Datenmissbrauch bei Apps: Nutzer klagen gegen iPhone-Spionage
VON NILS DIETRICH - zuletzt aktualisiert: 29.12.2010 - 14:03Düsseldorf (RPO). Ob Routenplaner, Spiele oder Terminkalender: Die zahlreichen Apps machen das iPhone zu einem multimedialen Alleskönner. Doch nicht alles scheint mit rechten Dingen zuzugehen. Angeblich werden persönliche Daten der App-Nutzer ohne deren Wissen weitergegeben und kommerziell verwertet. Jetzt müssen sich der Technologiekonzern und einige App-Anbieter vor Gericht verantworten.
Die Vorwürfe wiegen schwer: Apple und einige Anbieter von Apps sollen ohne das Wissen der Nutzer private Daten weitergeleitet und verarbeitet haben. Vier User ziehen nun in den USA vor Gericht. Sie fordern ein Verbot der Datennutzung und eine finanzielle Entschädigung, die in den Vereinigten Staaten durchaus üppig ausfallen kann.
Die gesamte Branche beobachtet den anstehenden Prozess mit Bauchschmerzen. Könnte er doch das lukrative Geschäft empfindlich stören. Apple verdient mit dem iPhone, das weltweit millionenfach verkauft wird, und den dazugehörigen Apps Milliardensummen. Besonders das Geschäft mit den kleinen Zusatzprogrammen hat inzwischen gigantische Ausmaße angenommen, App-Anbieter schießen derzeit wie Pilze aus dem Boden.
Allein die Deutschen sollen laut einer Prognose des Branchenverbandes Bitkom in 2010 755 Millionen mobile Apps herunterladen. Derzeit sind es weltweit sogar 10,9 Milliarden, wobei sich der Wert binnen vier Jahren sollen 76,9 Milliarden sein, prognostiziert das US-Marktforschungsinstitut IDC. Der Umsatz werde sich dann auf 35 Milliarden US-Dollar summieren.
Doch die momentan entstehende "App-Industrie" generiert ihre Umsätze nicht nur über den Verkauf der Programme - viele sind ohnehin umsonst bzw. finanzieren sich über Werbung. Viel interessanter ist der Datenschatz, den ein iPhone birgt. Über GPS kann beispielsweise der Standort des Users festgestellt werden, durch die Art der heruntergeladenen Apps sind Rückschlüsse auf Weltanschauungen und Vorlieben möglich. Gleichzeitig verfügt jedes Gerät über eine ID-Nummer, die ähnlich wie eine Seriennummer funktioniert.
Lukratives Geschäft mit Nutzerdaten
Diese persönlichen Daten der Nutzer sind bares Geld wert: Sämtliche Aktivitäten eines Anwenders können verfolgt und ein persönliches Profil erstellt werden. In Kombination mit Daten aus der Marktforschung können die Datensammler ganze Nutzergruppen kategorisieren. In der Werbung sind solche Informationen heiß begehrt. Sie ermöglichen beispielsweise maßgeschneiderte Produktangebote.
Dabei handelt es sich nicht um Schwarzmalerei. Dass nicht alle Apps vertrauenswürdig sind, fand das "Wall Street Journal" kürzlich in einem Test heraus. Das Resultat: Die Smartphones würden "regelmäßig und im großen Stil" persönliche Daten weiterreichen, schrieb das Blatt. Von 101 getesteten Programmen verschickten 56 die Geräte-ID, ohne den Nutzer vorher um Erlaubnis zu fragen.
47 Apps gaben den Standort des Handys an, fünf übermittelten persönliche Daten wie Alter und Geschlecht. Grundsätzlich sei es fast unmöglich, Applikationen den Zugang zu individuellen Daten über Gerät und Besitzer zu verwehren.
Genau dies wirft Kläger-Anwalt Majed Nachawati Apple und den App-Anbietern vor: Sie hätten die persönlichen Daten von Verbrauchern ohne deren Genehmigung für kommerzielle Zwecke verwendet. Er vertritt vier Nutzer aus den US-Bundesstaaten Kalifornien und Texas, die Schadenersatz von den Unternehmen verlangen. Der Anwalt kritisierte, dass die Unternehmen die persönlichen Daten von Nutzern ohne deren Wissen unter anderem an Firmen der Werbebranche weiterreichten, um auf diese Weise Profit zu machen.
Apple kommt vor den Kadi
Neben Apple richtet sich die Klage gegen acht App-Hersteller, die nicht gerade als Nischenanbieter bezeichnet werden können. Zu den beklagten Firmen gehören Gogii, das die Anwendung TextPlus4 zur Versendung von Texten zusammen mit Foto des Nutzers herstellt, der Weather Channel, der Wettervorhersagen liefert, dictionary.com, das die Geräte mit Wörterbüchern versorgt, und Backflip, dessen Spiel "Paper Toss" darin besteht, ein zerknülltes Papier in einen Papierkorb zu werfen. Auch Talking Tom Cat steht am Pranger.
Die Unternehmen selbst wollten sich zu den Vorwürfen nicht äußern. Bislang war Datenschutz bei iPhone, Ipad oder auch Googles Android ohnehin kein großes Thema. Immerhin schreibt Apple für seinen App-Store vor, dass Nutzer vor der Weitergabe von Daten gefragt werden müssen. Ob es bei Zuwiderhandlungen Konsequenzen gibt, wollte Apple aber nicht sagen.
Die offenbar vorherrschenden Missstände sind vor allem möglich, weil der Gesetzgeber noch keine verbindlichen Vorgaben für den Umgang mit Daten gemacht hat. Experten beklagen, dass die Verantwortung für den Datenschutz derzeit beim Nutzer und nicht bei dem Anbieter der Hardware bzw. der Software liegt. Nun müssen die Gerichte die Versäumnis der Politik aufarbeiten.
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