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Gastbeitrag: Was Europa aus der Raumfahrt lernen kann

VON REINHOLD EWALD - zuletzt aktualisiert: 04.11.2012 - 11:50

Düsseldorf (RPO). Felix Baumgartner hat für seinen Sprung aus 39.000 Metern Höhe viel Aufmerksamkeit erhalten. Was aber ist mit den Astronauten, für die der Aufstieg ins All zu ihrem Beruf geworden ist? Ein Gastbeitrag des deutschen Astronauten Reinhold Ewald.

Reinhold Ewald 1997 an Bord der MIR.  Foto: Archiv
Reinhold Ewald 1997 an Bord der MIR. Foto: Archiv

Dieser Tage im Fernsehen war wieder einmal Folgendes zu sehen: Ein Mann zieht seinen silbrig-weiß schimmernden Raumanzug an und wird von den Experten am Startplatz in seine Kapsel geschnallt. Das Team im Kontrollraum zählt die letzten Sekunden und dann startet das Abenteuer des Aufstiegs in die Atmosphäre und darüber hinaus. Felix Baumgartner?

Nein, es handelt sich um Kevin Ford, einen NASA-Astronauten, der vor ein paar Tagen zusammen mit zwei russischen Kollegen im Rahmen der internationalen Kooperation im Weltall als 33. Besatzungsmitglied der Internationalen Raumstation ISS von Baikonur aus gestartet ist. Das ist der Mehrheit – im Gegensatz zum Sprung Baumgartners aus der Hochatmosphäre – wohl entgangen? Nicht ungewöhnlich, denn Sensationen haben schon immer den ebenso bemerkenswerten, aber weniger spektakulären Alltag im All in den Hintergrund gedrängt.

Dabei sind es gerade diese stillen Erfolge, die in der Lage wären, die vorherrschend skeptische Stimmung in Europa aufzuhellen. Wenn ich die vielfältigen Herausforderungen sehe, vor denen unser Kontinent steht, dann brauchen die zähen Verhandlungen auf vielen politischen Ebenen um die Wirtschaftskrise und europäische Solidarität dringend einen optimistischen Gegenpol. Die erfolgreichen europäischen Raumfahrtprojekte sind wohl am besten geeignet um den Leuten auf der Straße und den vielen Entscheidungsträgern zu zeigen wie erfolgreich europäische Zusammenarbeit funktionieren kann.

Es ist schwer, bei den vielen negativen Presseberichten und öffentlichen Debatten der vergangenen Monate, die wie selbstverständlich laufenden Kooperationen in den Programmen der europäischen Raumfahrtorganisation ESA als Teil der Europas zu verstehen. Seit 1975 bringt die ESA mit ihren High-Tech-Anwendungen beispielhafte „Erfolgsgeschichten“ europäischer Teamarbeit hervor. In Anbetracht der gegenwärtigen Herausforderungen haben die Bürger Europas und die ESA-Mitgliedsstaaten unter ihnen an vorderer Stelle Deutschland allen Grund, daraus Mut für die Zukunft Europas zu schöpfen. Ich tue es jedenfalls.

Die Raumfahrt und ihre Forschungsstationen erhalten und schaffen hochwertige Arbeitsplätze für europäische Ingenieure, Wissenschaftler, Geschäftsleute und viele andere. Ich persönlich erfahre Europa täglich beim Training europäischer Astronauten, die gemeinsam mit ihren Kollegen zur Internationalen Raumstation ISS fliegen und dort nur unter Schwerelosigkeit mögliche Experimente in „unserem“ europäischen Columbus-Forschungslabor durchführen.

Die hochwertigen Materialien und technischen Lösungen aus solch anspruchsvollen Projekten bringen erwartete "Spin-Offs" auf der Erde hervor: alles von der Idee bis zur Ausführung ist „Made from Space in Europe“, nicht zuletzt auch die Ausrüstung von Felix Baumgartner ist auf diese Weise entstanden! Mit den beiden Trägerraketen Ariane 5 und Vega sowie der adaptierten russischen Sojus, die alle drei vom ESA Weltraumbahnhof in Französisch-Guayana starten, hat Europa sich seinen eigenen Zugang zum Weltraum und in bestimmten Bereichen sogar die Marktführerschaft gesichert.

Darüber hinaus gehen aus ESA-Programmen satellitengestützte Breitbandkommunikation, Direkt-TV, Erd- und Klimabeobachtungssysteme mit präzisen Wettervorhersagen hervor, die die Hochtechnologie-Industrie in Europa baut und betreibt. So auch den Galileo Navigationsdienst, dessen zweites Paar Satelliten in den vergangenen Wochen auf den Weg gebracht wurde.

Raumfahrt fördert europäisches Wachstum

Von verschiedenen Seiten kommend haben ESA und die EU gemeinsam entschieden, zwei für Europa eminent wichtige Programme zu starten: Galileo für die globale Satellitennavigation und die GMES genannten Dienste für eine globale Umwelt- und Sicherheitsüberwachung. Eine souveräne europäische Außen- und Sicherheitspolitik kann sich auf solch neue, leistungsstarke „Augen und Ohren im Orbit“ verlassen und sich mit ihnen entwickeln.

Mit den etwa vier Milliarden Euro, die die Europäer pro Jahr in die Raumfahrtprojekte der ESA investieren – nur zehn Euro pro Person – hat die ESA im Interesse ihrer Mitgliedsstaaten dazu beigetragen, dass Europas Industrie und Wissenschaftler bei kommerziellen Trägerraketen, Satellitenkommunikation, Planetenerforschung und Erdbeobachtung auf Weltniveau mitspielen.

Nicht nur ergeben diese zehn bis zu 80 Euro Ertrag am Boden, auch das damit verbundene Know-How rüstet uns bestens für die Zukunft. Bei solchen Raumfahrtprogrammen geht es ja auch um den Ansporn zur Wissenserweiterung, um die Inspiration junger Studenten und Berufsanfänger in technischen Berufen. Dies wiederum erzeugt anhaltende wirtschaftliche, wissenschaftliche und soziale Impulse, mit denen unser Kontinent letztendlich auf internationaler Ebene wettbewerbsfähig bleibt.

Auch ohne TV-Sondersendungen können die Europäer auf die konkreten Ergebnisse der Zusammenarbeit bei motivierenden, zukunftsorientierten Raumfahrtprojekten stolz sein. Gerne weise ich auf dieses Europa hin, dass jede Anstrengung wert ist und sich auch im politischen Fortschritt zur Bewältigung von Krisen bewähren kann. Oder sollten wir mal mitten in einem spannenden Abenteuerfernsehprogramm den Stecker aus allen europäischen Raumfahrtanwendungen ziehen, um damit ihre sonst nicht wahrgenommene All-Gegenwart zu demonstrieren? Ich denke besser nicht!

Quelle: csr
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