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Bhutan
Staatsziel Nummer eins: Glück

Bhutan: Land des Donnerdrachens
Bhutan: Land des Donnerdrachens FOTO: dpa-tmn
Düsseldorf (RPO). Die Hochzeit des Königs brachte die kleine asiatische Monarchie Bhutan für eine kurze Zeit in den Fokus der Weltöffentlichkeit. Es ist ein armes, aber einzigartiges Land im Himalaya. Erklärtes Staatsziel Nummer eins, in der Verfassung verankert, ist das Glück. Von Friedhelm Körner

Langsam stieg der Fünfte Drachenkönig von Bhutan von seinem goldenen Thron und setzte seiner bürgerlichen Braut die Krone aus Seidenbrokat auf. Buddhistische Mönche sangen, als der 31-jährige König Jigme Khesar Namgyal Wangchuck die Pilotentochter Jetsun Pema (21) zur neuen Königin seines kleinen Reiches im Himalaya machte. Tausende Bewohner der umliegenden Dörfer waren zu der Klosterfestung in Bhutans alter Hauptstadt Punakha gekommen, um die feierliche Königshochzeit zu sehen. 

London erlebte im Frühjahr die Märchenhochzeit, als Prince William und Kate Middleton sich in Westminster Abbey das Ja-Wort gaben und drei Milliarden Menschen in aller Welt an den Fernsehschirmen Zeugen der royalen Eheschließung waren. Im Sommer trauten sich Fürst Albert II. von Monaco und Charlène. Auch ihre Vermählung war ein riesiges Medienereignis. Bei der Adelshochzeit in Bhutan fiel die weltweite Anteilnahme geringer aus.

Denn wer in aller Welt kennt schon genau die kleine Monarchie im östlichen Himalaja, auf dem Dach der Welt? Und wer weiß, dass dieses arme Land den Ruf genießt, Shangri-La zu sein, das letzte Paradies? Besucher haben Bhutan mit diesem hübschen Attribut beschrieben. Nur etwa 700 000 Menschen, viele von ihnen sind tibetischer Abstammung, leben in dem zwischen den gigantischen Nachbarn Indien und China eingeklemmenten Pufferstaat, der etwas größer als Nordrhein-Westfalen ist und ein wenig kleiner als die Schweiz, mit der Bhutan wegen seiner schmucken Häuser und der bergigen Landschaft oft verglichen wird. Druk Yul (Drachenreich) heißt das Königreich in der Landessprache, auch Land des Donnerdrachens wird es genannt.

Mit 26 Jahren bestieg der Drachenkönig den Thorn

Sein junger Drachenkönig, Bhutans fünfter König einer seit 104 Jahren bestehenden Dynastie, trägt als Zeichen der Macht die Rabenkrone und einen gelben Umhang. Er war erst 26, als sein Vater Jigme Singye Wangchuck im Dezember 2006 mit 52 Jahren freiwillig abdankte, um dem ältesten seiner zehn Kinder den Drachenthron zu überlassen. Der Vater selbst hatte im zarten Alter von 16 Jahren das Zepter übernommen. Er heiratete vier Frauen, die alle Schwestern waren. Die feierliche Krönung seines Sohnes folgte im November 2008.

Der Monarch darf noch 34 Jahre regieren. Mit 65 muss ein König das Amt aufgeben. Die Bhutaner lieben und verehren ihren jungen Monarchen mit dem tiefschwarzen Haar, der in Ashburnham/Massachusetts das Internat besuchte, in der englischen Universitätsstadt Oxford Politikwissenschaften studierte und sich oft unter sein Volk mischt. Er setzt den Demokratisierungsprozess und die Politik des Vaters fort – eine im Zeitalter der Produktivität und des Profits, des hektischen Kapitalismus und der immer stärker werdenden materiellen Bedürfnisse westlicher Gesellschaftsformen sympathisch sanfte, behutsame Entwicklung.

 Erklärtes Staatsziel Nummer eins, in der Verfassung verankert, ist das Glück. Deshalb setzt die Regierung anstelle des Begriffs Bruttosozialprodukt den des Bruttosozialglücks oder auch des Bruttonationalglücks. Die Kernidee: Der Mensch braucht für sein Glück mehr als Wachstum und Wohlstand. Mit Meinungsumfragen wird der Grad der Zufriedenheit ständig und aufwändig nachgeforscht. Hohes Ziel ist ein Leben im Einklang mit der Natur.

Erst seit 1999 ist Fernsehen erlaubt

Bis zu seiner vorsichtigen Öffnung hatte sich Bhutan von der Außenwelt weitgehend abgeschottet. Vor einem halben Jahrhundert gab es noch keinen Asphalt, keine Elektrizität, kein Telefon, bis vor wenigen Jahren noch kein Kino und kein Theater. Die Zeit schien im Mittelalter stehengeblieben. Erst seit 1999 ist Fernsehen erlaubt. Das Land der Mönche und Bauern ist geprägt von Religiosität – der Buddhismus ist Staatsreligion – und Agrarwirtschaft. Es bewegt sich zwischen Tradition und Moderne. Die kulturelle Identität soll nicht durch schädliche äußere Einflüsse gestört werden.

Bhutan gehört zu den ärmsten Ländern der Erde. Viele Menschen leben am Rand des Existenzminimums. Hunger gibt es nicht. Sehr groß ist der Mangel an Ärzten und Pflegekräften. Im Herbst 2009 bebte die Erde. Tausende Häuser wurden zerstört. 15 Menschen starben. Als besonders wichtig sieht die Regierung Bhutans die Bildung der jungen Menschen an – schließlich kann auch Wissen, kann auch geistiger Reichtum glücklich machen. Die Schulen haben einen hohen Standard. Schon mit sechs Jahren lernen Kinder Englisch, so will es der König. Englisch ist Schul- und Amtssprache. Viele junge Bhutaner dürfen im Ausland studieren.

Seit 2008 ist Bhutan eine konstitutionelle Monarchie. Früher waren Parteien verboten. Heute gibt es demokratische Wahlen, eine Nationalversammlung, einen Regierungschef, eine Regierungspartei, eine Opposition. Und als deren Führer Tshering Tobgay vor Monaten von der königlichen Hochzeit erfahren hatte, bewiesen auch seine Worte die starke Verbundenheit des Volks zum König und wie glücklich die Menschen über das künftige Paar an der Spitze des Landes sind.

"Wir mussten uns schon sehr zurückhalten, um nicht vor Freude zu platzen", sagte er. Die Gelassenheit, die friedliche Ruhe, die freundlichen, aber zurückhaltenden Bewohner: all das beeindruckt Ausländer, die bei ihrer Reise auf einer sehr kurvenreichen Straße bis in etwa 4000 Meter Höhe gefahren werden. Besucher zahlen für ihren Urlaub einen stattlichen Preis. So schützt sich der Zwergstaat vor Massentourismus und unerwünschter Entfremdung, während das nahe Nepal bereits seit Jahren sehr stark auf den Wirtschaftsfaktor Tourismus setzt.

Die Ampeln wurden wieder abgeschafft

Viele Einheimische tragen eine oft sehr farbenfrohe Tracht: Frauen die Kira, Männer den Goh. Als in Thimphu, einer mit 100 000 Einwohnern immer noch sympathisch kleinen Hauptstadt, etwa zwei Flugstunden von der indischen Metropole Neu Delhi entfernt und nicht mehr so verschlafen wie vor wenigen Jahren, Ampeln aufgestellt wurden, stieß diese Maßnahme auf wenig Gegenliebe bei der Bevölkerung. Die Signalanlagen wurden wieder abgeschafft. Polizisten mit weißen Handschuhen und Trillerpfeifen regeln den dichter gewordenen Verkehr an der zentralen Kreuzung.

Zum Glück der Bhutaner gehört auch das Bogenschießen. Es ist Nationalsport, bei dem die Männer gelungene Aktionen mit einem Tänzchen feiern. 1984 in Los Angeles war Bhutan in dieser Disziplin erstmals bei Olympischen Spielen vertreten. Erst nach dem Wettkampf mit Pfeil und Bogen kommt der Fußball. In der Weltrangliste belegt Bhutan Platz 200 unter 207 Mitgliedsverbänden.

Immerhin haben es seine Nationalspieler geschafft, einmal Hauptdarsteller eines niederländischen Dokumentarfilms mit dem Titel "Das andere Finale" zu werden. Gedreht wurde im Jahr 2002 in Thimphu, wenige Stunden vor dem "richtigen" WM-Finale in Yokohama zwischen Brasilien und Deutschland (2:0) beim Treffen Bhutans mit den Spielern der Karibikinsel Montserrat. Die Teams waren damals die Schlusslichter in der Fifa-Rangliste, und die Gastgeber siegten in 2320 Meter Höhe mit 4:0.

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