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RP Plus: Pakistan – der Verbündete aus der Hölle

VON CHRISTINE MÖLLHOFF - zuletzt aktualisiert: 28.12.2011 - 15:26

Pakistan (RPO). Instabil, korrupt und zusehends fundamentalistisch: Die USA fürchten, dass Pakistans Atomwaffen in die Hände von Terrorgruppen fallen könnten.

Von einem „Fukushima des Fundamentalismus“ spricht die britische Zeitung „Guardian“, das US-Magazin „The Atlantic“ nennt den islamischen Staat bereits „Den Verbündeten aus der Hölle“. Pakistan, das große Nachbarland Afghanistans, wird im Westen zusehends als Schurkenstaat wahrgenommen, der, regiert von teuflischen Generälen und gewissenlosen Politikern, Terrorismus sponsort, Atomtechnik an Staaten wie Nordkorea sowie den Iran verkauft – und selbst ein extremistisches Pulverfass ist. In den USA werden bereits Szenarien diskutiert, dass die Atomwaffen in die Hände von Terroristen fallen könnten.

Lange haben die USA Islamabads Doppelspiel tatenlos zugesehen. Kaum jemand bezweifelt, dass Pakistan ebenso der Quetta-Schura um den einäugigen Taliban-Chef Mullah Omar wie dem mörderischen Hakkani-Netzwerk Zuflucht gewährt. Beide Gruppen schicken ihre Milizen immer wieder über die Grenze, um in Afghanistan gegen die ausländischen Truppen zu bomben. Und es fällt auch schwer zu glauben, dass sich Osama bin Laden über Jahre in der Garnisonsstadt Abbottabad direkt vor der Nase des Militärs verstecken konnte, ohne dass der Geheimdienst ISI Wind davon hatte. Nun verlieren die USA offenbar die Geduld. Washington stoppte Hilfszahlungen von 700 Millionen Dollar.

Terrorismus als Geldquelle

Terrorismus ist für Pakistan längst zur lukrativen Geldquelle geworden. Allein die USA sollen seit 2001 rund 20 Milliarden Dollar gezahlt haben, damit Islamabad die Extremisten bekämpft. Dies hat es allerdings nur halbherzig getan, denn es sieht die Militanten bis heute als viel zu nützliche Werkzeuge an. Bereits vor Jahrzehnten hat die Führung damit begonnen, Terrorgruppen wie Lashkar-e-Toiba, Jaish-e-Mohammed oder Harkat-ul-Jihad aufzupäppeln, um sie gegen den Erzfeind Indien loszuhetzen. Zuletzt töteten pakistanische Extremisten im November 2008 bei einem dreitägigen Angriff auf die indische Finanzmetropole Mumbai fast 200 Menschen.

Auch die Taliban sieht Islamabad nicht als Feinde, sondern als „strategische Schätze“ an, um in seinem „Hinterhof“ Afghanistan Einfluss auszuüben. Das islamische Land ist besessen von der Angst, Indien könne die Regierung in Kabul dominieren und so Pakistan in die Zange nehmen. Islamabad setzt daher darauf, dass die Taliban nach Abzug des Westens wieder in Kabul das Sagen haben. Angeblich hält es sogar Familien von Taliban-Führern als Geiseln gefangen, um die Führung der Militanten gefügig zu halten.

Doch Pakistan wird die Geister, die es rief, nicht mehr los. Und zahlt einen blutigen Preis für diesen Pakt. Längst ist das Land selbst zum Schlachtfeld der Jihadisten geworden. Der pakistanische Talibanband TTP, der mit El Kaida verbandelt sein soll, überzieht das Land aus Wut über die Allianz mit den USA mit Anschlagssserien. Seit 2001 kamen je nach Quelle 5000 bis 20.000 Pakistaner bei Attentaten zu Tode. Extremisten aus aller Welt sollen in versteckten Terrorcamps in den wilden Grenzgebieten trainieren. Der Fundamentalismus ist auf dem Vormarsch, auch in den Köpfen. Selbst Armee und Geheimdienst sollen längst infiltriert sein. Die Zentralregierung ist viel schwach, zu korrupt und zu feige, um sich der Welle entgegenzustemmen. Und die Wirtschaft liegt am Boden.

Hass auf Amerika

Zugleich wogt der Hass auf Amerika immer höher. Für Washington gibt es jedoch kein größeres Alptraum-Szenario, als dass Extremisten nach den mehr als 100 Atomwaffen greifen könnten. „Die größte Bedrohung für die Sicherheit der USA – kurz-, mittel- und langfristig – ist die Möglichkeit, dass eine Terrororganisation in den Besitz von Atomwaffen gelangt“, warnte US-Präsident Barack Obama. Auch US-Medien wie „The Atlantic“ schüren Angst vor einer nuklearen Attacke auf die USA: „Pakistan wäre der beste Ort für eine Jihad-Organisation, um an Atomwaffen zu kommen: Es ist der einzige islamische Staat, von 50 in der Welt, der erfolgreich Atomwaffen entwickelt hat.“

In Pakistan lässt das die Alarmglocken schrillen. Die Generäle verstehen dies als Drohung, die USA könnten es de-nuklearisieren wollen. Angeheizt wird das Misstrauen noch dadurch, dass die Amerikaner auch nach dem offiziellen Abzugstermin 2014 Militärbasen und Kampftruppen am Hindukusch behalten wollen. Nicht nur der Iran und China sehen dies als Drohgebärde an. Auch in Pakistan fürchtet man, dass Washington Afghanistan als Sprungbrett nutzen könnte, um Drohnen zu schicken – oder nach den Atomwaffen zu greifen. Aus Angst, die kostbaren Waffen könnten in falsche Hände geraten, soll Pakistan die Atomsprengköpfe sogar ständig im Land hin- und herkarren – oft sogar in ungesicherten Lieferwagen, damit die Transporte auf der Straße nicht auffallen.

Inzwischen fürchten die Pakistaner jedoch weniger die Fundamentalisten als die Amerikaner. In Islamabad vermutet man, dass Washington an einem Plan bastelt, um auf einen Schlag alle Atomwaffen des Landes zu vernichten. Das wäre jedoch ein Spiel mit dem Feuer, das leicht die ganze Region in ein nukleares Inferno verwandeln könnte. Pakistan sieht die Atomwaffen als existenzielles Schutzschild gegen das ebenfalls atomar bewaffnete Indien an. Und wäre unberechenbar, sollte sie jemand anrühren. Wie gereizt das Klima zwischen den beiden „Verbündeten“ USA und Pakistan ist, zeigte sich, nachdem US-Helikopter Ende November 24 pakistanische Grenzsoldaten töteten. Außer sich vor Zorn, boykottierte Pakistan nicht nur die Afghanistan-Konferenz in Bonn, sondern blockiert seit dem auch die Nato-Nachschubtransporte nach Afghanistan.

Vor diesem Hintergrund erscheint es nicht mehr völlig undenkbar, dass das Bündnis zwischen Pakistan und den USA bricht. Zwar sind die beiden einerseits aufeinander angewiesen, aber andererseits stehen ihre Sicherheitsinteressen im frontalen Gegensatz. Und beide Länder misstrauen sich zutiefst. Vorsorglich ist Islamabad bereits dabei, seine Allianzen mit China und dem Iran auszubauen. Aber in den USA gibt es auch Stimmen, die zur Besonnenheit mahnen. Pakistans duale Politik, also sein Doppelspiel, sei aus Sicht des Landes nachvollziehbar, meint etwa der US-Diplomat und Pakistan-Experte John. R. Schmidt. Die USA müssten bei ihren Plänen Pakistans Interessen in Afghanistan berücksichtigen. Auch wenn es den Regierungen im Westen wenig gefallen mag: Ohne Pakistan ist am Hindukusch kein Friede möglich – und endloses Blutvergießen programmiert.

Quelle: seeg

 
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