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RP Plus: Keine Bewegung!

VON SEBASTIAN DALKOWSKI - zuletzt aktualisiert: 23.07.2012 - 10:47

Wer noch immer an Romantik im Profifußball glaubt, sollte keinen Pressetermin eines Bundesligisten besuchen. Unser Reporter war trotzdem dabei, als Borussia Mönchengladbach das offizielle Mannschaftsfoto machte und den teuersten Spieler der Vereinsgeschichte vorstellte.

Am Tag, an dem eine Fußballmannschaft einfriert, scheint die Sonne. Ein Mittwochnachmittag im Borussia-Park, dem Stadion des Bundesligisten Borussia Mönchengladbach. Die Ränge sind leer. Wo sich an Heimspiel-Samstagen 50.000 Fans drängen, sind nun bloß Beton und Plastiksitze zu sehen. Nichtmal die Tore sind aufgebaut. Auf der linken Seite des Platzes steht ein Podest mit zwei hintereinander gestellten Bänken, wie man sie aus Bierzelten kennt. Hinter dem Podest steht eine riesige Werbebande vor der eigentlichen Werbebande. An der Vorderseite des Podests lehnt ein Brett mit ungefähr denselben Sponsoren.

In wenigen Minuten soll hier das offizielle Mannschaftsfoto von Borussia Mönchengladbach gemacht werden. Es wird später in den Sonderbeilagen der regionalen Tageszeitungen erscheinen, im Kicker-Sonderheft, es wird als Poster in Kinderzimmern hängen. Am Spielfeldrand haben sich bereits die knapp 35 Fotografen aufgestellt. Die Fotoapparate sehen aus, als müssten sie einen Einsatz im Irak überstehen. Anderen Menschen ist ihre Funktion nicht sofort anzusehen. Sie gehören zum Verein, tragen Stoffhose und Hemd. Vermutlich wollen sie einfach nur zeigen, dass es sie gibt, dass sie wichtig sind. Sie sind wie die Roadies, die ihre Arbeit auf der Bühne längst erledigt haben, aber dann so tun, als müssten sie unbedingt noch mal an diesem Kabel ziehen und jenen Stecker drücken, obwohl es doch nichts mehr für sie zu tun gibt.

Alle sind noch wichtiger

In dieser Saison dürfen sich die wichtigen Leuten noch wichtiger fühlen. Denn Borussia Mönchengladbach ist wieder wichtig. Nicht nur für die Region, nicht nur für den Niederrhein, dort war es der Verein schon immer. Nein, auch in der Bundesliga. Vor knapp einem Jahr blieb das Team durch einen Sieg in der Relegation noch so gerade in der 1. Liga, in der vergangenen Saison landete das Team sensationell auf dem vierten Platz und spielt Ende August um den Einzug in die Champions League. Kein anderes Team hat in der Sommerpause so viel Geld für neue Spieler ausgegeben, knapp 35 Millionen Euro.

Pünktlich um 13 Uhr traben die Spieler aufs Spielfeld. Sie tragen Trikots, Stutzen. Sie sind angezogen, als würde gleich ein Spiel angepfiffen. Geradewegs gehen sie auf die Bierzeltbänke zu. Die erste Reihe setzt sich auf die vordere Bank, die zweite stellt sich dahinter, die dritte auf die hintere Bank. Auf den Bänken liegen Zettel, damit die Spieler wissen, wo sie hin müssen. Das hat die Presseabteilung zuvor nach einem System festgelegt, das sich dem Laien nicht erschließt. Unter den Spielern ist auch der teuerste Einkauf des Vereins aller Zeiten: Der Transfer des holländischen Stürmers Luuk de Jong wurde erst Stunden zuvor bekanntgegeben. Nun steht er bereits zwischen den anderen. Auch Trainer und Betreuer kommen dazu. Dann klackern die Geräte von 35 Fotografen los. Das ist die Medienvielfalt: Verschiedene Fotografen machen ein und dasselbe Foto. Es würde reichen, wenn einer von ihnen dort aufkreuzte, aber natürlich will jeder daran verdienen.

Statischer geht es nicht

Das offizielle Mannschaftsfoto ist ein Foto, das sich statischer, das sich künstlicher nicht denken lässt. Nicht das Foto lässt die Spieler erstarren, die Spieler selbst verharren bereits Sekunden vorher in völliger Bewegungslosigkeit. Sie frieren einfach mehrere Sekunden eine Körperhaltung und einen Gesichtsausdruck ein. Trotzdem geht vom offiziellen Mannschaftsfoto eine gewisse Faszination aus. Es zeigt eine Mannschaft vor Beginn der Saison. Noch ist nichts gewonnen, noch ist nichts verloren, noch scheint alles möglich. Noch hat niemand eine Enttäuschung erlebt. Noch hat niemand seit so und so viel Minuten nicht getroffen. Das hat es mit den Klassenfotos gemeinsam, die zu Beginn des Schuljahres gemacht werden. Aber genau wie in einer Schulklasse sind auch in einem Fußballteam in Wirklichkeit schon viele Weichen gestellt. Natürlich ist nicht alles für jeden möglich. Einige haben ihren Platz in der Stammformation sicher, bei anderen ist klar, dass sie unter normalen Umständen die meiste Zeit auf der Ersatzbank sitzen werden, dass sie sogar für die Amateur-Mannschaft spielen müssen.

Doch nur für das offizielle Mannschaftsfotos sind die Spieler nicht angetreten. Nun erleben sie, die meisten nicht zum ersten Mal, was es bedeutet, wenn eine Sportart auf ihre mediale Verwertbarkeit ausgerichtet wird, wenn eine Sportart vom Geschäftsdenken durchdrungen wird. Man muss das nicht schlimm finden, man darf es aber auch nicht leugnen: Im Profifußball ist kein Platz mehr für Romantik, für Sponsoren aber schon.

Zunächst hält jeder Spieler eine rote Karte in die Höhe, die rote Karte gegen Rassismus. Eine Aktion der Deutschen Fußball Liga GmbH (DFL). Die Fotoapparate klackern nicht mehr ganz so lange wie eben. Dann stellen sich einige Fans einzeln mit aufs Mannschaftsfoto. Sie haben das bei einem Gewinnspiel des Hauptsponsors gewonnen, es ist die Postbank und wird im weiteren Verlauf des Textes einfach nur noch „Der Hauptsponsor“ genannt. Danach werfen die Spieler Bälle mit dem Logo des Hauptsponsors in die Luft. Als einer der Presse-Fotografen die Spieler von hinten fotografieren will, vertreibt ihn ein Offizieller. Das kann viele Gründe haben. Auf jeden Fall ist auf der Rückseite des Trikots nicht das Logo des Hauptsponsors zu sehen.

Der traurige Stürmer

Erst dann dürfen die Spieler und Betreuer vom Podest steigen. Um sich sogleich wieder fotografieren zu lassen. Sie stellen sich mit einigen Metern Abstand an der Seitenlinie auf. Vor ihnen liegen Zettel mit ihrem Namen. Sie verschränken die Hände hinter ihrem Rücken und warten darauf, dass die Fotografen einzeln an ihnen vorbeiziehen und ein Foto machen. Dann frieren sie erneut eine Körperhaltung und einen Gesichtsausdruck ein, als würde jede Bewegung irgendetwas preisgeben. Freundlich, freundlich-neutral, nur neutral, grinsend. Der Stürmer Igor de Camargo ist der Meister des traurigen Blickes. Der Trainer hat ihm ja auch einige neue Stürmer vor die Nase gesetzt.

Es sind solche Momente, in denen sich der Gedanke nicht verdrängen lässt, dass Profifußballer viel Geld dafür bekommen, um eine Art Verfügungsmasse für das Wirtschaftsunternehmen Fußballverein zu werden. Das Blöde ist nur: Ohne das Wirtschaftsunternehmen wären all diese Spieler nicht hier, denen wir zujubeln und die wir bewundern. Kein schöner Gedanke. Ein Fußballfan muss die Wirklichkeit ignorieren oder mit Widersprüchen leben.

Es werden an diesem Mittag noch weitere offzielle Fotos gemacht. Für die Sponsoren, für die DFL, für Autogrammkarten. Fotos auf einem mit Grasteppichen belegten Kasten, auf dem die Spieler in einer Bewegung erstarren. Fotos, auf denen sich Spielergrüppchen mit Ball – mit Logo des Hauptsponsors – in der Hand nebeneinanderstellen. Fotos, auf denen unter den Spielern einer ist, der nur so aussieht wie ein Spieler, in Wirklichkeit aber einfach nur dasselbe Outfit trägt. Später wird dieses Foto auf ein großes Brett gedruckt und das Gesicht des Nicht-Spielers herausgeschnitten. Das Brett wird vor dem Trainingsplatz aufgestellt, dann können Fans ihren Kopf in das Loch stecken und sich mit ihren aufgedruckten Idolen fotografieren lassen. Einen Profispieler wollte man dafür natürlich nicht nehmen. Wer lässt sich schon gerne aus einem Foto herausschneiden?

Ritual der Pressekonferenz

Nach 45 Minuten ist das Geknipse vorbei. Für die Journalisten geht es weiter. Gleich soll Luuk de Jong, der teuerste Einkauf der Borussia aller Zeiten, auf einer Pressekonferenz offiziell vorgestellt werden. Es sollen zwischen 12 und 15 Millionen Euro sein. Sie ziehen also weiter in den Presseraum, der Presseclub heißt und den Namen des Hauptsponsors trägt. Die Wände sind übersäht mit diesem und weiteren Logos. Am Ende des Raumes, auf dem Podium, sind die Schilder des Hauptsponsoren an den Mikrofonen angebracht. Es ist gar nicht möglich, irgendein Foto, irgendein Video zu machen, auf denen sie nicht zu sehen sind. Vor den Mikrofonen sind jeweils vier Flaschen aufgereiht, mit den Labels nach vorne. Die Flaschen enthalten nicht nur Getränke, die während einer Pressekonferenz theoretisch jemand trinken könnte, sondern auch Bier. Es ist das Bier, das auch im ganzen Stadion ausgeschenkt wird. Schwer vorzustellen, dass sich de Jong gleich ein Pils mit dem Feuerzeug öffnet und erstmal einen kräftigen Schluck genehmigt.

Auf 14.30 Uhr ist die Pressekonferenz angesetzt, um 14.30 Uhr kommen Sportdirektor Max Eberl, Luuk de Jong und Pressesprecher Markus Aretz in den Raum. Als sich Eberl und de Jong setzen wollen, fragt Aretz: „Erst noch Shakehand?“ Also stehen Eberl und de Jong nochmal auf, geben sich die Hand, grinsen und erstarren für mehrere Sekunde, während die Fotografen ihre identischen Fotos machen, während am anderen Ende des Raumes die Kameras die selben Bilder aufnehmen. Sollen wir nun alle glauben, dass die beiden gerade jetzt in diesem Moment den Vertrag mit einem Handschlag besiegeln?

Bloß keine Antworten geben

In den folgenden 20 Minuten geben Eberl und de Jong auf die Fragen der Journalisten die immer gleichen Antworten, gelegentlich anders formuliert. Eberl sagt, dass de Jong ein Wunschtransfer war. Das sollte bei dieser Ablösesumme selbstverständlich sein. De Jong sagt auf Englisch, dass er sehr glücklich sei, hier zu sein, und hart arbeiten werde. De Jong ist 21, ein junger Spieler. Ihm nimmt man ab, dass er einfach noch viel zu nervös, viel zu schüchtern ist, um interessante Antworten zu geben. Max Eberl aber, ein rundlicher, untersetzter Ex-Fußballer von 38 Jahren, hat es zur eigenen Disziplin erhoben, Fragen zu beantworten und doch nicht zu beantworten. Die kursierende Transfersumme bestätigt er selbstverständlich nicht. Als er gefragt wird, ob der Verein noch weitere Spieler kaufen werde, antwortet er: Ja, das sei typisch für die heutige Gesellschaft, immer höher, schneller, weiter... ganz so, als ob ein Unternehmen wie sein Verein – und wie jeder andere Bundesligaverein – nicht genau nach solchen Prinzipien funktioniere.

Wie sehr wünscht man sich in diesen Momenten, das einer, irgendeiner, mal aufspringt und sagt „Leute, sind wir eigentlich bescheuert? 15 Millionen Euro für einen Fußballspieler?“ Die Welt des Profifußballs ist eine künstliche Welt, die keiner mehr in Frage stellt, weil alle davon profitieren und weil sich alle daran gewöhnt haben. Spieler, Funktionäre, Journalisten, Unternehmen. Wenn jemand 15 Millionen wert ist, heißt es nicht direkt, dass dieser Spieler herausragend ist, sondern bloß, dass in diesem System sehr viel Geld unterwegs ist. Der Marktwert eines Fechters oder ein Volleyballers, der ähnliches leistet, beträgt schließlich nur einen Bruchteil. Der Wahnsinn allerdings wir nur alle paar Jahre angesprochen, wenn sich ein Spieler vor den Zug wirft oder ein Schiedsrichter es beinahe schafft, sich umzubringen. Sonst nicht. Rote Karte gegen Rassismus – klar. Rote Karte gegen Transferwahnsinn – nö.

Nach 20 Minuten ist das Ritual Pressekonferenz vorüber. Alle sind so schlau wie vorher, niemand hat etwas anderes erwartet. Luuk de Jong verschwindet hinter einer Tür, Eberl geht draußen noch eine Zigarette rauchen. Es war leider gar keine Zeit, ein Pils zu trinken.

Quelle: seeg/csr
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