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Digitales
Off du fröhliche
Digitales: Off du fröhliche
Clara Ott hat Facebook auf Wiedersehen gesagt. Sie lebt jetzt in einer besseren Welt. FOTO: Martin Ferl
Berlin. Nach fünfjähriger Hassliebe hat sich unsere Autorin Clara Ott endgültig bei Facebook gelöscht – eine Geschichte über die Macht des Egos und wie man es besiegt. Von Clara Ott

Es war kein schwacher Moment, sondern die letzte Kontrolle. Gestern wollte ich mich wieder einloggen. "Konto nicht gefunden. Du musst dich zuerst anmelden." Nein, Facebook, denn seit dem 1. Dezember ist es aus mit uns! Ich habe Schluss gemacht nach unserer fünfjährigen Hassliebe. Sich nach Wochen noch einmal einloggen zu wollen, war so, als hätte ich seine Telefonnummer noch einmal gewählt. Aber statt der vertrauten Stimme verkündete eine nüchterne Ansagerstimme die Facebook-Variante von "Kein Anschluss unter dieser Nummer."

Danke, mir geht es bestens. Denn was ich mir durch die Trennung erhoffte, ist tatsächlich eingetreten. Wenn ich jetzt nachts wach werde, trinke ich einen Schluck Wasser, statt bei Facebook zu checken, wer auch gerade wach liegt. Morgens greife ich zwar weiterhin als erstes zum Smartphone, aber statt bei Facebook zu checken, was ich verpasse, höre ich Musik oder schreibe SMS und E-Mails an die Menschen, deren Handynummern oder E-Mail-Adressen ich besitze. Von meinen zuletzt 118 Facebook-Freunden trifft das auf weniger als die Hälfte zu.

Offline verpasst man alles und nichts

Der Grund, wieso mich Facebook nicht glücklich gemacht hat, ist einfach. Wie bei vielen unglücklichen Liebesbeziehungen wurde ich von Facebook abhängig. Je mehr über die Jahre an Neuerungen dazu kam, zum Beispiel das Chronik-Titelfoto und der "Gefällt mir"-Button, desto mehr nutzte ich Facebook für das Polieren und Streicheln meines Egos. Ich wollte gefallen, ich habe mich verbogen, ich war nicht authentisch. Ich war total darauf fixiert, wie mein aktuelles Aussehen, meine kluge Meinung, ja grundsätzlich mein individueller Lebenswandel so ankamen. Stundenlang formulierte ich clevere, polarisierende, einzigartige Statusmeldungen. Mit Photoshop bearbeitete ich meine Profilbilder oder likte inflationär Bands, Magazine oder Clubs, die zu meinem Lebensgefühl passten, aber in der Realität gar nicht bei mir vorkamen. Die Realität geriet teilweise zur Nebensache, denn es wurde mir in manchen Phasen wichtiger, was bei Facebook passierte.

Während ich damit beschäftigt war, mein eigenes Image zu formen, beobachtete ich mit Argusaugen, was mein soziales Umfeld mir online vorlebte. Beneidenswerte Urlaube und Veranstaltungen, anregende Diskussionen, Check-Ins, Likes, erstaunliche Pinnwandeinträge bei Dritten oder die indiskrete "Freundschaft anzeigen"-Funktion boten allesamt simple, trickreiche und faszinierende Instrumente der Überwachung. Und nicht nur meiner Facebook-Freunde, sondern auch von deren Bekannten, meinen als "Facebook-Freunde" wieder gelöschten Ex-Lovern und deren aktuelle Flirts. Es erschien mir völlig normal, nachzusehen, wer gerade online war und chattete.

Durch die Smartphones verschob sich das. Fortan terrorisierte die transparente Facebook-App "Messenger", die quasi den Posteingang spiegelt, mit konkreten Zeitstempeln, wer was wann gelesen hat. "Clara war zuletzt online vor 3 min" oder "gelesen um 10:09 Uhr" waren zwei stressende Faktoren für den Umgang mit früher entspanntem Mailen, dem ich mich entziehen wollte. Wenngleich ich mich beruhigte und mir stets mantra-artig sagte, dass es halt gerade nicht passt mit Antworten, so wusste ich trotzdem sehr genau, dass er meine Nachricht vor 8 Minuten gelesen hatte und jetzt immer noch online war.

Offline? Wieso?

Auch meine Freundinnen erwarteten selbstverständlich umgehende Reaktionen auf Nachrichten. In der Bar lagen Smartphones auf dem Tisch oder wurden durchschnittlich alle vier Minuten aus der Tasche gekramt. Auch Chat-Programme wie Whatsapp verschlimmerten die ständige Erreichbarkeit. Und wenn jemand per SMS, iMessage oder WhatsApp nicht reagierte, dann schrieb man ihm halt bei Facebook. In der U-Bahn, im Büro, vor dem Fernseher, im Kino. Facebook ist mehr in unseren Alltag integriert als unser Verstand. Wer dauernd halb in in Gedanken bei Facebook ist, wer lebt dann noch vollkommen in der Gegenwart? Mir fiel das immer schwerer.

Im Grunde ist keiner meiner Freunde mehr offline. Logisch. Jeder atmet, lebt, das Handy wird zur Verlängerung des Gehirns, ist das unverzichtbare Kommunikationsmedium neben unserem Mund geworden. Klar guckt man nachts als letztes auf sein Handy und morgens als erstes. Dass die Uhrzeit aber nun jeder immer nachvollziehen konnte, führt nicht nur bei Dating oder Freundschaftspflege zum Problem, sondern setzte mich immer mehr unter Druck.

Und ja, ich gestehe: Ich habe durchaus oft die Möglichkeiten ausgereizt, die Facebook seinen Nutzern anbietet. Ich habe angeblich an Events teilgenommen. Wurde ich nachts wach, postete ich Zeug, als sei ich erst um 5 Uhr nach einer wilden Clubnacht ins Bett gefallen. Dabei lag ich dort schon um 23 Uhr, alleine und nüchtern. Addete mich jemand, an dessen Leben ich gern schon früher teilgenommen hätte, bot mir Facebook die einfache Gelegenheit, dessen Chronik auf Jahre zurückzuverfolgen. Wie viele Stunden ich allein damit verbrachte, die Facebookseiten meiner Freunde zu durchkämmen!

Wenn das Ego die Kontrolle übernimmt

Doch neben den ganzen heimlichen Dingen, die man so herrlich unsichtbar zu hause oder unterwegs machen kann, habe ich von Beginn an den größten aller Fehler gemacht: ich habe zugelassen, dass sich mein Ego bei Facebook austoben durfte. Ja, mein Ego. Der Teil meiner Persönlichkeit, der unsicher ist. Der Bestätigung, Neid, Bewunderung, Aufmerksamkeit, Reaktionen, Diskussionen, Inspirationen, Rückmeldungen, Kritik oder irgendeine Art der öffentlichen Spiegelung zum Überleben braucht.

Facebook ist die ideale Spielwiese für gierige Egos. Mein Ego ist meinen Freunden durch ständiges Posten privater Dinge gewaltig auf die Nerven gegangen. Es verwendete Fotos als Profilbilder, die fotogener oder jünger waren als ich. Es nahm an Veranstaltungen teil, die ich nicht besuchte. Es checkte in Szene-Bars ein, die ich nach fünf Minuten wieder verließ. Es klickte "Gefällt mir" bei Fotos oder Kommentaren von Menschen, bei denen es sich in Erinnerung rufen wollte, aber die ich in der Realität noch nie getroffen hatte. Und so weiter. Die Gier meines Egos wurde täglich gefüttert, dennoch wurde es über die Jahre immer süchtiger nach den Möglichkeiten, die Facebook zur Befriedigung bot.

Vor zwei Jahren packte mein Ego der Ehrgeiz. Es hatte sich in den Kopf gesetzt, anhand von Facebook genau rauszufinden, wie viele Menschen ich eigentlich kannte. Nach 1.253 war die Grenze erreicht und ich vollends vom Neuigkeiten-Feed und der Kommunikation überfordert. Es dauerte Tage, meine Facebook-Freunde wieder auf eine Zahl um die Hundert zu reduzieren. Doch das war eine unglaubliche Erleichterung. Für mich, denn mein Ego zuckte bei jeder Löschung ein wenig zusammen.

Wer steckt hinter unserem Facebook-Profil?

Ich merkte in den vergangenen Jahren, dass ich nicht nur unruhiger wurde, sondern der Unterschied zwischen meinem Ich und meinem Facebook-Ego immer gravierender spür- und sichtbar wurde. Für mich, aber vor allem für meine engen, realen Freunde. "Tolles Profilfoto übrigens, aber hab dich gar nicht erkannt" war eine typische Reaktion. "Clara, versteh mich nicht falsch. Ich mag dich, aber bei Facebook nervst du tierisch. Mittlerweile mache ich mir fast Sorgen, wenn du mal einen Tag nicht dein Profilfoto änderst und dieses Denken macht mich verrückt. Bitte, hör damit auf." Dieses Geständnis brachte mich noch mehr dazu, über den Abschied von Facebook nachzudenken. Ich wollte nicht mehr nerven, vortäuschen oder beeindrucken. Und vor allem wollte ich meinem Ego keine Bühne mehr bieten. Ich versuchte "Facebook-Urlaub", wo ich per Statusmeldung ankündigte, dass ich nun offline sei und nur per Mail erreichbar." Meistens interessierte das kaum, niemand nahm es ernst. Schließlich war klar, dass ich in ein paar Tagen zurückkehren würde. Bis dahin posteten andere genug.

Die meisten meiner Freunde hatten sich stets besser im Griff. Eine Freundin postet alle drei Monate etwas und das klang sehr neutral. "Wieso postest du eigentlich nie Persönliches?", fragte ich. Sie habe keine Zeit und auch keine Lust. Erstens habe sie ein Sohn und außerdem vergesse sie manchmal tagelang, sich einzuloggen. Ich war damals fasziniert, dass sie erst ein Jahr nach der Geburt ihres Sohnes ein Foto von ihm und sich veröffentlichte. Doch inzwischen sind drei weitere Freundinnen schwanger oder Mama geworden und keine einzige hat es bei Facebook verraten. Ich weiß, dass mein Ego versucht gewesen wäre, sogar Ultraschallbilder zu posten.

Internationale Beziehungen via Facebook

"Ich habe mich gerade bei Facebook gelöscht", verkündete ich in den vergangenen Wochen stolz. Ein Freund zeigte vollkommenes Unverständnis. "Häh, wieso?" Er kapierte es nicht, denn er braucht Facebook! Schließlich habe er Freunde und Bekannte auf der ganzen Welt und fliege demnächst nach Venezuela, New York. Wie um alles in der Welt solle er das ohne Facebook organisieren? Zudem hätte er ohne Facebook kaum die Hochzeit seiner amerikanischen Ex-Freundin "liken" können.

Andere Reaktionen bestätigen mir, dass meine Freunde mein Ego nicht vermissen. "Ach, du hast dich gelöscht? Ist mir nicht aufgefallen", gestand mir ein Freund. Erst war mein Ego gekränkt. Wie, es war ihm nicht aufgefallen? Aber ich warf ihm nichts vor. Schließlich befinde ich mich ja auf dem Weg der Offline-Erkenntnis. Und während dieser Mann mir erklärte, dass er mich aus Genervtheit schon vor Monaten aus seinen "Engen Freunden" geworfen habe, kapierte ich es wirklich. Unser Facebook-Ich ist eben nicht identisch mit unserem Hier-und-Jetzt-Ich. Wir befinden uns im Moment und müssen uns auf unsere Schlagfertigkeit, Klugheit, unsere Aura und reale Empathie besinnen. Ihn virtuell anzustupsen, parallel mit einem "Gefällt mir" unter seinem Foto Eindruck zu schinden oder schnell mein eigenes Profilfoto zu ändern, all das funktioniert in einer Bar eben nicht.

"Clara, mir ist egal, was du bei Facebook treibst. Ich freu mich, dich zu sehen. Und jetzt erzähl mal, wie geht es dir? So ohne Facebook?" Ich erzählte es ihm. Ganz in Ruhe. Ohne zwischendurch auf mein Handy zu schauen und zu gucken, was der Rest meiner Freunde gerade trieb oder ob mich ein anderer Mann sehen wollte.

Mein Ego verspürt kein Verlangen mehr, sich bei Facebook auszutoben. Denn das Facebook-Credo kann man sich ganz wunderbar auch offline einverleiben: "Verbinde dich mit den Menschen in deinem Leben und lass sie teilhaben."

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