RP Plus: Ein Auto für zwischendurch
VON SVEN GREST - zuletzt aktualisiert: 08.02.2012 - 14:13Düsseldorf (RPO). Warum einen teuren Kleinwagen kaufen, wenn dieser die meiste Zeit in der Garage steht? Mit neuen Carsharing-Konzepten ist es so einfach wie nie, ein Auto kurzfristig zu mieten. Die neuen Leihwagen können im öffentlichen Raum kostenlos geparkt – und am Ende der Leihzeit irgendwo in der Stadt abgestellt werden. Einen Nachteil gibt es dennoch.
Es funktioniert tatsächlich. Mit einem leisen Klick signalisiert die Zentralverriegelung, dass die Türen des 1er-BMW nun offen sind. Dafür war kein Zündschlüssel und keine Fernbedienung notwendig. Der Fahrer ist weder Besitzer des Wagens, noch hat einen Fahrzeugschein. Er hat sich lediglich durch einen kleinen Chip auf seinem Führerschein identifiziert. Schlüssellos wird er nun den Wagen anlassen und einige Stunden fahren. Und wenn er ihn abstellen will, braucht er dafür kein Parkticket und keine Rückgabestation. Willkommen in der neuen Welt des Autofahrens.
Bisher galt Carsharing als umständlich. Wer lediglich zeitweise ein Auto brauchte, wurde zuweilen genötigt, dunkle Parkhausgaragen oder verlassene Stellplätze aufzusuchen, um dort einen Wagen abzuholen, den er später an genau diesem Ort wieder hinterlassen musste. Doch worin liegt dann der Mehrwert für jemanden, der nur mal eben ein Auto zum Einkaufen braucht? Wer ein Auto für ein paar Stunden oder Tage mieten will, mag es flexibel und unkompliziert. Die Autoindustrie hat darauf reagiert – nicht zuletzt, um dem drohenden Umsatzrückgang vorzubeugen.
Immer mehr Großstädter verzichten darauf, sich ein eigenes Auto anzuschaffen. Weil sie Geld sparen können, weil sie problemlos auch mit Bus und Bahn ins Büro kommen und damit einen Beitrag zum Umweltschutz leisten können. Und weil ein Smartphone längst ein größeres Statussymbol geworden ist als eine schmucke Karosse. 57 Millionen Fahrzeuge sind in Deutschland momentan zugelassen, nach ADAC-Angaben besitzen 83 Prozent der deutschen Haushalte einen eigenen Pkw. Wer des öfteren im Berufsverkehr stecken blieb, sieht wenig Reiz darin, sich täglich in die Schlange der Berufspendler einzureihen, um sich wenig später auf Parkplatzssuche in einer völlig überfüllten Innenstadt zu machen.
Doch es gibt Momente, in denen sich der Bahnfahrer dann doch ein Auto wünscht. Sei es für den Wochenend-Einkauf, die Spazierfahrt aufs Land oder den Besuch im Möbelhaus. Und dann? Wer in Hamburg, Berlin oder Düsseldorf lebt, für den eröffnen sich seit neuestem eine Reihe neuer Möglichkeiten. Gleich mehrere große Autohersteller haben neue Carsharing-Modelle entwickelt, die einfacher und flexibler als die bisherigen Leihmodelle sind.
Das Prinzip: Nach einmaliger Anmeldung erhält der Kunde einen Chip in den Führerschein geklebt, mit dem er die verfügbaren Autos nutzen kann. Anschließend sieht er auf einem Internet-Stadtplan, wo der nächste Wagen steht. Dank des Chips im Führerschein erkennt die Fahrzeug-Elektronik den Fahrer und öffnet die Türen. Per Knopfdruck lässt er den Wagen an, tankt bei Bedarf mit der bordeigenen Tankkarte und parkt kostenlos auf allen öffentlichen Parkplätzen im Stadtgebiet. Um den Wagen zurückzugeben, braucht er nur erneut seinen Führerschein an die Windschutzscheibe zu halten.
Abgerechnet wird die Fahrt je nach Anbieter über Kreditkarte oder Bankeinzug. Auch das funktioniert vollautomatisch: Bei der Testfahrt kam die Rechnung innerhalb weniger Sekunden nach Fahrtende per Mail. Doch billig ist das Angebot nicht: Abgerechnet wird grundsätzlich nach Zeit, je nach Anbieter werden pro Minute zwischen 26 und 29 Cent fällig – unabhängig von der absolvierten Kilometerzahl. Wird der Wagen kurzfristig geparkt, soll aber später weiter genutzt werden, läuft die Uhr für 9 Cent pro Minute weiter. Ein kleiner Ausflug ins Grüne kann auf diese Weise schnell mit 30 Euro oder mehr zu Buche schlagen.
Dafür hat es der Fahrer einfach: Er kann per Smartphone- oder iPad-App sehen, welche Autos gerade in seiner Nähe abgestellt sind, er kann den Wagen überall parken und ihn am Ende der Fahrt im kompletten Stadtgebiet abstellen. Servicekräfte sorgen dafür, dass die Wagen stets sauber und aufgetankt sind. Und im Schadenfall liegt die Selbstbeteiligung zur Vollkasko-Versicherung je nach Anbieter bei 500 bis 1000 Euro – es sei denn, man entschließt sich zum Anschluss einer Zusatzversicherung.
Mit „Drive Now“ ist BMW gerade in Düsseldorf gestartet. 150 Mini und 1er-BMW stehen seit Ende Januar im Stadtgebiet zur Nutzung zur Verfügung. Im Sommer sollen Mini-Cabrios hinzukommen, später sind auch Elektrofahrzeuge zur Einführung geplant. Drive Now ist ein Gemeinschaftsunternehmen von BMW und dem Autovermieter Sixt, beide sind zu 50 Prozent an der Unternehmung beteiligt.
Der zweite Anbieter, der aktuell in Düsseldorf startet, ist „Car2Go“, der von Daimler in Zusammenarbeit mit der Autovermietung Europcar betrieben wird. 2008 waren sie die ersten, die das neue Konzept des Carsharings in Hamburg präsentierten. Heute unterhält Car2Go Fahrzeug-Flotten in zahlreichen Städten, darunter im texanischen Austin und im französischen Lyon. Seit vergangenen Montag stehen auch in Düsseldorf 300 Smarts zum Ausleihen bereit.
Daneben gibt es eine ganze Reihe anderer Carsharing-Anbieter, die um Kunden kämpfen: Bei Quicar von Volkswagen kann man die Wagen an zahlreichen Stationen im Stadtgebiet abholen. Bisher gibt es das Angebot allerdings lediglich in Hannover. Auch bei Greenwheels und Flinkster (Deutsche Bahn) muss man den Wagen an einer festen Station wieder abgeben. Bei Tamyca kann man sein Auto zur Vermietung anbieten oder nach dem Pkw eines Nachbarn suchen, der es stunden- oder tageweise zur Verfügung stellt. Nach Angaben des Bundesverbands Carsharing (bcs) gibt es deutschlandweit inzwischen 125 Anbieter, die in rund 250 Städten 5000 Fahrzeuge in ihrer Kartei haben. 190.000 Nutzer haben sich bereits bei den verschiedenen Anbietern registriert.
Und der Nutzen für die Umwelt? Schließlich werben die Carsharing-Anbieter damit, mit ihrem Angebot die CO-Belastung in den Städten zu reduzieren. Wenn sich viele Personen einen Wagen teilen, anstatt sich jeweils einen eigenen anzuschaffen, sei das ein Schritt zu einem nachhaltigen Mobilitätsverhalten. „Wir sehen uns als Teil einer Mobiliätskette“, sagt Car2Go-Sprecher Andreas Leo. „Ein Großteil unserer Nutzer sind Besitzer von Jahreskarten für Bus und Bahn.“ Doch solange die Autos mit Benzinmotor angetrieben werden, entsteht weiterhin Kohlendioxid – egal wem das Auto gehört. In Stuttgart will Car2Go darum im Sommer die erste Flotte an wirklich umweltfreundlichen Fahrzeugen einführen: mit Elektroantrieb.
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