RP Plus: Japan nach Fukushima
VON HELMUT MICHELIS - zuletzt aktualisiert: 24.11.2011 - 07:08Unter strahlend blauem Himmel finden vor dem Meji-Schrein im Herzen von Tokio Hochzeiten im Minutentakt statt; Kinder laufen mit bunten Luftballons herum; die Sonne scheint für die Jahreszeit ungewöhnlich warm. Doch die Idylle trügt: Japan leidet.
Der Atomunfall von Fukushima und die Erdbebenkatastrophe vom 11. März mit 19.716 Toten hat in der japanischen Gesellschaft tiefe Spuren hinterlassen. Hinter freundlichem Lächeln und eiserner Disziplin verbergen die Japaner, wie tief sie durch die Katastrophe und ihre Folgen in ihrem Weltbild erschüttert worden sind. Misstrauen gegenüber der Informationspolitik von Regierung und Stromkonzernen, mangelnde Solidarität und eine Wirtschaftslage in Talfahrt irritieren die japanische Gesellschaft. Der Nachbar China trumpft wirtschaftlich und militärisch unheimlich auf, und die Diktatur in Nordkorea sorgt ebenso für Besorgnis wie der ebenfalls aufrüstende Nachbar Russland.
„Dass die Reaktoren jetzt sicher sind, glaube ich nicht“
Zwar haben sich die Arbeitsbedingungen am havarierten Atomkraftwerk in Fukushima deutlich verbessert, behauptet zumindest dessen Betreiber Tepco. Täglich könnten wieder bis zu 3000 Arbeiter auf dem Gelände eingesetzt werden. Doch viele Japaner wie der Parlamentsabgeordnete Taro Kono glauben dem Energieriesen Tepco nicht mehr. „Wir haben keine klaren Informationen. Das Strahlungsniveau wird nicht veröffentlicht. Dass die drei Reaktoren, in denen es durch den Tsunami zur Kernschmelze gekommen ist, jetzt sicher sind, das glaube ich nicht. Es ist eine widersprüchliche und chaotische Situation.“
Kono, Mitglied der Liberaldemokratischen Partei, die nach Jahrzehnten ihre scheinbar zementierte Macht verloren hat, stand mit seiner kritischen Haltung gegenüber der Atompolitik zunächst lange allein. Doch nun wächst die Zahl seiner Verbündeten, die ebenfalls nicht mehr hinnehmen wollen, dass Tepco „die ganze Gesellschaft verdorben hat“, wie Kono kritisiert. „Die angeblich unabhängige Kommission, die im Auftrag der Regierung die Reaktorsicherheit prüfen soll, besteht aus den alten Ingenieuren, die diese Kraftwerke gebaut haben. Sogar die Wissenschaftler an den Universitäten und Forschungseinrichtungen sind ruhiggestellt, weil sie von Tepco gut dotierte Forschungsaufträge erhalten haben. Das kann so nicht weitergehen.“
Öffentlicher Protest ist nicht Sache der Japaner
Öffentlicher Protest gegen die Obrigkeit sei aber nicht Sache der Japaner, meint der Politiker. So hätten ihn Wähler aus dem Erdbebengebiet gefragt, ob sie sich denn überhaupt bei ihrem zuständigen Abgeordneten beschweren dürften. Im Regierungsviertel von Tokio stehen ein paar verloren wirkende Zelte mit Transparenten, auf denen gegen Atomkraft protestiert wird. Doch die Passanten hasten achtlos daran vorüber.
Fast alle Gesprächspartner halten es für unmöglich, dass die große Industrienation Japan kurzfristig auf Atomkraftwerke verzichten kann. Japan bestehe aus Inseln. Deutschland habe es da leichter, es könne Strom auch bei direkten Nachbarn wie Frankreich zukaufen. Doch der Wille zum Wandel wächst erkennbar. Naoki Inose, stellvertretender Gouverneur von Tokio, will zum Beispiel ein Gaskraftwerk an der Küste seiner 13-Millionen-Einwohner-Metropole bauen lassen: „Mit der Abwärme könnte außerdem Gemüse gezüchtet werden.“ Inose will mit seinem neuen Energiekonzept die Regierung unter Druck setzen. „Konkurrieren mit dem Staat kann aufgrund seiner Größe nur Tokio. Dass wir reagieren, das hat auch etwas Symbolisches.“
Mitsuri Sakurai, Abgeordneter der regierenden Liberalen Partei, der für den Wiederaufbau nach der Erbeben-, Tsunami- und Reaktorkatastrophe zuständig ist, ist gerade aus dem zerstörten Gebiet zurückgekehrt. „Wir müssen neue Stadtzentren aufbauen. Das ist sehr schwierig, auch deshalb, weil wir in Japan keine lange Tradition der Stadtplanung wie in Deutschland haben. Aber unser größtes Problem ist: Wie beschäftigen wir diejenigen, die keinen Arbeitsplatz mehr haben? Die jungen Leute wandern sonst ab.“ Die Menschen in den betroffenen Regionen hätten meist vom Fischfang, von der Fischverarbeitung und von der Landwirtschaft gelebt.“ Durch finanzielle Förderung kleinerer und mittelständischer Unternehmen will Sakurai so schnell wie möglich neue Arbeitsplätze schaffen. „Es dauert aber drei bis vier Jahre, bis die Tier- und Pflanzenwelt im Meer annähernd wiederhergestellt ist.“ Die Probleme seien riesig und würden Milliarden Euro Unterstützung erfordern.
Anwohner von Fukushima gelten als „Verstrahlte“
Viele Details machten die Hilfe zusätzlich schwierig: „Neue Boote können wir den Fischern zwar besorgen. Doch der Meeresboden in Küstennähe ist von Trümmern übersät, so dass die Fangnetze reißen würden. Auch wissen wir noch nicht genau, wie stark die radioakive Verstrahlung ist.“ Der Abgeordnete bestätigt Berichte, wonach die Anwohner von Fukushima von anderen Japanern „als Verstrahlte“ diskriminiert worden sind: „Fukushima hat eine lange Tradition als Stadt der Feuerwerker. Doch als jetzt wieder Sommerfeste mit Feuerwerken anstanden, sind sie in einigen Städten verängstigt weggeschickt worden. Das finde ich empörend. Die Bevölkerung muss besser aufgeklärt werden.“
Japan ist ein durch Naturkatastrophen von der Überschwemmung bis zum Vulkanausbruch besonders gefährdetes Land. Das wird beim Besuch des Katastrophenschutzzentrums deutlich. Es befindet sich im 8.Stock eine Hochhauses, das aber Erdbeben bis zu einer Stärke von 7,9 auf der Richterskala trotzen könne, betonen die Verantwortlichen. Mit 70 Prozent Wahrscheinlichkeit sei in den kommenden 30 Jahren ein schweres Beben mit einem Tsunami direkt im Großraum Tokio zu erwarten. Eine Computersimulation habe ergeben, dass dann mit 5700 Toten und 160.000 Verletzten zu rechnen sei. Knapp 10.000 Menschen seien vermutlich in Aufzügen eingesperrt, 436.000 Häuser eingestürzt und 4,4 Millionen Menschen könnten nicht mehr von ihren Arbeitsplätzen im Zentrum in ihre Wohnungen am Stadtrand zurückkehren.
Dass diese Horror-Zahlen nicht aus der Luft gegriffen sind, zeigte die Katastrophe im März, die Tokio quasi nur streifte: Es gab sieben Tote, allein 100.000 Menschen mussten in Notunterkünften versorgt werden, weil sie nicht mehr nach Hause fahren konnten. Es kam zu Hamsterkäufen, Lebensmittel wurden daraufhin knapp und der Strom fiel von Zeit zu Zeit aus. Die Japaner trainieren deshalb regelmäßig den Ernstfall, auch in den Schulen und Unternehmen. Radio- und Fernsehprogramme sind auf die Ausstrahlung von Warnmeldungen vorbereitet. Das Land ist außerdem mit einen Netz von Lautsprechern überzogen, mit dem die Bevölkerung alamiert wird. Die japanischen Streitkräfte sind eng in das Rettungssystem eingebunden. Das Verteidigungsministerium ist stolz darauf, im März mehr als 27.000 Menschen gerettet zu haben. Mit 107.000 Mann war fast die Hälfte der gesamten Armee Japans im Einsatz.
Auch die traurige Suche und Bergung der Leichen gehörte zum Auftrag der Soldaten. Selbst Kampfpanzer habe man nach der Katastrophe erfolgreich einsetzen können, berichtet Katsunari Iidate vom Informationszentrum des Heeres und zeigt auf den großen Suchscheinwerfer am Turm eines Panzers 74. Nachts sei dessen Licht eine große Hilfe gewesen. „Ich habe nur meinen Auftrag ausgeführt“, sagt Feuerwehr-Hauptmann Osami Kamanka bescheiden, der mit der 6. Rettungseinheit aus Tokio das Abklingbecken im Kraftwerk Fukushima kühlen musste. „Wir dachten, die Strahlung ist nicht gut für unsere jungen Kameraden. Deshalb wollten wir zunächst nur die über 40-Jährigen einsetzen. Aber das waren zu wenige. So haben sich schließlich alle 139 Mann freiwillig gemeldet.“
„Für uns stand im Mittelpunkt, lebend aus Fukushima zurückzukehren“
Insgesamt eine Stunde arbeiteten Kamanakas Männer direkt am Reaktor. Die Schläuche mussten sie über 800 Meter mühsam mit der Hand verlegen, weil das Erdbeben die Straßen beschädigt hatte und nach dem Tsunami überall Trümmer herumlagen. „Ich habe meine Familie vorher nicht angerufen. Solche gefährlichen Einsätze gehören schließlich zu meinem Beruf“, berichtet der Feuerwehr-Chef. Eine Koordination mit Tepco habe es nicht gegeben, sagt Kamanaka. Auch sei die Werksfeuerwehr nicht zum Einsatz kommen. „Ihre Schläuche waren zu kurz.“ Zu den dort tätigen Arbeitern könne er nichts sagen. „Das ist nur traurig. Für uns war stand es im Mittelpunkt, dass jeder von uns lebend aus Fukushima zurückgekehrt ist.“
Selbstbeherrschung und Disziplin sind wichtig in Japan. So läuft das Leben in den Straßen und Büros scheinbar unverändert weiter. Doch dieser Schein trügt: Zu den zahlreichen innenpolitischen Problemen und der Sorge um die Wirtschaft kommt das beunruhigende Gefühl dazu, von potenziellen Feinden umzingelt zu sein. „2010 hat China Japan als zweitgrößte Volkswirtschaft nach den USA abgelöst“, sagt Masuda Masayuki vom Nationalen Institut für Verteidigungsforschung. „Eine lange Periode der chinesischen Überlegenheit wird folgen. Es ist eine rapide Verschiebung des wirtschaftlichen Mächtegleichgewichts im Gange.“
Parallel dazu rüstet China massiv auf, speziell bei der Marine. Die bislang unanfechtbare Vormachtstellung der USA, der große Verbündete und Beschützer Japans, gerate zusehends ins Wanken. „China versucht auf dem Meer Grenzen zu ziehen“, meint Kuni Miyake vom Canon-Forschungsinstitut für globale Studien. „Das ist typisch für Festlandsvölker. Aber es gefährdet die Freiheit der Meere, auf die wir als große Handelsnation angewiesen sind.“ Streitpunkte gibt es seit dem Zweiten Weltkrieg genug, unter anderem um Inseln.
Andererseits sei Japan inzwischen vom Handel mit China abhängig, stellt Professor Ryosei Kokobun fest, der als Japans profundester China-Kenner gilt. Die Invasion findet nach seiner Ansicht nicht militärisch, sondern wirtschaftlich statt: Chinesische Firmen kauften in großem Stil japanische Unernehmen auf oder hätten maßgebliche Aktienanteile erworben. „Unser Land wird ausgehöhlt. Ja, Japan braucht China, auch als Absatzmarkt für seine Produkte. Aber zugleich ist das Misstrauen bei uns groß.“
Unser Redaktionsmitglied Helmut Michelis befindet sich zurzeit auf Einladung der Robert-Bosch-Stiftung in Japan. Schwerpunktthema ist die Sicherheit und Zusammenarbeit in Asien.
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