RP Plus: Zu Gast in Deutschlands bester Bar
VON SVEN GREST - zuletzt aktualisiert: 01.02.2012 - 13:38München (RPO). Was eine gute von einer gewöhnlichen Bar unterscheidet, ist nicht allein die Qualität der Drinks. Es sind die Legenden, die sich bilden, wenn irgendwann viele Gäste viele interessante Geschichten mit nach Hause nehmen. Um kein deutsches Lokal ranken sich so viele Legenden wie um die Münchner Schumann's Bar.
Er hatte sie alle. Angela Merkel und Boris Becker, Robert de Niro und den Fürsten von Thurn und Taxis. Sie alle waren zu Gast bei Charles Schumann, haben ihn besucht in seiner kleinen Bar am Rande der Münchner Innenstadt. Sie haben gegessen und getrunken, viel gelacht oder vielleicht auch gegrübelt. Höchstwahrscheinlich hat sie der Chef selbst bedient. Langsam, mit seinem typischen schlurfenden Gang, kam er an ihren Tisch und hat ein paar freundliche Worte mit ihnen gewechselt. Keine politische Diskussion, kein Plaudern bis spät in die Nacht hinein. Wenn Charles Schumann eines gelernt hat in seiner langjährigen Erfahrung als Barkeeper, dann ist das Diskretion. „Es ist nicht gut, zu nah am Gast zu sein“, sagt Schumann im Gespräch mit RP Plus.
Die Bar
Schumann's Bar am Hofgarten, Odeonplatz 6-7, München.
Öffnungszeiten: mo – fr 8 bis 3 Uhr, sa und so 18 bis 3 Uhr.
Reservierung: 089 229060
Wenn Charles Schumann wollte, könnte er damit prahlen, wie viele Stars und Sternchen er kennengelernt und wie viele Auszeichnungen er mit seiner Bar gewonnen hat. Doch das liegt dem charismatischen Münchner nicht. Im Gegenteil: Als seine Bar 2008 vom Restaurantführer Marcellino's als beste Bar Münchens ausgezeichnet wurde, sorgte er mit seiner Wutrede für einen Eklat. Nicht, dass er die Auszeichnung nicht verdient hätte. Der Gastronom sprach der Jury schlichtweg die Kompetenz ab, über den Stil einer Bar zu urteilen. Im Zweifelsfall verzichtet der 70-Jährige lieber auf die große Bühne und überlässt seinen Gästen den Job, für sich Werbung zu machen. Diese machen von der Möglichkeit reichlich Gebrauch.
"Eine gute Bar hat viel mit Service zu tun"
Als „Mann, der den Deutschen die Barkultur nahegebracht hat“, würdigte das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ Charles Schumann. Und erklärte seine Bar zur „berühmtesten der Republik“. Die renommierte „New York Times“ betitelte ein Porträt über Schumann mit „A Mann for all Seasons“. Was ist es, das Schumann scheinbar mühelos gelingt, aber andere Barkeeper nicht schaffen?
„Eine gute Bar hat viel mit Service zu tun“, sagt Schumann. Wer zehn Minuten darauf wartet, dass er endlich die Rechnung ordern kann, verlässt das Lokal mit Unmut. Wer dagegen jederzeit einen ansprechbaren Kellner in Sichtweite hat, fühlt sich als Gast gut versorgt. Und dann ist da natürlich noch der Charme des Interieurs, der dafür sorgt, dass aus einem Abend mit Freunden ein Fest wird und die Bar ein kleines bisschen zum zweiten Zuhause.
Dafür hat Schumann sich am Stil des Amerikas der 1920er Jahre orientiert: Tische und Stühle sind aus dunklem Holz, auch die Wände sind in Brauntönen gehalten. Der Stil der Inneneinrichtung ist edel, aber nicht schick. Fotos oder Gemälde an den Wänden gibt es nicht, „die Menschen sind die Bilder“, sagt Schumann. Hinzu kommen leichte Gebrauchsspuren an Tischen und Vorhängen, die sagen: Seht her, dies ist ein Raum, in dem sich Menschen wohlfühlen sollen. Ein Ort des Rückzugs und der Konversation, kein Projektionsplatz für Selbstdarsteller. Als Gast kann dies hier dein zweites Wohnzimmer werden: gemütlich und vertraut, nicht anbiedernd. Aber denke daran: für jeden Drink musst Du zahlen.
Tatsächlich kann die Rechnung für einen Abend zu zweit im Schumann's schnell auf 100 Euro und mehr klettern. Dabei könnte der Chef noch weitaus höhere Preise verlangen: Seine Cocktails kosten zwischen sieben und 13 Euro und sind damit nicht teurer als in der deutschen Durchschnittsbar. Dafür verweisen sie geschmacklich viele Konkurrenten auf die hinteren Plätze: Es sind nicht nur die hochwertigen Zutaten, die Schumanns Cocktails ausmachen, sondern auch seine Nuancen bei der Zubereitung. Den Barklassiker Gin Gimlet veredelte Schumann in den 1980er Jahren beispielsweise, indem er zusätzlich zum Lime frisch gepressten Zitronensaft hinzufügte. Und ihn anschließend in „Schumann's Gimlet“ umtaufte. Dutzende weitere Cocktails kreierte Charles Schumann, der eigentlich Karl heißt, im Laufe der Jahre um oder erfand sie neu. Seine bekanntesten Erfindungen „Swimmingpool“ und „Flying Kangoroo“ gehören zum Grundrepertoire zahlreicher Barkeeper überall in Europa. Und „Schumanns Barbuch“ gilt längst als internationale Bibel der Barkultur.
„Schumann's Bar“ wird 30 Jahre alt
Als Charles Schumann 1982 seine Bar eröffnete, träumte er von einem Lokal, „in dem die Stammgäste mit dem Barkeeper alt werden wollen“. Das ist genau 30 Jahre her. Und zahlreiche Stammgäste sind ihrem Barkeeper treu geblieben. Doch Schumann hat auch gelernt, dass der Gast, der jeden Tag wiederkommt, nicht unbedingt der positivste Menschenschlag sein muss. Ein Stammgast sei oft „ein unangenehmer Mensch, weil er alles will und wenig gibt“, sagte Schumann kürzlich in einem Interview. Vor Alkoholikern habe er keinen Respekt: „Die Leber stirbt, die Liebe geht kaputt. Der Trinkertod ist ein grausamer Tod.“
Er selbst trinkt gerne Wein, wenn er ausnahmsweise mal nicht im Dienst ist. Und Espresso – zu nahezu beliebigen Anlässen. Längst hat er seine eigene Kaffeeröstung auf den Markt gebracht: „Schumann's Miscela di Caffé Tostato in Grani“ wird von der Kaffeerösterei Nannini vertrieben.
Im Laufe der Zeit hat der Barchef aber auch einsehen müssen, dass eine gute Bar nicht ohne eine gute Küche auskommt, auch wenn der Geldeinsatz bei Speisen viel höher und damit die Gewinnspanne geringer ist. Auf der täglich wechselnden Speisekarte werden ausschließlich Gerichte angeboten, die frisch zubereitet werden. Schumann kocht deutsche Hausmannskost und moderne europäische Bistroküche – Hummer und Froschschenkel sucht man bei ihm vergebens. Dafür sind die Bratkartoffeln ein Gedicht – und die Fleischpflanzerl über die bayerischen Grenzen hinaus bekannt. Oft sitzt der Chef bis in die Nacht in der Küche – fast lieber noch als im Lokal selbst.
Doch manchmal träumt Charles Schumann davon, alles hinter sich zu lassen: Die ganze Arbeit, die Münchner Schickeria, die Küsschen rechts und links mit den Reichen und Schönen der Republik. Dann stellt er sich vor, die französische Küste entlangzufahren und nach dem idealen Ort zu suchen. Wo er aufs Meer hinausschauen und ab und zu surfen gehen kann. Wo es schöne Cafés gibt und Markthallen mit wunderbar frischen Köstlichkeiten. Um dann doch wieder eine Bar zu eröffnen. Nein, Charles Schumann bleibt hier. Zwischen Coktails und Quiche, zwischen fluchenden Whiskeytrinkern und neureichen Hipstern schlurft er jeden Tag zwischen den Tischen hin und her und sorgt für Ordnung. Am liebsten am frühen Abend – dann ist die Bar nicht zu leer und nicht zu voll. Und genehmigt sich, wenn Zeit bleibt, einen Espresso.
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