner Schritt hält. Selbst die Wissenschaft nicht mehr. Unser Wissen hat immer kürzere Halbwertzeiten.“

Explosion von Möglichkeiten

Auf der größten Computermesse der Welt im ansonsten harmlosen Hannover lässt sich die Kluft besichtigen zwischen dem, was nun der Fall ist, und dem, was von einer nennenswerten Menschenzahl gewusst oder gar beherrscht wird: Cebit - die jährliche Funktionsflut, die auf das Tempo von Vermittlern keine Rücksicht nimmt. Explosion von Möglichkeiten.

Zum Beispiel im Handy. Dass es Fotos macht, seinen Besitzer weckt, Umrechnungsprogramme bereithält, sind zum Teil schon recht alte Eigenschaften. Dass es Filme zeigt, ist neuer. Und alberner. Auch die Evolution von Albernheit beschleunigt sich. Der Apparat hat sich zum Accessoire fortentwickelt. Alle telekommunikativen Chancen werden in ihm auf wenige Kubikzentimeter verdichtet.

Der Kunde kann infolgedessen sein soziales Leben stets bei sich führen. Die Perfektion von Erreichbarkeit führt freilich zur Auflösung einer uns vertrauten Kategorie: der des festen Standpunktes.

"Ziemlich verhetzt global vernetzt flexibel"

Das Stationäre gerät unter Druck. Die Vertriebsleute von Mobilfunk-Konzernen freuen sich über wachsende Kundenkreise, die ihre Festnetz-Anschlüsse kündigen. Handy reicht. Auch E-Mail macht mobil. Flache, aus dunklen Gründen Blackberry (Brombeere) genannte Schachteln erlauben das Mailen und Surfen von unterwegs. Wer auf Draht ist, tut es drahtlos.

„Ja, es war alles irgendwie ziemlich verhetzt global vernetzt flexibel und durchrationalisiert also wir waren wie Daten und rasten durch Informationsnetzwerke ohne auch nur zu ahnen wer oder wo wir wann waren.“

So atemlos klingt es zwischen diversen Handy-Klingelton-Sinfonien (übrigens jedem seine unverwechselbare Melodie neuerdings!) in „Electronic City“, einem vor anderthalb Jahren in Bochum uraufgeführten, also alten Theaterstück von Falk Richter. Ja gut, diese Stückeschreiber sind eben Technikmuffel. Aber Mobilfunkvertreiber müssen sie nicht wirklich fürchten.

„Ich glaube, für die Mehrheit der Menschen ist das Schnickschnack. Den meisten Leuten würde es völlig reichen, ihre E-Mails einmal am Tag stationär zu erledigen.“ Das meint Medienfachmann Merten, der im Gespräch mit unserer Zeitung aber sofort ergänzt: „Dennoch werden diese neuen Techniken sich wohl durchsetzen. Wenn du’s nicht hast, kommst du dir irgendwie schlecht angezogen vor.“

Man käme also ohne aus, aber man kommt nicht ohne aus.

Quelle: alfa

 
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