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RP Plus: TMZ – Die unheimliche Macht

VON GESA EVERS - zuletzt aktualisiert: 22.02.2012 - 16:28

Das US-Klatschportal ist zum Branchenführer aufgestiegen. Egal ob Michael Jacksons Tod oder Heidis Trennung von Seal: TMZ weiß es zuerst. Der Erfolg basiert auf ruppigen Recherchemethoden. Der Konkurrenz bleibt nur, sich darüber zu mokieren – und fleißig abzuschreiben.

 Foto: Foto: Screenshot
Foto: Foto: Screenshot

Es ist zurzeit unmöglich, einen Artikel über Whitney Houston zu lesen, ohne dass darin die Buchstaben TMZ vorkommen. Das Online-Portal, benannt nach der „thirty mile zone“ in Los Angeles, in der die größten Studios und wichtigsten Stars zuhause sind, füttert die Welt seit Tagen mit neuen Details rund um den Tod der Sängerin. Es zeigte das erste Foto des Hotelzimmers, in dem sie starb, es zeigte das erste Foto der Badewanne, in der Houston leblos aufgefunden wurde, es behauptet, dass Houston an einem Mix aus Alkohol und Medikamenten starb, und es weiß, dass sie nicht ertrunken ist, weil sie zu wenig Wasser in der Lunge hatte.

Es sind Informationen, die keinerlei Achtung vor dem tragischen Tod und der Würde der offenbar schwer suchtkranken Sängerin erkennen lassen, aber es sind Informationen, die jeder haben will. Rund um den Globus wird TMZ zitiert, gerne mit dem Zusatz, das es „zumeist gut informiert“ ist. Die Erfahrung hat die Konkurrenz klug gemacht. Sechs Minuten, bevor der Gerichtsmediziner offiziell den Tod Michael Jacksons feststellte, vermeldete TMZ das Ableben des Megastars am 25. Juni 2009 auf seiner Homepage. Ein Informant, der sich im Krankenhaus befunden habe, als Jackson starb, habe die Website mit der exklusiven Nachricht versorgt, gibt TMZ unumwunden zu.

Der Chef und Gründer der Seite, der Jurist und Ex-Gerichtsreporter Harvey Levin (61), hat kein Problem damit, Krankenschwestern, Bodyguards oder Putzfrauen „ein kleines Trinkgeld“ für Informationen zu geben, wie er der „New York Times“ sagte. Die Menschen interessierten sich nun mal für jedes Detail ihrer Stars, und TMZ würde selbstverständlich nur Meldungen veröffentlichen, die es zuvor auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft habe.

„TMZ hat ein fantastisches Netzwerk an Informanten“

Andere Medien rümpfen angesichts dieser Recherchemethoden die Nase und hielten sich etwa im Fall Jackson lange zurück, die Nachricht aufzunehmen, weil sie vom vermeintlichen Schmuddelkind der Branche kam. Doch nachdem CNN drei Stunden (!) später seinerseits den Tod des „King of Pop“ meldete, war klar, dass TMZ einen publizistischen Triumph gelandet hatte. „TMZ lag bei den Berichten über Jacksons Tod weit vorne“, räumte die ehrwürdige „New York Times“ ein.

Nicht nur da. Schon 2006, ein Jahr, nachdem Harvey Levin das Portal mit Sitz in West Hollywood gegründet hatte, lieferte TMZ knackige Breaking News, die um die Welt gingen. Es berichtete exklusiv über den Ausraster des Oscar-Preisträgers Mel Gibson, der bei einer Polizeikontrolle im Suff die Beamten antisemitisch beschimpfte. Gibsons Karriere ist seitdem hinüber, die Levins nahm richtig Fahrt auf. Neben dem Polizeifoto des derangierten Australiers veröffentlichte TMZ Teile des Ermittlungsberichts.

Offenbar verfügt Ex-Rechtsanwalt Levin über beste Kontakte bei Justiz und Polizei. Der „Stern“ zitiert einen Insider, der behauptet, Levin lasse sich von ehemaligen Studienkollegen mit Informationen über Prominente versorgen. Kevin Smith, Gründer der Fotoagentur „Splash News“ in Los Angeles, kann das nur bestätigen. „TMZ hat ein fantastisches Netzwerk an Informanten“. Was die motiviert, sei kein Geheimnis. „Wenn du eine Geschichte hast und bezahlt werden willst, gehst du zu TMZ.“

„Brut von Boulevardkreaturen“

Natürlich wird TMZ angesichts seiner Hemmungslosigkeit bei der Suche nach Klatsch regelmäßig beschimpft. Seal, dessen Trennung von Heidi Klum zuerst bei TMZ zu lesen war, nannte die dort arbeitenden Journalisten „Abschaum“. Alec Baldwin, dessen Schimpftirade gegen die eigene elfjährige Tochter am Telefon exklusiv bei TMZ zu hören war („du ungezogenes, gedankenloses kleines Schwein“), nennt sie „jene Brut von Boulevardkreaturen, die fast sexuelle Befriedigung darin finden, das Leben anderer Leute zu ruinieren.“ Und der Presseagent von Ben Affleck und Leonardo DiCaprio beschwerte sich darüber, dass TMZ alles erdenkliche dafür tue, die Stars in einem möglichst schlechten Licht erscheinen zu lassen. Es gehe nur darum, sie bei etwas Peinlichem zu erwischen („gotcha game“).

Harvey Levin und seinen rund hundert überwiegend jungen Mitarbeitern kann das herzlich egal sein. Rund 20 Millionen Menschen klicken im Schnitt pro Monat ihre Seite an, laut „New York Times“ liegt sie auf Platz zehn der meistzitierten Medien und schlägt damit locker traditionelle Branchengößen wie Los Angeles Times, Financial Times und ABC News. Portale wie „bunte.de“ oder „gala.de“ könnten ohne den nie versiegenden Nachrichtenstrom aus Kalifornien ihre Arbeit praktisch einstellen. TMZ sitzt mittendrin in der Traumfabrik, Stars begegnen seinen Paparazzi regelmäßig auf der Straße, und wenn die nicht reden wollen, werden sie auch schon mal verfolgt.

Wo sie gerade was machen, verraten TMZ seine Heerscharen von Informanten, weshalb in nahzu jedem Text die Worte „sources say...“ vorkommen. Der Erfolg mag auf schmutzigen Methoden basieren, aber er ist immens und bedient letztlich nur die ebenso schmutzige Lust der Menschen am Privatleben anderer. Levin gefällt sich in der Rolle des Enfant Terrible, genüßlich seziert er in einer täglichen Fernsehsow („TMZ on TV“) zusammen mit seinem jungen Team die jüngsten Verfehlungen der Prominenz. Kaum ein Alkoholabsturz, kaum eine Prügelei und kaum ein peinliches Foto bleibt den Leuten von TMZ verborgen. Sie machen dabei keinen Unterschied zwischen A- und B-Prominenz, was vermutlich der einzige Grund dafür ist, dass Paris Hilton, Lindsay Lohan und Kim Kardashian noch irgendjemand kennt.

Selbstbewusster Chef

Levin hat der Erfolg so selbstbewusst gemacht, dass er den traditionellen Medien erklärt, wie man es richtig macht. „Euer Geschäftsmodell ist gescheitert. Eure Zukunft ist in Gefahr. Passt euch an oder sterbt“, sagte er laut „Washington Post“ auf einem Branchentreffen. Zeitungen seien völlig von gestern, die Verschmelzung von Internet und Fernsehen sei die Zukunft. Dass das ausgerechnet ein Mann sage, dessen Erfolg auf Schlagzeilen wie „Dancing with the stars – Genital im TV enthüllt“ basiert, sei schon frech, schreibt die „Post“. Doch auch sie kommt nicht umhin, seine mächtige Stellung anzuerkennen. Diese Frechheit habe ihn zu einem der erfolgreichsten Unternehmer im Mediengeschäft gemacht.

Seine Aussagen seien zwar „nicht neu“, aber deswegen nicht weniger wahr. „Junge Leute interessieren sich nicht für traditionelle Medien“ ist eine davon. Sie surfen im Netz, und sie interessieren sich für die dreckigen Abgründe hinter der heilen Promi-Fassade. TMZ liefert sie ihnen. Rund um die Uhr.

Quelle: seeg

 
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