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RP Plus: Die Kunst des Schweigens

VON CLARA OTT - zuletzt aktualisiert: 05.09.2012 - 10:43

„Ein schönes Schweigen ist noch nie aufgeschrieben worde“, heißt ein italienisches Sprichwort. Unsere Autorin ändert das und stellt zwölf Varianten des Schweigens vor.

 Foto: Illustration: Phil Ninh
Foto: Illustration: Phil Ninh

1. Das verliebte Schweigen (einseitig)

Ein Paar im Café. Er sieht so lässig aus wie Jean Reno, sie sexy wie Monica Belluci. Sie trägt ein schwarzes, enges Kleid mit prallem Dekolleté, er Hemd und Sonnenbrille. Sie redet, legt ihren Arm auf den Tisch, in Nähe seiner Tasse, damit er bloß endlich ihre Hand nimmt. Was er nicht tut. Sie redet irgendwas, immer einen Satz, dann Schweigen, dann wieder ein Kommunikationsversuch, dazwischen legt sie ihren Kopf schief, lächelt. Sie macht einfach alles, was Frauen tun, wenn sie einen Mann anhimmeln, bezirzen wollen und halt verliebt sind. Er lächelt nicht, nimmt nicht ihre Hand. Und er schweigt.

Wenn einer von beiden einen Monolog hält und der andere keine Lust auf Konversation hat, kann es nur drei Gründe geben:

1. Er denkt nach, wie er Schluss machen kann.

2. Er denkt an eine andere Frau.

3. Sie ist Schauspielerin und übt gerade einen Monolog.

2. Das verliebte Schweigen (beidseitig)

Ein anderes Paar im Café. Sie sieht wunderhübsch aus. Er auch. Sie lächelt mit dem Mund, den Augen, sogar ihre Nasenspitze scheint zu lächeln. Seine auch. Sie berührt ihn mit den Händen, umarmt ihn, küsst ihn. Er küsst sie. Sie reden nicht, sondern kommunizieren mit der Sprache der Liebe, die leise ist und nur ein wenig schmatzend klingt. Das Paar braucht nicht zu reden. Die Beiden schauen sich an, lächeln und alles ist ihnen genug, wenn sie nur sich haben, sehen, fühlen. Irgendwann bricht sie das Schweigen mit der vorsichtigen Frage „Wollen wir bezahlen?“ und er nickt zustimmend, denn er denkt schon seit einer halben Stunde über nichts anderes nach, als endlich abzuhauen. Er fühlt sich schrecklich beobachtet in dem Café, und lieber läge er mit ihr auf seinem Bett. Aber hätte er gesagt, dass er gehen will, hätte sie vielleicht angenommen, dass es ihm peinlich sei, mit ihr gesehen zu werden. Denn er weiß, dass Schweigen manchmal die sicherste Kommunikation zwischen Mann und Frau ist.

3. Das eisige Schweigen

Beide sitzen im Restaurant. Sie lesen die Karte, sie bestellen nacheinander ihr Essen, sie trinken, dann kommt das Essen. Gibt es Telefone, so werden die Smartphones gecheckt, gibt es Zeitungen, wird gelesen. Es werden andere Gäste beobachtet, es wird aus dem Fenster geschaut, es wird lange auf das Steak oder die Pizza geguckt, als hätte man noch nie zuvor ein Steak oder eine Pizza gesehen. Jeder ist dankbar, wenn der Kellner mit der Dessert-Karte kommt, denn das verspricht Abwechslung, Beschäftigung, ein Gewinn von Minuten und das Bestellen beim Kellner eine winzige Ablenkung innerhalb dieses eisigen Schweigens.

Das irgendwann dann gebrochen wird mit etwas Lapidarem wie „Hat es dir geschmeckt?“. Die Stille, die keineswegs erträgliche Ruhe, sondern schweigend ertragenes Unwohlsein war, ist nun gebrochen. Natürlich hat es nicht geschmeckt, denn wie könnte etwas köstlich schmecken, wenn man sich unwohl fühlt, fliehen will, eigentlich gar keinen Appetit hatte. Aber aus bestimmten Gründen musste man mit dem Gegenüber essen, der im schlechtesten Fall der eigene Partner ist, und man fragte sich schon bei der Vorspeise, wieso eigentlich. Aber ausgesprochen hat diesen Gedanken keiner von beiden.

4. Das flirtende Schweigen

Sie sitzt an der Bar, er steht ein paar Meter entfernt. Er guckt, sie lächelt. Er ist vielleicht unsicher, vielleicht steht auch seine Freundin neben ihm. Sie lächelt zurück, fährt sich durch ihr Haar, guckt weg, wieder hin, so geht das stundenlang. Keiner geht zum anderen hin und eröffnet den richtigen Dialog, der deshalb eben schweigend stattfindet.

Die meisten Flirts finden anfangs stillschweigend statt. Kommuniziert wird nur mit den Augen und der Körpersprache, die „Ich finde dich interessant“ oder „Du bist attraktiv“ meint oder auch „Schade, dass meine Freundin neben mir steht, sonst würde ich rüberkommen.“

Vielleicht wird er bereuen, dass er sie nicht angesprochen hat. Wahrscheinlich wird sie sich ärgern, dass sie seinen Namen nicht kennt. Womöglich hätten Worte diesen geheimnisvollen Moment aber auch nur zerstört. Denn bekanntlich steht und fällt eine Anmache mit dem berühmten Flirtspruch, der im Idealfall gar keiner ist. Statt „Bist du vom Himmel gefallen?“ oder anderen Schleimigkeiten kann das flirtende Schweigen nur mit zwei Varianten gebrochen werden. Entweder mit einem selbstbewussten und bodenständigen „Ich heiße Sebastian und wie heißt du?“ oder einem ironischen „Wenn du auch nur ansatzweise so schön redest, wie du schweigen kannst, muss ich dich einfach ansprechen.“

5. Das freundschaftliche Schweigen

Es gibt Situationen, an denen man einen echten Freund erkennt, denn mit Freunden muss man schweigen können. Freundschaft liegt auf einer anderen Ebene als Partnerschaft, denn Verständnis, Vertrauen und gemeinsame Erlebnisse funktionieren hier problemlos im Schweige-Modus. Vielleicht kann man sogar behaupten, dass statt partnerschaftlicher Intimitäten die gemeinsame Wertschätzung vor allem durch Schweigen ausgetauscht wird.

Wer zum Beispiel mit seinem besten Freund fünf Stunden von Las Vegas nach Los Angeles fährt, für den ist Schweigen kein Problem. Es wird Musik gehört, aus dem Fenster geschaut, vielleicht das Allernötigste geredet wie „Tanken?“ oder „Hunger?“, aber es fühlt sich keinesfalls einer unwohl beim Schweigen oder fragt:  „Woran denkst du gerade?“

Freunde dürfen nicht nur schweigen können, sie müssen es sogar miteinander beherrschen, weil sie wissen, dass es dem anderen gut geht, und wenn nicht, dann sprechen sie es an. Am Strand, im Auto, im Club, beim Fernsehen oder im Park, herrlich kann man mit Freunden die Klappe halten und trotzdem glücklich sein.

6. Das befriedigte Schweigen

Nach dem Sex sind beide erschöpft und liegen nackt nebeneinander. Nacktsein bedeutet Verletzlichkeit genug, aber da sich (im Ideallfall) beide lieben, sollte man sich dennoch wohlfühlen. Und wenn man sich miteinander wohlfühlt und gerade miteinander geschlafen hat, dann darf man einfach so neben dem anderen liegen und einfach mal nichts sagen. Man muss nicht fragen „Hat es dir gefallen?“ oder „An was denkst du?“ oder „Noch mal, Hase?“. Es gibt Momente, in denen Schweigen bedeuten kann, dass man glücklich ist, befriedigt, zufrieden, sich wohlfühlt und mit sich und dem anderen eins ist. In diesen Augenblicken sollte das befriedigte Schweigen auch nicht mit einem „Ich liebe dich“ kaputt gemacht werden. Denn im Idealfall bedeutet das Schweigen ohnehin gerade genau das.

7. Das geschäftige Schweigen

Im Großraumbüro wird selten geschwiegen, denn einer redet immer. Menschengruppen neigen dazu, unruhig zu werden, wenn niemand redet, das ist nicht nur im Büro, sondern auch im ICE oder in Flugzeugen der Fall. Deswegen ist man immer froh, wenn doch jemand irgendwo redet, und sei es Blödsinn, mit der Stewardess oder laut im Ruhe-Abteil. Denn wir sind Lärm und Beschallung gewohnt, und wenn viele Menschen um uns sind und niemand einen Mucks gibt, dann werden wir unruhig, weil irgendwas nicht zu stimmen scheint.

Vielleicht steht gerade der kontrollierende Chef im Türrahmen. Vielleicht wollen sich die Menschen auch einfach nur auf ihre Arbeit konzentrieren oder im Flugzeug im Geiste beten, dass der Airbus nicht abstürzt. Wohl dem, der Schweigen ertragen kann! Denn das sind wenige, sonst würden nicht so viele Menschen Musik hören oder dummes Zeug reden.

8. Das betretene Schweigen

Es soll Menschen geben, die vor einem Fahrstuhl stehen und nicht auf den Fahrstuhl warten, sondern darauf, dass sie alleine fahren können. Sie freuen sich, wenn sich die Türen öffnen und der Fahrstuhl leer ist und noch glücklicher sind sie, wenn sie alleine vor dem Fahrstuhl warten, ihn alleine betreten und alleine wieder verlassen. Solche Menschen erkennt man daran, dass sie sich in letzer Sekunde, wenn der Fahrstuhl kommt, doch für die Treppe entscheiden.

Denn solche Menschen fürchten das berüchtigte Fahrstuhl-Schweigen, bei dem alle auf den Boden, die blinkenden Knöpfe, auf ihr nicht-funktionierendes Telefon oder in die Luft gucken. Aber gerade dieses „in die Luft gucken“ gestaltet sich im Fahrstuhl so schwierig, denn da sind ja immer andere Augenpaare, von Fremden oder Kollegen, und Augenkontakt schürt immer die Erwartung nach Kommunikation, ob mit Worten oder einem Lächeln. Wenn man nun aber nicht zurücklächeln will und auch keine Lust auf Fahrstuhl-Smalltalk hat, dann kann man entweder etwas in seiner Tasche suchen oder zwei Etagen zu früh aussteigen, um das Treppenhaus zu nehmen.

9. Das erzwungene Schweigen

An manchen Orten würde man ja liebend gern mit jemandem sprechen, aber leider geht das nicht. Man fühlt sich beobachtet, man guckt selbst blöd in der Gegend oder einer Zeitschrift herum und wäre sowieso lieber komplett woanders. Vor allem in Wartezimmern beschleicht einen dieses Gefühl, ganz besonders schlimm bei Arztbesuchen, denn es gibt ja schließlich einen guten Grund, wieso alle – und man selbst – hier sitzen. Auch Wartezimmer auf dem Einwohnermeldeamt, dem Finanzamt oder anderen Behörden sorgen für eine schweigende Atmosphäre, in der Ungeduld, Aggressionen, Ängste, blanke Nerven spürbar in der Luft liegen.

Das um sich greifende Gefühl, dass man hier wartet, bis etwas passiert und dass niemand redet, macht alles noch unerträglicher. Wie froh ist man, wenn ein schreiendes Kind die unerträgliche Stille platzen lässt oder die Arzthelferinnen miteinander plappern oder alle paar Minuten ein Beamter reinkommt und eine simple Nummer aufruft. Und wenn man an der Reihe war und endlich aus der Warteschleife zurückkehren kann in sein Leben – dann kann man es kaum erwarten, jemandem zu erzählen, was man gerade erlebt hat.

10. Das friedliche Schweigen

Es gibt Orte, an denen sehen die Verhaltensregeln auf fast natürliche Weise vor, dass alle Menschen schweigen sollen, was auch in 90 Prozent aller Fälle vorzüglich funktioniert. Denn jeder akzeptiert, dass man extra an diesem Orte zusammen gekommen ist, um eben nicht zu reden, sondern etwas anderes zu tun. Denn nur so kann dieser Ort genossen oder genutzt werden: die Sauna, die Staatsbibliothek, die Leseecke des Buchladens, das Museum, das Theater oder aber der Vortrag.

Wird nun doch geredet, so zischt man automatisch ein strenges „Psst!“, dreht sich genervt um, wirft böse Blicke rüber und fühlt sich in seinem eigenen friedlichen Schweigen empfindlich gestört. Man war schließlich gerade endlich mal so überaus stolz darauf, dass man einfach mal die Klappe gehalten hat.

Quelle: seeg
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