RP Plus: Der Hipster – Streber im digitalen Zeitalter
VON SEBASTIAN DALKOWSKI - zuletzt aktualisiert: 01.02.2012 - 12:30Düsseldorf (RPO). Weil der Hipster in Geschmacksfragen stets vorne liegen will, muss er viel Spott ertragen. Auch von Hipstern selbst. Dabei gibt er Hinweise, wie man sich im digitalen Zeitalter verhalten kann.
Ich kann nicht über den Hipster schreiben. In dem Moment, in dem ich über den Hipster schreibe, ja bereits in dem Moment, in dem ich von ihm höre, ist der Hipster längst wieder drei Schritte weiter. Es ist dasselbe Problem, das ein Astronom hat, wenn er sich einen Stern ansieht. Weil das Licht so lange unterwegs ist, Millionen von Jahren, sieht er immer nur, wie der Stern zu dieser Zeit ausgesehen hat, aber nie, wie er jetzt aussieht. Bis die Merkmale des Hipsters, vermittelt durch die Medien, zu mir durchgedrungen sind, haben sie sich schon längst verändert. Denn das ist das Wesen des Hipsters: Immer der erste zu sein in Geschmacksfragen, die Speerspitze, die Speerspitze der Speerspitze der Coolness. Den Trend aufgreifen, bevor es ein Trend ist. Damit er so individuell ist, wie kein anderer auf der Welt.
Das Buch
„Hipster – eine transatlantische Diskussion“ ist bei Suhrkamp erschienen und kostet 18 Euro.
Wer behauptet, über den Hipster der Gegenwart zu schreiben, der lügt also. Auch das Buch „Hipster“, das der Suhrkamp-Verlag gerade veröffentlicht hat, behandelt deshalb den Hipster der Vergangenheit. Zumal es zu 75 Prozent aus einem amerikanischen Buch besteht, das bereits 2010 in den USA veröffentlicht worden ist und nun um einige Aufsätze deutscher Autoren ergänzt wurde. 2010, das liegt in Hipster-Jahren mindestens zehn Jahre zurück. Und die Tagung, auf der dieses Buch beruht, war bereits 2009. Ich will gar nicht ausrechnen, wie lange das zurückliegt.
Blick auf das dichte Brusthaar
Okay, möglicherweise wollen Sie überhaupt erstmal wissen, wer oder was diese Hipster eigentlich sind. Möglicherweise halten Sie alle jungen Leute, die nicht gekleidet sind wie ein BWL-Student, für einen Hipster. Gaaaanz falsch. Möglicherweise wollen Sie sich erstmal ein Bild vom Hipster machen, in dem Sie sich ein Bild ansehen. Dann besuchen Sie die Website lastnightsparty.com (hier entlang). Das ist eine Seite für Fotos von Hipsterparties aus der ganzen Welt. Die Männer tragen enge rote, grüne oder blaue Jeans. Sie tragen grelle T-Shirts mit Popkulturzitaten und V-Ausschnitt, das den Blick auf das dichte Brusthaar freigibt. Sie tragen Strickjacken und Jeanshemden. Sie tragen dicke Wollmützen oder Hüte mit Krempe. Sie tragen Holzfällerbärte oder Porno-Schnäuzer. Sie tragen sehr seltene bunte Sneakers oder nicht zugebundene Desert Boots der Marke Clarks. Ihre Brillen sind riesig und aus dickem schwarzen Horn. Die Männer dort wirken bis auf ihr Tattoo eher feminin, was bei Männern aber bloß heißt, dass sie auf ihr Aussehen achten.
Es sind dort auch Frauen zu sehen – das Wort Hipsterinnen ist aber eher unüblich – wenn sie auch nicht so auffallen, weil Frauen ohnehin schon immer auf ihr Aussehen geachtet haben. Auf den Bildern sieht es häufig so aus, als würden sie demonstrativ nicht posieren, tun es aber natürlich gerade deshalb. Sie sind irrsinnig dünn, sie haben einen Pony, sie tragen roten Lippenstift, Hornbrille, Lederjacke, Second-Hand-Kleider und gucken gelangweilt in die Kamera. Sie sind blass und sehen stark drogenabhängig aus.
Sie können auch nach Berlin fahren. Steigen Sie an der S-Bahn-Haltestelle Berlin-Friedrichstraße oder am Hackeschen Markt aus und wenn Sie denken, dass jeder, der ihnen begegnet, in der neuen coolen Indie-Rockband spielen könnte, dann sind sie im Hipster-Land, in dem Berlin-Mitte, das man meint, wenn man über Berlin-Mitte spricht. Denn der Hipster hat es längst nach Europa geschafft.
Es begann in New York City
Sein Ursprung liegt natürlich in den USA und dort natürlich in New York City. Ende der 90er Jahre liefen in der Lower East Side, Manhattan, und in Williamsburg, Brooklyn, immer mehr junge Menschen herum, die Trucker-Kappen, altmodische Feinripp-Unterhemden und Schnauzer trugen und Bier der Marke Pabst Blue Ribbon tranken – ein Outfit, das heutzutage nicht mehr als hip gilt. Damit feierten sie ironisch das prollige Lebensgefühl der Weißen aus den Vororten und der Provinz. Sie verdrängten die Hispanics (Lower East Side) und die Juden (Williamsburg) und verwandelten die Gegend in Szeneviertel mit Sneakerläden, Indie-Rockclubs und angesagten Bars. Wo der Hipster ist, ist Gentrifizierung nicht weit, die Aufwertung der Stadtteile, bis die Mieten unbezahlbar sind. Die Hipster speisten sich zwar aus keiner bestimmten Jugendkultur oder aus einer bestimmten Szene, aber unter ihnen waren Indie-Typen, Vegetarier, Veganer, Studenten, Künstler, Webdesigner, Grafiker, Musiker.
Mark Greif schreibt in seinem Vortrag im Hipster-Band, dass der Hipster aus einer Reihe von Jugendbewegungen hervorgegangen ist, die versucht haben, ihre Unabhängigkeit von der Massenkultur zu bewahren, bevor ihre Subkultur dann jedoch integriert und zerstört wurde. Obwohl der Hipster als unpolitisch gilt, hätten ihn zwei politische Ereignisse geprägt. Die Proteste während des WTO-Gipfels in Seattle 1999, es war das erste Mal, dass es derartige Proteste gab, und die letztlich erfolglosen Demonstrationen gegen den Irak-Krieg 2003. Der Begriff Hipster selbst ist allerdings schon älter. Er geht auf die 40er Jahre zurück und beschrieb die jungen schwarzen Jazz-Fans, in den 50ern meinte er die weiße Avantgarde, die sich von der weißen Kultur lösen und sich der afroamerikanischen Kultur annehmen wollte.
Was aber zeichnet den heutigen Hipster aus? Es hat nun keinen Sinn, all die Marken, Bands und Clubs aufzuzählen, die der Hipster bevorzugt. Wenn Sie die Namen kennen, langweilen Sie sich. Wenn Sie sie nicht kennen, sind Sie frustriert. Außerdem ist der Hipster ja ohnehin schon wieder viel weiter.
Wie ich bereits eingangs feststellte, will er immer vorne dabei sein, wenn es um neue Trends geht, um einen möglichst hohen Grad an Einzigartigkeit zu erreichen. Denn das ist letztlich sein Ziel: Sich so stark wie möglich von anderen zu unterscheiden. Daraus folgen weitere Merkmale.
Abgrenzung
Der Hipster definiert sich nicht dadurch, dass er sich zu einer bestimmten Gruppe rechnet, sondern sich von möglichst vielen Gruppen abgrenzt. Denn am liebsten mag er das Gefühl, nirgendwo dazuzugehören, was nach einer Subkultur aussieht. Ihm gefällt es zu wissen, dass er einen Wissensvorsprung hat. Dass er die coolsten Klamotten trägt, die coolste Bar kennt, die coolsten Clubs, Songs, Filme und Bücher. Das lässt den Hipster, selbst falls er es nicht so meint, schnell arrogant wirken. Wenn zu viele seinen Geschmack übernehmen, bekommt der Hipster ein Problem, weil er sich dann nicht mehr abgrenzen kann. Er trägt deshalb sein Wissen auch nicht gerne nach draußen. Das Internet hat seine Sehnsucht nach Abgrenzung einfacher und gleichzeitig schwieriger gemacht. Einfacher, weil er so ein ungleich größeres Angebot hat. Schwieriger, weil nun jeder sich durchs Internet schnell hippes Wissen aneignen kann. Das lässt sich gut bei Facebook beobachten, wenn ein Video oder ein Comic innerhalb von Stunden plötzlich immer häufiger gepostet wird. Und nach einem halben Tag erträgt man es bereits nicht mehr.
Konsum
Die meisten Beiträge beschreiben den Hipster als Konsumenten. Es gibt zwar Musiker, die sich kleiden wie Hipster, doch weil sie etwas produzieren, für den Hipster, können sie selbst keine Hipster sein. Es liegt auf der Hand, warum der Hipster zum Konsum gezwungen ist. Wenn er seinen guten Geschmack beweisen will, um sich abzugrenzen, muss er kaufen. Am schnellsten geht das über die Kleidung, die er auf keinen Fall bei einer der großen Ketten kauft (es sei denn, der Geldmangel treibt ihn zu H&M), doch es gehören auch dazu: Clubbesuche, Bücher und Musik. Gerade aber bei der Musik holt der Nicht-Hipster dank des Internets wahnsinnig schnell auf. Auch das erklärt die kurze Zeit, die ein Hype andauert. Denn der Hipster muss schon bald wieder auf die Suche gehen, um sich einen Vorsprung zu verschaffen. Den er aber wiederum nur für ein paar Tage bis Wochen behält. Wer beispielsweise das Video von Lana Del Rey zu „Video Games“ mochte, konnte sich auf dieser Errungenschaft nur ein paar Tage ausruhen.
Ironie
Ohne sie kommt der Hipster nicht aus. Denn da er sich nicht festlegen darf – sonst kann er sich nicht weiterentwickeln – muss er immer den Eindruck machen, als meine er dies und das nicht ernst. Zum Beispiel den Jutebeutel mit den Kitschaufdrucken oder die bunten Turnschuhe oder das Hirschgeweih an der Wand. Mit dieser Ironie aber meint er es sehr ernst und er nimmt auch sich sehr ernst. So aber lässt sich schwer sagen, wofür der Hipster steht, weil er sich gleichzeitig immer von allem distanziert. Offen lässt er aber, ob er es wirklich ironisch meint oder bloß so tut, um sich zu schützen. Auch politisch steht der Hipster für nichts. Es passt, dass die Satire-Partei „Die Partei“ in Berlin-Mitte 1,2 Prozent der Zweitstimmen bei den Senatswahlen im vergangenen Jahr holte, in Friedrichshain-Kreuzberg waren es sogar 2,2 Prozent, 1,2 Prozent mehr als die FDP. In ganz Berlin holte „Die Partei“ 0,9 Prozent.
Nostalgie
Eng mit der Ironie hängt auch die Nostalgie zusammen. Denn die Hipster-Kultur ist auch eine Retro-Bewegung. Der Hipster liebäugelt mit dem Popkulturgut seiner Kindheit und Jugend. Er trägt T-Shirts, die auf Star Wars anspielen oder Bud-Spencer-Filme, er schwärmt von „Ein Colt für alle Fälle“, „Magnum“, „Miami Vice“. Zur Nostalgie gehört auch das Fixie, ein Fahrrad, das keine Gangschaltung hat, kein Licht, keine Klingel, kein Schutzblech, gelegentlich auch keine Bremsen. Das Fixie stammt zwar nicht aus seiner Kindheit, lässt ihn aber an eine Zeit zurückdenken, in der alles noch nicht so kompliziert war. Er meint das zwar zu einem gewissen Teil ironisch, aber er sehnt sich auch nach dieser behüteten Zeit zurück. Immer ein Zeichen dafür, dass man sich in der Gegenwart nicht besonders wohlfühlt.
Für all das muss der Hipster Häme ertragen. Es gehört deshalb zu den anspruchsvollsten Formen der Selbstbeherrschung, sich nicht über den Hipster lustig zu machen. Wo immer über den Hipster gesprochen wird oder wo immer das Bild des Hipsters konstruiert wird, wird er verspottet oder gehasst. Sogar der Hipster selbst hasst den Hipster. Die Erklärung dafür ist einfach: Wer hasst oder spottet, der grenzt sich ab, und das ist das Wesen des Hipsters. Er will sich dann einreden: „Ich trage dieselben Jeans wie meine Freunde und dieselbe große Brille und höre den selben heißen Elektro-Scheiß, aber ich bin trotzdem ganz anders. Ich bin kein Hipster.“ Das ist der älteste Witz der Welt: Einen Hipster erkennt man daran, dass er bestreitet, ein Hipster zu sein. Auch für den Hass des Nicht-Hipsters auf den Hipster gibt es eine naheliegende Erklärung: Er versteht das Gebaren des Hipsters nicht. Es ist für ihn im besten Fall eine ernste Version des Karnevals. Er hält den Hipster für oberflächlich, konsumsüchtig, politisch desinteressiert, arrogant.
Der Hipster synchronisiert sich ständig
Der Journalist Jens-Christian Rabe gibt in dem Hipster-Band von Suhrkamp („Hipster – eine transatlantische Diskussion“) eine andere, deutlich originellere Erklärung. Sie könnte natürlich völliger Blödsinn sein, weil sie lediglich auf Beobachtungen und Vermutungen beruht, wirft aber ein ganz anderes Licht auf den Hipster. Die These geht so: Der Hipster nutzt im digitalen Zeitalter alle Möglichkeiten, um sich Veränderungen zu erschließen. Er synchronisiert und aktualisiert also nicht nur ständig sein iPhone, sondern auch sich selbst. Alle anderen werden durch den Hipster daran erinnert, dass sie das auch tun könnten, es aber dennoch nicht tun, aus welchen Gründen auch immer. Der Hipster ist also der Streber des digitalen Zeitalters, und Streber waren ja nie besonders beliebt, weil sie uns immer ein schlechtes Gewissen machten. Rabe schreibt:
„Stärker als der Hipster haben sich die Zeiten geändert und so dafür gesorgt, dass er von einer außergewöhnlichen zu einer notwendigen Lebensform geworden ist. Wie kein anderer verkörpert er die Grundbedingung des Daseins im Angesicht der digitalen Revolution: die Notwendigkeit permanenter persönlicher Veränderung bei der Synchronisation mit den Zeitläufen, die immer stärker und schneller das Internet prägt.“
Statt Hass und Spott hätte der Hipster also ab und zu Dank verdient. Nicht nur, weil er uns ein Leben vorlebt, von dem wir uns einiges abschauen könnten fürs 21. Jahrhundert, sondern auch, weil er für uns die Trends aufspürt, die wir dann mit einiger Verspätung bei H&M oder im Plattenladen kaufen können. Der Hipster tut es sicherlich nicht mit Absicht, aber nur weil er sein Hipsterleben lebt, können wir unser bequemes Leben weiterführen.
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