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RP Plus: Carpe that fucking diem

VON CLARA OTT - zuletzt aktualisiert: 27.11.2012 - 11:52

Berlin (RPO). Unsere Autorin Clara Ott ist eine typische Teebeutelspruchtante. Sie nervt ihre Freunde ständig mit klugen Sprüchen und postet täglich weise Zitate bei Facebook. Von ihrer Tageshoroskop-App ganz zu schweigen. Warum bedient sich jemand permanent der Gedanken anderer? Ein Geständnis.

An den Landungsbrücken raus Foto: dpa
An den Landungsbrücken raus Foto: dpa

Es gibt Tage, an denen fühle ich mich sehr unwohl in meiner Haut. Das kann an einer zu engen Hose, an einem nicht eingetroffenen Anruf oder an meinem Kontostand liegen. An solchen Tagen surfe ich durch das Internet auf meinen Lieblingswebsites, die mir wie ein Zufallsgenerator oder ein Einarmiger Bandit zuverlässig etwas Heilsames ausspucken werden. Ich klicke dafür auf Websites wie www.society6.com, die eigentlich Poster oder Handy-Schutzhüllen verkaufen, aber eben in Vorschaubildchen wunderhübsche Grafiken mit unzähligen klugen Sprüchen präsentieren.

Genau, denke ich, wenn ich so was lese, das trifft genau mein derzeitiges Lebensgefühl! „I don’t know the way, but I’ll be there soon.“ Gedruckt in fetten, schwarzen Buchstaben auf weißem Grund. Oder das bunt-fröhlich-motivierende „To live a creative life we must lose our fear of being wrong.“ Wenn ich so etwas finde, dann hüpft mein Herz ein bisschen. Im Alltagsgrau meines „Heute bin ich irgendwie nicht so gut drauf und weiß auch nicht, wieso“-Gefühls, weisen mir solche Sprüche-Bildchen einen Weg. Wohin? Im Zweifel Richtung Facebook.

Jean-Paul Sartre beschützt mich

Ich möchte andere gern an meinen motivierenden Sprücheschätzen teilhaben lassen. Zugegeben, einige meiner Freunde sind ernsthaft genervt und erzählen mir abends in der Kneipe, dass sie mich leider mal wieder bei Facebook ausgeblendet haben, weil ich dauernd mein Titelbild ändere. Darauf stehen Sätze wie wie „I hope you live a life you’re proud of“ von F. Scott Fitzgerald. Oder aber, weil ich täglich drei Sprüche poste. „I am not telling you it’s going to be easy, I am telling you it’s going to be worth it“, möchte ich dann antworten, aber ich lächele nur.

Es verhält sich mit schlauen Teebeutelsprüchen ja so wie mit dem Ratschlag von Oma. Entweder nimmt man ihn an, oder man hört nur mit halbem Ohr zu. Oder wie mein Ersatzgroßvater Jean-Paul Sartre mir unlängst flüsterte: „To know what life is worth you have to risk it once in a while.“ Seit vier Wochen fahre ich mit einem kaputten Fahrradlicht durch das winterdunkle Berlin. Jean-Paul Sartre sitzt auf dem Gepäckträger und beschützt mich. Und eine Freundin klickt bei jedem Spruch auf „Gefällt mir“. „Deine Worte bauen mich immer so auf, danke!“ Sie verwechselt ein wenig, dass diese Sätze nur indirekt von mir stammen. Ich auch manchmal.

Aber wenngleich ich als Wassermann sehr an Horoskope und die Kraft des Mondes glaube, so sind diese Sprüche und Zitate aufbauender als jedes Tageshoroskop. Davon lese ich natürlich auch zwei täglich, dank App auf meinem Smartphone. Das eine Tageshoroskop bietet sogar eins für gestern, eins für heute und die Vorschau auf morgen. Falls mir das Horoskop morgens einen anstrengenden, unruhigen oder ärgerlichen Tag prophezeit, nehme ich mir fest vor, dem entschieden entgegenzuwirken.

Ich halte mich an Buddha

Mögen die weisen Astrologen doch schreiben, was sie wollen, ich halte mich im Zweifel doch lieber an meinen Buddy Buddha. „Do not dwell in the past, do not dream in the future, concentrate the mind on the present moment.“ Was so ähnlich klingt wie einer meiner Lieblingssätze. Den poste ich immer als Grafik oder Statusmeldung bei Facebook und installiere ihn zusätzlich als Hintergrundbild auf meinem Telefon, wenn ich eine mutige Entscheidung getroffen habe. Ja, in solchen Momenten bin ich stolz auf mich und will es der Welt mitteilen. Ehrlich gesagt klingt ein „A year from now you will wish you had started today“ ja auch viel schöner als ein „Heute habe ich seine Telefonnummer endlich gelöscht.“ Oder „Ich war heute endlich beim Zahnarzt und habe meine neue Beißschiene gegen Zähneknirschen abgeholt.“

„Wo hast du nur immer diese unglaublich nervigen Zitate her? Und gestaltest du die etwa selber? Stundenlang, mit Photoshop?“, fragte mich kürzlich ein leicht gereizter Freund. „Nein, die hab ich aus dem Internet“, verteidigte ich mich aus Reflex. Weil es ja eigentlich gar nicht wirklich stimmt.

Im Grunde spiegeln diese Zitate anderer Menschen nur meine Emotionen. Ich weiß es nur nicht. Es ist wie beim Shopping, wenn man ohne Ziel loszieht und mit Dingen zurückkommt, von denen man nicht ahnte, dass man sie braucht. Die Sprüche sind vollgestopft mit Lebenserfahrungen, Motivationsworten und psychologisch wertvollen Formulierungen, die durchaus Angst mindern können. Ja, ich glaube daran.

Ein dick gedrucktes „Carpe that fucking diem“ als Facebook-Titelbild zu haben, beweist für mich: Ich mache heute, was mir gut tut, statt die Erwartungen anderer zu erfüllen. Ein „head vs. heart“, mit Schreibmaschinen-Typographie gestaltet, unterstreicht meine Unsicherheit, die ich mit der Standard-Facebook-Schrift niemals so rüberbringen könnte. Wieso ich das überhaupt alles an mein soziales Netz vermitteln will? Weil es mir hilft und deshalb vielleicht noch anderen. Zur Not können sie es – und mich, ja ausblenden.

Text für die nächste Tätowierung

Aber einigen Freundinnen und auch Freunden geht es wie mir. Sie lesen Erkenntnisse wie von der bewundernswerten George Sand („There is only one happiness in life. To love and be loved“) und seufzen, weil sie das auch kennen, vom letzten Liebeskummer. Aber irgendwie geriet es in trübe Vergessenheit und dank George Sand – und dank meines Posts! – ist es wieder im Sinn.

Aber letztens ist mir etwas passiert, das mich stutzig gemacht hat. Zwischendurch gelingen mir eigene kluge Gedanken. Einem traurigen Freund schickte ich per Mail ein selbstformuliertes „Leave the past. Ignore the future. Kiss today.“ Seine Reaktion entzückte mein Herz mehr als alle Gedanken von Sartre, Buddha und Camus zusammen. „Ich glaube, du hast gerade den Text für meine erste Tätowierung geliefert. Danke!“

Er meint es ernst. In ein paar Wochen will er sich auf sein rechtes Fußgelenk meinen ausgedachten, aber nicht minder wahren Satz stechen lassen. Wieso gerade am Fuß, quasi unter der Socke? „Weil ich selbst entscheiden möchte, wer das liest. Schließlich bedeutet der Satz viel für mich. Du hast damit exakt mein Lebensgefühl getroffen. Und das der meisten anderen Menschen eben nicht. Wäre sehr schade drum, wenn der Spruch versandet.“

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