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Der Postillon
Was denkt der sich eigentlich?
Der Postillon: Was denkt der sich eigentlich?
Erfindet Nachrichten und schockiert damit Österreicher: Stefan Sichermann. FOTO: Privat
In der Offline-Welt ein Unbekannter, im Internet fast eine Berühmtheit: Stefan Sichermann betreibt die satirische Website "Der Postillon" und behauptete erfolgreich, der Sprung von Felix Baumgartner sei ungültig. RP Plus sprach mit dem 32-jährigen Fürther über aufgebrachte Österreicher, Ideenklau und den Mann, der ihn hätte verklagen können. Von Sebastian Dalkowski

Ihr größter Erfolg liegt erst ein paar Wochen zurück. Sie haben geschrieben (s. hier), dass Felix Baumgartner beim Absprung von seiner Kapsel eine Linie übertreten hat und sein Versuch deshalb ungültig ist. Was passierte dann?

Stefan Sichermann Das hat einen ganz guten Wirbel verursacht.

Ganz gut? Sie untertreiben.

Okay, der Artikel ist extrem gut gelaufen und war bisher auch mein erfolgreichster. Am ersten Tag hatte ich eine Million Seitenaufrufe. Mit so viel Rückmeldungen hätte ich nicht gerechnet. Als ich den Text veröffentlicht habe, dachte ich noch so: "Na ja, das Übliche".

Sie fanden den Artikel gar nicht lustig?

Doch, ich war zufrieden damit. Aber ich habe tatsächlich zwischen zwei Ideen hin- und herüberlegt. Die andere ging Richtung "Österreicher – Selbstmordversuch scheitert", aber die habe ich dann doch verworfen.

Selbstmord wäre glaube ich nicht so gut gelaufen.

Und viele hätten sich aufgeregt, weil es zu makaber gewesen wäre.

Viele Leser haben die Nachricht mit der übertretenen Linie geglaubt, wie sich in den Kommentaren nachlesen lässt.

Das war wirklich erstaunlich. Das waren wirklich große Zahlen, was auch daran lag, dass der Artikel bei Facebook von Deichkind und Hans Sarpei geteilt worden ist. Die haben viele Leser, die einfach die Quelle nicht kannten und es deshalb geglaubt haben. Worüber sich Deichkind und Hans Sarpei dann wieder lustig gemacht haben. Viele Österreicher haben sich in den Kommentaren aufgeregt, dass die Deutschen den Österreichern das nicht gönnen.

Die Kommentare zu lesen war noch lustiger als der Artikel.

Da haben sich in der Tat einige Gefechte entsponnen. Normalerweise moderiere ich in den Kommentaren immer sehr stark, aber in diesem Fall habe ich mich zurückgehalten, allein schon, weil das aus wissenschaftlicher Sicht sehr interessant war.

Wie viele Kommentare waren es?

Warten Sie, ich sehe mal kurz nach... 3442.

Und wie viele Facebook-Likes?

104.000.

Bekamen Sie auch böse Mails?

Ein Schweizer schrieb mir, wobei es völlig unerheblich ist, dass er Schweizer ist, es habe etwas Kriminalistisches, falsche Nachrichten zu verbreiten. Das gehöre verboten. Es hielt sich aber alles im Rahmen, ich hatte also keine Angst um mein Leben.

Hat ein seriöses Medium Ihre Nachricht als Tatsache verbreitet?

Nein.

Ist das bei einem Ihrer anderen Beiträge passiert?

Ich habe mal einen Artikel über einen Punk geschrieben, der sich ein Kartenlesegerät gekauft hat, um Kleingeld bei Leuten zu schnorren, die kein Kleingeld dabeihaben. Ein Journalist hat mich dann tatsächlich um einen Kontakt zu diesem Punk gebeten. Ich habe ihm geschrieben, dass es ihn nicht gibt.

Aufmachung und Stil Ihrer Artikel geben sich seriös.

Das ist Absicht. Mir haben auch Leute schon gesagt, dass es sicherer wäre, darauf hinzuweisen, dass es Satire ist. Man hat aber auch die Chance, den Charakter dieser Seite auf den ersten Blick zu erkennen. Das Wappen ist ein Steckenpferd, der Spruch "ehrliche Nachrichten" sollte einem schon merkwürdig vorkommen. Die meisten Leser, die auf meine Seite kommen, wissen, worum es sich beim Postillon handelt.

Ich hätte trotzdem Angst vor Anwälten.

Hatte ich, habe ich jetzt nicht mehr. Denn obwohl ich schon einige derbe Sachen geschrieben habe, hatte ich noch nie mit Anwälten zu tun. Wer mich verklagen würde, der würde sich eher selbst schaden, wenn ich mir nicht gerade eine richtig dumme Aktion geleistet habe. Ich beschimpfe ja niemanden ohne Grund. Kai Diekmann hat mich mal abgemahnt, aber da ging es um die Verwendung eines Fotos.

Aber es gibt doch diese Promi-Anwälte...

Ich habe mal einen Artikel über Jürgen aus dem Big-Brother-Haus geschrieben, der ja später bei 9live moderiert hat. In dem Text habe ich berichtet, dass er einen Herzinfarkt hatte, es aber nicht durch die Leitung des Notrufs geschafft habe. Da hatte ich etwas Bammel, aber Jürgen selbst hat das auf seiner eigenen Fanseite geteilt. Dabei hätte er mal einen Grund gehabt, beleidigt zu sein.

Ohne Facebook und andere soziale Medien hätten Sie deutlich weniger Reichweite, richtig?

Das ist richtig. Wenn es die sozialen Medien nicht gäbe, müsste ich darauf hoffe, dass Leser ihren Freunden die Seite empfehlen oder ihnen eine Mail schicken. Das würde deutlich langsamer gehen. 90 Prozent kommen über Facebook auf meine Website, wobei auch viele meinen Facebook-Account abonniert haben.

Welcher Humor verbreitet sich denn am besten über Facebook?

Humor verbreitet sich allgemein gut auf Facebook. Der muss nicht mal besonders gut sein. Es gibt auch genug Accounts mit schlechten Sprüchen und die laufen auch. Aber es muss Humor sein, der sich bereits in der Schlagzeile erschließt. Die Überschrift reicht ja bei Leuten oft, damit sie es teilen. Zeitungen arbeiten ja auch mit Überschriften, in denen das wichtigste bereits enthalten ist.

Das heißt aber, dass sich Humor, der etwas länger braucht, nicht so gut verbreitet.

Das kann schon sein. Die Leute vom Titanic-Magazin machen das manchmal nicht so clever, wenn sie auch bei Facebook an ihrem Hefthumor festhalten. Da kommt einfach aus den Überschriften noch nichts heraus.

Wenn Sie wissen, was funktioniert, zum Beispiel der Baumgartner-Text, liegt die Versuchung dann nicht nahe, immer solche Texte zu schreiben?

Davon kann ich mich ganz gut freimachen, weil auch meine anderen Artikel gut ankommen. Aber bei Baumgartner kam auch noch dazu, das zu dieser Zeit alle darüber geredet haben. Bei der Themenauswahl versuche ich schon eines zu finden, das alle beschäftigt. Aber es gibt genügend Tage, an denen es dieses Thema eben nicht gibt. Gerade für heute habe ich einen eher mittelmäßigen Artikel geschrieben, auch, weil es kein Thema gibt, das gerade alle beschäftigt.

Das war der Artikel darüber, dass die Temperaturen auf UN-Klimakonferenzen gestiegen sind. Ich fand den Text gestern mittelmäßig: 99,8 Prozent aller Deutschen leiden unter krankhafter Ess- und Trinksucht. Es läuft nicht immer gleich gut, oder?

Auf jeden Fall. Das sehe ich ja dann auch daran, wie häufig ein Artikel geliked wird. Aber nachdem ich das einige Jahre gemacht habe, bin ich da relativ entspannt, weil ich weiß, dass es auch wieder besser laufen wird.

Aber ob ein Text gut ist, hängt ja nicht unbedingt davon ab, wie gut er bei Facebook läuft.

Es ist natürlich auch wichtig, dass ich ihn selbst gut finde. Das ist eine Mischung aus eigenem Gefühl und Feedback.

Was hilft denn noch, damit sich Ihre Einträge besser verbreiten?

Wenn ich über die Piratenpartei schreibe, kann ich mir sicher sein, dass der Artikel viel getwittert wird, weil die Piraten und ihre Sympathisanten eben ständig im Netz hocken. Wenn ich mich über Facebook lustig mache, ist die Wahrscheinlich groß, dass es sich über Facebook verbreitet. Aber im Großen und Ganzen ist das nicht planbar, und ich versuche einfach, jeden Tag eine lustige Nachricht zu schreiben. Ich brauche auch nicht allzu oft so einen Trubel wie bei Baumgartner. Das war anstrengend.

Sie haben kürzlich einen Artikel darüber geschrieben, dass Steinbrück der beste Wahlhelfer Merkels ist. Wollen Sie manchmal mehr als den bloßen Lacher? Denn da ist ja schon viel Wahres dran.

Satire ist ja sowieso immer versteckte oder weniger versteckte Kritik. Ich bin kein Steinbrück-Fan, deshalb kommt mir das entgegen.

Also haben Sie ein Anliegen?

Auf jeden Fall. Ich mache mich schon aus persönlichen Gründen gerne über Steinbrück, die FDP oder die Kirche lustig.

Wenn Diebstahl die schönste Form des Kompliments ist, durften Sie sich schon häufig freuen. Die ARD-Sendung "Titel, Thesen, Temperamente" hat Ihnen mal einen Gag geklaut.

Das war der prominenteste Fall, aber nicht der einzige. Radiosender machen das gerne. Ich habe schon mal Antenne Bayern abgemahnt, die einen kompletten Artikel von mir vorgelesen und als eigene Idee ausgegeben haben. Wie können die glauben, dass ich das nicht mitbekomme? Bei "Titel, Thesen, Temperamente" habe ich mehr als zehn Hinweise bekommen, dass die sich bei mir bedient hatten. Denen muss doch klar gewesen sein, dass einige Zuschauer der Sendung auch den Postillon lesen.

Aber es hat Ihnen vermutlich mehr geholfen als geschadet.

Das ist wahr, ich habe mich trotzdem sehr geärgert. Am Anfang hat sich die Redaktion noch ziemlich gesperrt und behauptet, dass sie das selbst geschrieben hätten. Das hat mich an die Ausweichmanöver von Guttenberg erinnert, als es um seine Doktorarbeit ging.

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