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RP Plus: Allein unter Griechen

VON MARTIN KESSLER - zuletzt aktualisiert: 08.08.2012 - 14:59

Eine Auto-Reise durch das sommerliche Griechenland birgt Überraschungen. Die Krise macht zwar den Menschen zu schaffen. Sie tragen sie aber mit einer Mischung aus Humor, Fatalismus und Wut auf die eigene Regierung wie auch fremde Mächte. Ressentiments gegen Deutsche sind indes selten.

Die Fahrt führt in sengender Hitze durch eine kahle menschenleere Hügellandschaft. „Dort vorne ist die albanische Grenze“, erklärt Vaios, dessen Haus nur gut 15 Kilometer entfernt liegt. Man sieht die große Abfertigungshalle, die albanische und griechische Flagge. Die Strommasten im Nachbarland erinnern an Vorkriegsmodelle.

Hier im äußersten Nordwesten Griechenlands, 20 Kilometer nördlich der Provinzstadt Igoumenitsa, gegenüber der „grünen“ Insel Korfu beginnt die Reise, die mich vier Tage durch das sommerliche Griechenland führt – eine einmalige Chance, um dieses Land in der Krise ganz nah kennenzulernen, abseits der touristischen Routen.

Mein Begleiter, der 74-jährige Vaios, ist mit 17 Jahren nach Köln gekommen. Erst als Rentner ist er mit seiner Frau wieder in sein Dorf Parapotamos bei Igoumenitsa zurückgekehrt. Er hat ein Grundstück von mehreren Hektar, Obstbäume, einen eigenen Brunnen und einen grünen Rasen – inmitten der Trockenheit. Das Schmuckstück der einstigen Gastarbeiterfamilie ist aber das Haus: zwei Stockwerke mit zwei fast kompletten Wohnungen, zwei große Wohnzimmer, zwei perfekt eingerichtete Küchen, Bäder, Schlafzimmer, deutscher Standard einer gut betuchten Mittelstandsfamilie.

Vaios war Betriebselektriker in einem Großmarkt, mehr als 40 Jahre hat er gearbeitet. Seine Frau und er bekommen eine deutsche Rente, sein Haus hat er mit seiner Familie in unzähligen Stunden in allen großen Ferien gebaut. „So sahen jedes Jahr unsere Ferien aus“, berichtet die Tochter, die mit ihrer Familie fest in Deutschland wohnt. Der Wohlstand ist mit Händen zu greifen.

Die Rückkehrer ernten Bewunderung

Die im Land gebliebenen Menschen sehen die zurückgekehrten Migranten mit einer Mischung aus Bewunderung und Distanz. Doch der Abstand wirkt größer als er ist. Denn die umliegenden Häuser machen einen ähnlich soliden Eindruck, wenn auch nicht so perfekt. Griechenland ist kein armes Land. Doch zufrieden ist Vaios mit seinen Landsleuten nicht. „Wir brauchen oft zu lange, um etwas in Bewegung zu setzen.“ Und er macht es an einem Beispiel fest. „Durch unser Dorf fließt ein blitzsauberer Fluss, im Sommer wie im Winter. Warum wird er nicht zur Trinkwasserversorgung genutzt?“ Vaios könnte endlos so weitermachen.

Wer die öffentlichen Straßen im Nordwesten befährt, merkt schnell, was er meint. Schlaglöcher, Fahrrillen und bröckelnder Asphalt machen jede Autofahrt zum kleinen Abenteuer. Schon seit etlichen Jahren sollte es eine Autobahnverbindung von Igoumenitsa in den Süden geben. Passiert ist wenig. Auch die Verbindung von der Provinzhauptstadt Ioannina nach Patras und Athen lässt seit Jahrzehnten auf sich warten. Das war aber vor wie nach der Krise schon immer so in Griechenland.

Was macht die Krise mit den Menschen?

Was nun speziell die Krise mit den Menschen macht, merke ich erst langsam. Zunächst fällt sie im Verkehr auf. Der ist geringer, weil der Liter Benzin oft mehr als 1,80 Euro kostet. Auch Bars, Kneipen und Strände sind weniger besucht als sonst. Als ich Vaios und seine Familie verlasse und bis zum Abend den rund 80 Kilometer südlich gelegenen Küstenort Preveza erreiche, wird dieser Eindruck stärker.

Im Vier-Sterne-Hotel Captain’s House gibt es bereits ein Doppelzimmer ab 85 Euro. In den guten Restaurants der Stadt, in deren Nähe einst die Seeschlacht von Actium zwischen Caesars Adoptivsohn Octavian, dem späteren Kaiser Augustus, und dem Kleopatra-Geliebten Mark Anton tobte, bleiben jede Menge Plätze leer. Selbst die Insassen der eleganten Yachten, die draußen im malerischen Hafen dümpeln, reichen nicht aus, um die Plätze zu füllen.

„Wir Griechen haben in den fetten Jahren für fünf Euro Obst und Gemüse gekauft und davon vier Euro wieder weggeworfen“, meint der Hotelinhaber. Er bedauert, dass die deutschen Medien meinen, Griechenland solle so schnell wie möglich zur Drachme zurückkehren. Als ich widerspreche, winkt er ab: „Im Grunde gibt es eh keine andere Lösung.“

Trotz seines geschmackvoll renovierten Hotels in einem Gebäude des 19. Jahrhunderts leidet er unter der Flaute. Er hat die Preise gesenkt. Ob es hilft? Wenigstens seiner Tochter geht es gut. Sie ist Betriebswirtin bei der US-Unternehmensberatung Arthur D. Little, verantwortlich für die gesamte Region Ipiros. „Das ist eine sehr gute Firma, eine amerikanische“, beruhigt mich der Hotelier, als ich nach Aufträgen und Geschäftslage frage.

Ausländische Konzerne, Marken und Investoren genießen trotz der Vorbehalte vieler Griechen gegen die internationale Geschäftswelt ein unglaubliches Renommee. „Wer es sich leisten kann, fährt sofort einen BMW oder einen Mercedes“, sagt mir der Inhaber der örtlichen Avis-Autovermietung. Er vermittelt alles – von Schiffsreisen, Hotelzimmer, Ferienwohnungen, Autos bis zu Motorrädern oder Segelbooten. Er ist ständig am Telefon, ob mobil oder Festnetz.

Große Hilfsbereitschaft

Trotzdem hilft er mir aus, als sich mein Navigationsgerät nicht befestigen lässt. Er kauft mir flugs ein neues, rast dazu einmal durch den Montagmorgenverkehr der 16.000 Einwohner zählenden Stadt, dabei ständig am Draht – während er fährt, einkauft, bezahlt. Immerhin überlässt er mir die Halterung kostenlos, obwohl ich das Auto von einem anderen Avis-Partner geliehen habe. „We try harder“ – „Wir strengen uns noch mehr an“. Der Avis-Partner von Preveza zeigt mir die griechische Variante.

Danach eine Fahrt durch grandiose Landschaften: Arkadien, Ätolien, der Golf von Korinth. Sie führt mich nach Delphi, der religiösen Seele des antiken Griechenlands. Das moderne hat in den Hotelburgen 400 Meter vor dem Hain der Pythia halt gemacht. Auch hier fehlen die Touristenbusse, vor allem aus Deutschland. Die einst erste Herberge am Ort, das Hotel Vouzas, wurde gleichsam über Nacht vom Pächter verlassen. Einige Fensterscheiben sind eingeschlagen, die Hotelquittungen liegen noch am Empfang, die Papierkörbe sind voll, die Flaschen in der Bar halbleer.

Ich frage die resolute Empfangsdame meines Hotels nach den Gründen. „Die Investoren wollten das Haus verkaufen, da ist der Pächter über Nacht ausgezogen. Jetzt findet sich niemand, weder ein Investor, noch ein Pächter.“ Auch hier hat die Krise zugeschlagen. „Wir halten noch durch, aber Delphi ist am Ende. Es gibt keine neuen Investitionen mehr.“

Als ich am Abend vom Essen in mein Hotel zurückkehre, spricht mich der Inhaber des Nachbarhotels an. „Ach, Sie sind Deutscher. Ich war in Stuttgart, Rothenburg, Frankfurt, Bonn, St. Augustin.“ Er hat als Chemieingenieur im Ausland gearbeitet, darunter mehrere Jahre in Kanada. „Ich habe in 54 Jahren Berufstätigkeit ein Vermögen aufgebaut. Ich habe ausgesorgt. Hotel ist mein Hobby, aber den anderen geht es richtig schlecht.“ Dann rezitiert er den antiken Dramendichter Euripides auf Altgriechisch. Ruhm vergangener Zeiten.

Am nächsten Tag bin ich in Athen. Allein mit dem Wagen durch das Gewühl der Großstadt – bei 38 Grad im Schatten. Der Krimi-Schriftsteller Pétros Márkaris hat den höllischen Verkehr in der Vier-Millionen-Metropole drastisch beschrieben. Der eigene Test fällt gemäßigter aus. Unbeschadet erreiche ich mein Hotel in der Athener Altstadt Plaka. Auch hier fällt auf, dass die Deutschen fehlen. Nur vereinzelt treffe ich auf Touristen aus der Heimat. Dafür entdecken die Griechen die Plaka wieder – wenn auch nur auf einen Drink.

„Ganz schön mutig“, meint der 35-jährige Stephanos in der Plaka-Bar Brettos mit einem Augenzwinkern, als ich ihm sage, dass ich aus Deutschland komme. Schnell ist er bei „Focus“ und der „Bild“-Zeitung, die den Griechen Faulheit, Versorgungsmentalität und Geldverschwendung vorwerfen. Stephanos hat ein Unternehmen, das elektronische Überwachungssysteme für Produktionsanlage installiert. „Ich habe genug Aufträge, auch öffentliche“, meint der Ingenieur. Seine Begleiterin ist weniger zuversichtlich: „Ich wäre am liebsten wieder in Deutschland“, sagt die arbeitslose Mittdreißigerin, die lange in Hamburg lebte.

Der 52-jährige Nikolaos, Textilimporteur und Inhaber eines Geschäfts für Hochzeitsmoden, erklärt mir die griechische Misere bei einem Glas heimischen Biers auf seine Weise: „Die Hedgefonds spielen mit uns. Aber unsere Regierung mit ihrer schlechten Politik hat sie dazu eingeladen.“ Um halb eins in der Nacht treten wir auf die Straße hinaus. „So wenig Passanten in einer Sommernacht, das gab es hier in den vergangenen Jahren nie.“ Eine Lösung für die Depression hat er nicht. Klar ist nur: Von ihrem Schuldenberg von über 360 Milliarden Euro kommen die Griechen so schnell nicht herunter. Und ein Retter ist nicht in Sicht.

Quelle: seeg
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