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Wir machen dann mal Mittag
RP Plus: Wir machen dann mal Mittag
Ein Schläfchen am Mittag – damit ist in Spanien jetzt Schluss: Die Siesta soll abgeschafft werden. FOTO: Grafik: Phil Ninh
Im September schafft das klamme Spanien die Siesta ab. Unsere Autorin erinnert sich an ihr Auslandssemester in San Sebastián und den seltsam-charmanten mittäglichen Stillstand. Von Gesa Evers

San Sebastián ist eine sehr lebendige Stadt. Die schicke Kultur- und Wirtschaftsmetropole an der Atlantikküste ist ein Touristenmagnet. Zudem wimmelt es wegen der drei Universitäten von Studenten. Wer wie ich im Zentrum wohnte, musste morgens einen wahren Slalom hinlegen, um ohne Zusammenstöße mit Autos, Radfahrern und den gefühlt eine Million anderen Fußgängern zur Uni zu kommen, die eine halbe Stunde entfernt und hoch oben auf einem stattlichen Hügel lag.

San Sebastián ist eine sehr tote Stadt. Um Punkt 12 Uhr fallen scheppernd die Fensterläden der Geschäfte und Restaurants, und eine drückende Stille legt sich über die Straßen. All das Gewusel, die Menschen, der Lärm: verschwunden. Stattdessen sitzen zumeist ältere Männer mit tief ins Gesicht gezogenen Mützen im Schatten, trinken Wein und unterhalten sich zwar leise, aber in atemberaubenderer Geschwindigkeit über Dinge, die sie offensichtlich aufregen.

In unserer WG spielte sich fast täglich der gleiche Dialog ab:

Ich: "Ich geh mal eben zum Bäcker."

Meine deutsche Mitbewohnerin: "Geht nicht, ist doch Siesta. Musste bis vier warten."

Ich: "Ach ja."

Irgendwie konnte ich mich bis zum Ende meines viermonatigen Aufenthalts in Spanien nicht an diese XXL-Mittagspause gewöhnen. Ich fand es zwar durchaus charmant, dass sich die Menschen – seit Jahrhunderten – sagten: Arbeiten in der Mittagshitze tue ich mir nicht an. Aber ich fand es auch befremdlich, mitten am Tag den Stift fallen zu lassen und die Welt da draußen Welt sein zu lassen, um in abgedunkelten Räumen der zweiten Tageshälfte entgegenzudämmern (das zumindest machte mein spanischer Mitbewohner).

Allerdings ist es keineswegs so, dass die Spanier faul sind. Ihr Leben ist einfach nur um vier Stunden nach hinten versetzt. Wenn die Siesta um 16 Uhr vorbei ist, rollt das Gewusel wieder an, als sei nichts gewesen. Zu einer Uhrzeit, zu der Deutsche bereits zufrieden in ihrem Fernsehsessel sitzen und das Abendessen hinter sich haben, herrscht noch High Life in San Sebastiáns Straßen. Ich bin abends oft zu einer Videothek gegangen. Der Weg führte über einen großen Platz, auf dem einige Spielgeräte standen. Selbst wenn es schon nach 22 Uhr war, liefen Dreijährige vergnügt qietschend herum, während ihre Eltern in einem der Cafés den Tag ausklingen ließen.

Abendessen um 22.30 Uhr

Als uns eine spanische Freundin freitags zum Essen in ein Restaurant einlud, sagten wir sofort zu. Allerdings wurde uns etwas anders, als sie sagte, für wann sie den Tisch bestellt hatte: 22.30 Uhr. "Bis dahin sind wir ja verhungert", jammerten wir. Sie sah uns nur verständnislos an. "Wieso? Dann fängt der Abend doch erst an. Erst essen gehen, und dann feiern." Feiern ging damals übrigens gegen ein Uhr los. Vorher hätte man mitten auf der Tanzfläche ein Picknick veranstalten können. Es war einfach niemand da.

Ich habe mich immer gefragt, wie es meine spanischen Kommilitonen schafften, morgens frisch in der Uni zu sitzen, wenn sie vermutlich nur fünf Stunden Schlaf hatten, aber wahrscheinlich war es die Aussicht auf die selige Siesta, die sie durchhalten ließ.

Damit ist ab September Schluss. Das hochverschuldete Spanien beugt sich dem Druck von internationalen Unternehmen, die tagsüber durcharbeiten, und nölenden Touristen aus dem Norden, die gern einkaufen wollen, wann es ihnen passt.

Vermutlich ist die Entscheidung richtig. Aber ohne die mittägliche Pausetaste ist San Sebastián nicht mehr dasselbe. Gut, dass ich 2005 da war. Adios, Siesta.

Quelle: seeg
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