RP Plus: Die milden Gaben der Gutmenschen
VON SVEN GREST - zuletzt aktualisiert: 21.12.2011 - 14:26Düsseldorf (RPO). In vielen Innenstädten werden in diesen Tagen große Regale aufgebaut. Dort stellen Gutmenschen hinein, was sie nicht mehr benötigen: Bücher und CDs, manchmal auch ein altes Fahrrad. Was wird in ein paar Monaten von der Idee übrig bleiben: Ein neuer Trend des Gebens und Nehmens – oder ein paar von Vandalen zerstörte Bretterverschläge?
Nein, es ist nicht alles Schrott. Die CD sieht fast aus wie neu, die Gummistiefel ebenso und auch der antike Zuckerstreuer hat kaum Gebrauchsspuren. Vieles von dem, was in dem mannshohen Regal auf einem Platz mitten in Düsseldorf-Flingern steht, hat durchaus Gebrauchswert. Dass die Gegenstände dennoch dort landen, ohne dass ihre Besitzer dafür Geld oder eine Gegenleistung erwarten, ist das neue Phänomen, das derzeit vielerorts zu beobachten ist. Die Leute verschenken, was sie nicht mehr benötigen, scheinbar selbstlos: Bricht eine neue Kultur des Miteinander an?
Erst durch das Schenken wurde der Mensch zum Menschen, merkte der französische Philosoph Marcel Mauss an. Schließlich sei die uneigennützige Gabe ohne Einforderung eines Gegenwerts einer der wichtigen Punkte, die den Mensch von allen anderen Lebewesen unterscheide. Und immer dann, wenn sich in der Geschichte der Menschheit die bürgerliche Gesellschaft bewusst wurde, dass das egoistische Nutzenkalkül gesiegt hatte, erinnerte sie sich der Gabenmoral. Fast scheint es, als wäre zwischen Euro- und Finanzkrise so ein Moment gekommen.
Denn in Düsseldorf und Berlin, in Frankfurt und Hamburg gibt es immer mehr von ihnen: Menschen, die an das Gute glauben wollen und daran, dass ihre selbst gezimmerten Regale in den Innenstädten nicht sofort von Vandalen zerstört oder von Ordnungspolitikern verboten werden. Silke Roggermann ist eine von ihnen. Roggermann wohnt im Düsseldorfer Stadtteil Flingern, der immer wieder mit dem Berliner Szenekiez Prenzlauer Berg verglichen wird. Beides Orte, denen Stadtsoziologen das Phänomen der Gentrifizierung attestieren. Beides ursprünglich preisgünstige Arbeiter-Stadtteile, die nach und nach von den Besserverdienern als Wohn- und Einkaufsidylle entdeckt wurden.
"Man hat das Gefühl, etwas Gutes zu tun"
Dort, auf dem zentralen Platz in Düsseldorf-Flingern, hat Silke Roggermann mit Hilfe von Nachbarn und Freunden ihre „Givebox“ aufgebaut. Darin steckt die Arbeit von wenigen Stunden: Ein paar Bretter aus dem Baumarkt, ein Dach aus Wellblechpappe. Jeden Tag geht Silke Roggermann an ihrer Box vorbei und sieht nach dem Rechten. Ein wenig Ordnung schaffen im Regal, neu angekommene Bücher sortieren, Laub und Schmutz entfernen. Jeder Besuch ist eine kleine Überraschung. Einmal hat sie einen Tintenstrahldrucker entdeckt, ein anderes Mal eine Kaffeemaschine und ein Radio. Selbstverständlich alle funktionstüchtig.
Wer die Givebox im Laufe eines Tages beobachtet, sieht dutzende Menschen, die beim Vorübergehen stutzen und sich anschließend das aktuelle Angebot im Regal ansehen – oder zielgerichtet mit Büchern und Spielen unterm Arm die Givebox ansteuern. Kaum ein Gegenstand bleibt länger als zwei Wochen liegen. 1412 Mitglieder zählte die Düsseldorfer Facebookgruppe bis Redaktionsschluss. Dass die Idee so gut im Stadtteil ankommt, davon ist Silke Roggermann positiv überrascht. Was sie antreibt, ist die Hoffnung, dass möglichst viele Menschen das Prinzip nachahmen und weitere Giveboxen bauen. Schließlich kann Schenken nicht nur den Beschenkten glücklich machen – „man hat selbst das Gefühl, etwas Gutes zu tun.“
Die Zahl der Giveboxen nimmt ständig zu
Heute gibt es in Düsseldorf bereits vier Giveboxen. Neben Flingern engagieren sich Ehrenamtliche in Oberkassel, Gerresheim und Eller, um Holzregale des guten Willens zu bauen. Das erste dieser Art entstand im Herbst in Berlin, aktuell laufen Vorbereitungen für weitere Exemplare in Münster, Aachen und Siegen. Auch in Paris und San Francisco haben sich Nachahmer gefunden.
Das Prinzip der Givebox orientiert sich an den Bücherboxen, die es schon seit Jahren in zahlreichen Städten gibt. Dort kann jeder seine gelesenen Bücher hinterlassen und sich im Gegenzug bei Buchgaben anderer Lesen bedienen. Dass so viel guter Wille irgendwann auf Zerstörungswut treffen würde, haben die Initiatoren geahnt. Mehrere Bücherschränke wurden nach Vandalismus wieder abgebaut, eine Berliner Givebox wurde über Nacht von Unbekannten völlig leergeräumt und demoliert.
Doch als in der vergangenen Woche in Düsseldorf der Inhalt einer Givebox auf der Erde verstreut wurde, wehrten sich die Anwohner auf ihre Weise: Sie sammelten die Gegenstände wieder ein und räumten alles fein säuberlich ins Regal. Nächste Woche wollen sie einen Duschvorhang vor dem Regal anbringen, damit Hemden und Bücher besser gegen die winterliche Witterung geschützt sind.
Weihnachten, so hoffen die Givebox-Betreiber, könnte einen neuen Popularitätsschub bringen. Denn wer unterm Tannenbaum von Oma Socken und vom Onkel den inzwischen vierten Rührbesen bekommen hat, braucht die unwillkommenen Gaben nicht im nächsten Jahr an ein anderes Familienmitglied weiter zu verschenken. Er gibt sie einfach in die Givebox. Und mit etwas Glück findet er dort etwas, was ihm wirklich gefällt.
Eine Auflistung aller Give-Boxen finden Sie hier.
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