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"Bevormundung der Leser": Medienexperte: "FTD" überschreitet die Grenzen des Journalismus

zuletzt aktualisiert: 16.09.2002 - 11:01

Hamburg (rpo). Das Urteil des Medienwissenschaftlers Siegfried Weischenberg zur Wahlempfehlung der "Financial Times Deutschland" (FTD) ist eindeutig: Die Zeitung gehe an die Grenzen des Journalismus. Weischenberg sieht in der Aktion vielmehr eine "Marketing-Strategie" um die Auflage des Blatts zu steigern.

"Journalisten sollen informieren, kritisieren, kontrollieren und orientieren - nicht aber missionieren", sagte der Leiter des Instituts für Journalistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Hamburg der dpa. Er bezeichnete die Aktion des Wirtschaftsblatts als eine "Bevormundung der Leser".

Die Wahlempfehlung sei in erster Linie eine "Marketing- Strategie", sagte Weischenberg, der von 1999 und 2001 Vorsitzender des Deutschen Journalistenverbandes war. "Die "Financial Times Deutschland" ist - was die Auflage betrifft - ja nicht gerade in aller Munde. Seit sie diese Geschichte machen, ist sie es." Es gehe der Chefredaktion wohl darum, die Aufmerksamkeit neuer Leserkreise zu wecken, die Auflage zu steigern und mehr Anzeigenkunden zu gewinnen. Die Anfang 2000 gestartete FTD verkaufte im zweiten Quartal diesen Jahres etwa 83 000 Exemplare.

Nach Auffassung Weischenbergs ist die Wahlempfehlung, die in den USA und Großbritannien Tradition hat, ein weiterer Schritt in der "Amerikanisierung" des deutschen Wahlkampfes und der deutschen Medien. "Zuvor haben wir beobachtet, wie die Auftritte der Politiker immer professioneller wurden, wie das Fernsehen in der politischen Berichterstattung wichtiger wurde und sich Wahlwerbung und Produktwerbung mehr und mehr anglichen."

"Wir sollten nicht alles naiv aus Amerika kopieren, zumal selbst dort Wahlempfehlungen höchst umstritten sind", sagte Weischenberg. Die USA hätten zudem eine andere Zeitungslandschaft und ein anderes politisches System als Deutschland: "Die Amerikaner wählen ihren Präsidenten direkt, in Deutschland votiert man für Parteien." Eine Wahlempfehlung habe deshalb in Deutschland weniger Sinn.

Nach Ansicht des Medienexperten werden dem Beispiel der FTD zukünftig nur vereinzelte, auflagenschwache Zeitungen folgen. "Es haben sich bereits eine Reihe prominenter Chefredakteure anderer Tageszeitungen dagegen ausgesprochen." Auflagenstärkere Zeitungen würden einen Teil ihrer Leser vor den Kopf stoßen, sprächen sie sich für eine bestimmte Partei, eine bestimmte Koalition und einen bestimmten Kanzler aus.

Quelle: RPO Archiv

 
 
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