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RP Plus: „The Voice“ – Triumph der Fairness

VON GESA EVERS - zuletzt aktualisiert: 15.12.2011 - 11:17

Hoppla, was ist denn da los? Eine Castingshow ohne brüllenden Tanzlehrer oder höhnischen Dieter Bohlen, und es funktioniert trotzdem? Der Quotenrenner „The Voice of Germany“ punktet mit einem charmanten Konzept und prominenten Juroren, die nicht auf ihre Kandidaten losgehen.

Das hat sich RTL so gedacht. Der Platzhirsch im hiesigen Castingshow-Geschäft platzierte sein „Supertalent“, das normalerweise nur samstags läuft, kampfbereit auf den Donnerstagabend, um der ProSieben/Sat.1-Konkurrenz die Premiere von „The Voice of Germany“ zu verhageln, und dann das: Die neue Castingshow mit den prominenten Juroren Xavier Naidoo, Nena, Rea Garvey und The BossHoss schlug den vermeintlichen Selbstläufer im Quotenkampf um die jungen Zuschauer.

Das war vor zwei Wochen. RTL hat sein „Supertalent“ heimlich, still und leise wieder vom Donnerstag abgezogen, und „The Voice“ geht regelrecht durch die Decke. Von anfänglich drei Millionen Zuschauern (Marktanteil 23,8 Prozent) in der werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen stieg die Zahl auf rund 3,6 Millionen (Marktanteil 30,9 Prozent). Insgesamt sahen in der abgelaufenen Woche jeweils mehr als fünf Millionen Menschen die zwei Episoden am Donnerstag auf ProSieben und am Freitag auf Sat.1.

Es ist ein Erfolg, der überrascht, denn das Letzte, was das deutsche Fernsehen brauchte, war eine weitere Castingshow. Doch diese ist tatsächlich anders. Zwar kennen die Zuschauer das Konzept, dass die Juroren die Kandidaten als Mentoren unter ihre Fittiche nehmen, schon von der Vox-Show „X-Factor“. Dass sie aber mit dem Rücken zur Bühne sitzen und nur anhand der Stimme entscheiden, wen sie in ihr Team holen, ist neu.

Glaubwürdige Jury

Natürlich ist auch diese Idee aus dem Ausland geklaut, wo Stars wie Christina Aguilera in der Jury saßen, doch die beiden Münchner Sender haben das Konzept nicht plump kopiert, sondern offensichtlich Zeit und Hingabe in die Show investiert. Anders ist es nicht zu erklären, dass sie eine für deutsche Casting-Verhältnisse höchst prominente und glaubwürdige Jury zusammenbekommen haben: Nena ist eine deutsche Pop-Institution, die dank ihres US-Nummer-Eins Hits „99 Luftballons“ in den 80ern immer noch die Aura des Weltstars umweht, Xavier Naidoo gehört zu den populärsten und besten Sängern Deutschlands, Rea Garvey war jahrelang Frontmann der Rock-Combo „Reamonn“ und hat vor Kurzem erfolgreich seine Solokarriere gestartet, und die Country-Band The BossHoss, vertreten durch Alec Völkel und Sascha Vollmer, erspielte sich durch das Covern berühmter Popsongs eine überschaubare, aber treue Fangemeinde.

Alle vier Juroren (The BossHoss haben zusammen eine Jurystimme) sitzen bei den so genannten „Blind Auditions“ in riesigen roten Sesseln mit dem Rücken zur Bühne. Die Kandidaten haben 90 Sekunden Zeit, um sie allein mit ihrer Stimme zu überzeugen. Gelingt ihnen das, drücken die Juroren einen Buzzer, und ihr Stuhl wendet sich dem Kandidaten zu.

Was umständlich klingt, entwickelte in den bisherigen Shows eine packende Dynamik. Es beginnt damit, dass sämtliche Kandidaten richtig gut singen können, da sie bereits eine Vorauswahl überstanden haben. Sie alle sind also potenzielle Teammitglieder der Juroren, die deshalb lieber einmal zu viel drücken, als sich die mögliche „Voice of Germany“ entgehen zu lassen. Streng sind sie aber trotzdem: Wer haarscharf an den Tönen vorbei singt oder nicht mit der hervorragenden Liveband mitkommt, sieht 90 Sekunden lang die roten Sitzlehnen, die in ihrer erbarmungslosen Unbeweglichkeit härter wirken als jedes verbale Urteil.

Kein meterhohes Hierarchie-Gefälle

Leicht macht es sich keiner der Juroren: Allein der Blick in ihre konzentrierten Gesichter lohnt das Einschalten. Man hört es regelrecht rattern hinter der Stirn: Ist der gut? Passt die in mein Team? Soll ich drücken oder nicht? Wenn sie sich dafür entschieden haben, schlagen sie mit Verve auf den Buzzer und wollen danach nur eins: dass der Kandidat sich für sie entscheidet. Denn wenn mehrere Juroren Interesse zeigen, liegt die Wahl beim ihm.

In Sekundenschnelle wird er vom Bittsteller zum Umworbenen – ein faszinierender Kniff, der die Show angenehm demokratisiert. Hier gibt es kein meterhohes Hierarchie-Gefälle wie etwa bei „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Germany's Next Topmodel“. Hier müssen sich auch die Juroren anstrengen, denn auch für sie geht es um Gewinnen oder Verlieren.

Herrlich sind die Scharmützel, die sich besonders die Herren in der Jury liefern. „Die wissen ja nicht nicht mal, was eine Kopfstimme ist“, polterte Xavier Naidoo in einer Folge in Richtung BossHoss. „Wenn du wirklich etwas lernen willst, komm zu uns“, geben die dann zurück. Gestandene Stars, die sich um unbekannte Talente kabbeln – das ist neu im deutschen Fernsehen.

Größte Gewinner sind die Sender

Die Show kommt sowohl ohne Herz-Schmerz-Geschichten aus dem Privatleben der Teilnehmer aus, als auch ohne das Runterputzen vermeintlich talentloser Möchtegern-Sänger. „The Voice“ stellt damit das Krawall-Konzept der RTL-Konkurrenz in Frage, die ja vor allem davon lebt, die Kandidaten wie skurrile Jahrmarkt-Attraktionen auszustellen. Sogar der Moderator Stefan Gödde hält sich angenehm zurück. Er übernimmt lediglich die Rolle des Erzählers aus dem Off, auf der Bühne sind Kandidaten und Juroren unter sich.

Nach den „Blind Auditions“ folgen nun die „Battles“. Darin treten Kandidaten eines Teams gegeneinander an, der Juror entscheidet, wer weiterkommt. Zum Schluss folgen die „Liveshows“, die sich wohl kaum von denen der Konkurrenz unterscheiden werden. Dass die Quoten rapide sinken, ist dennoch alles andere als wahrscheinlich.

Da die Juroren ihren Ehrgeiz so freimütig und offen zur Schau stellen, möchte man wissen, wer sich am Ende durchsetzt. Ob der Gewinner von „The Voice of Germany“ ein Star wird, ist zwar genauso fraglich wie bei den anderen Casting-Formaten, da sie reiner Selbstzweck sind. Doch fünf Millionen Zuschauer sind auch fünf Millionen potenzielle Plattenkäufer, das reicht für einen amtlichen Nummer-eins-Hit. Die größten Gewinner aber sind jetzt schon die ausrichtenden Sender, die dem großen Marktführer RTL jeden Donnerstag und Freitag eine schmerzliche Delle in die Quotenbilanz hauen. Und das völlig zu Recht.

Quelle: seeg

 
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