Nach Schießerei in der Stadt: Kampf gegen Glücksspiel-Kartell
VON ANKE KRONEMEYER, ALEXANDRA VAN DER VELDEN UND DANIEL SOR - zuletzt aktualisiert: 17.10.2008 - 07:53Düsseldorf (RP) Der Kontrolldruck auf Lokale der Glücksspiel-Szene soll nach der Massenschlägerei im Milieu am Fürstenwall erhöht werden. Die Polizei will die Läden jetzt noch stärker unter die Lupe nehmen. Sie bemängelt aber auch, dass es nur selten strafrechtliche Konsequenzen für Verdächtige gibt.
„Kaffee 1 Euro, Tee 50 Cent“ steht auf der ausgeblichenen Getränkekarte eines Lokals an der Corneliusstraße. Das Etablissement, das früher eine Gaststätte war und heute als „internationaler Kulturverein“ firmiert, wirkt heruntergekommen. Auch die unmittelbare Nachbarschaft ist nicht sehr einladend. Aber hier werden auch spezielle Gäste erwartet. Die Polizei ist sich sicher, dass sich hinter der Fassade des Kulturvereins eine Glücksspiel- Zentrale verbirgt.
Die gläserne Eingangstür gibt den Blick auf eine beleuchtete Bar frei, auf der Gläser stehen. Mehr gibt es durch die mit roten Jalousien verdunkelten Scheiben nicht zu sehen. „Diese Zockerbuden sind rund um die Uhr geöffnet, aber man muss klingeln. Und die lassen nur Leute rein, die sie kennen“, sagt ein Anwohner, der anonym bleiben will. Abends kontrollierten Türsteher vor fünf oder sechs solcher Lokale am Fürstenwall und an der Corneliusstraße. „Die schießen hier wie Pilze aus dem Boden“, bestätigt ein anderer Nachbar.
Mehr als 50 Glücksspiel-Lokale, Callshops oder Internet-Cafés sind der Düsseldorfer Polizei bekannt. Die meisten von ihnen erhalten regelmäßig Besuch von Kripo und Ordnungsamt. Nach der Kontrolle aber haben die Ermittler selten etwas gegen die Betreiber in der Hand. Die Konzessionen der Lokale sind offiziell in Ordnung, weil von den Spielerbanden meistens Strohmänner zwischengeschaltet werden. Gewerberechtliche Beanstandungen wie etwa unsaubere gastronomische Bereiche können ebenfalls nur selten festgestellt werden.
Die Kripo weiß, dass in den Hinterzimmern der Lokale um fünfstellige Summen gespielt wird. Früher trafen sich die Zocker zum Roulette, Black Jack und Backgammon. Heute wird vor allem gepokert – um zehntausende Euro.
Wenn bei einer Razzia eine Pokerrunde angetroffen wird, leitet die Polizei sofort Ermittlungen wegen illegalen Glückssspiels ein. 32 solcher Verfahren waren es 2007. „Leider kommen die meisten Täter mit Bewährungsstrafen davon“, bemängelt Kripo-Chef Wilhelm Schwerdtfeger. Nicht selten stellt sich bei den Kontrollen auch heraus, dass ein Internet-Café ein getarnter Hehler-Treffpunkt ist oder dass ein Callshop als Drogen-Bunker genutzt wird.
Nach dem Vorfall vom Dienstag am Fürstenwall, bei dem 30 bis 40 Männer aus dem Glücksspiel-Milieu aneinandergeraten waren, sich sogar ein Schuss gelöst hatte, steht für die Polizei fest: „Wir müssen noch mehr kontrollieren.“ Kripo-Chef Wilhelm Schwerdtfeger bestätigte gestern der RP: „Das ist jetzt auch geplant.“ Wie eine Krake habe sich die Glücksspiel-Szene in den letzten Jahren in Düsseldorf ausgebreitet, berichtet ein Ermittler. Anwohner der Corneliusstraße sagen, angefangen habe alles vor gut zehn Jahren in einem Ladenlokal, das früher eine ganz normale Kneipe gewesen sei.
Jetzt steht an der Tür „Eintritt nur für Personen ab 18 Jahre“. Im Gastraum steht ein großer mit Filz bezogener Tisch – und unangemeldete Besucher werden von einer Frau mittleren Alters abgewimmelt: „Bitte gehen Sie jetzt!“
Nachbarn berichten, dass sie nachts von lautstarken Wortgefechten geweckt werden. Dass dann teure Luxus-Wagen mit Kölner, Mönchengladbacher oder Krefelder Kennzeichen vor den Lokalen halten. Unter den Anwohnern kursieren Geschichten „von bewaffneten Gangstern, die Geld abkassieren – wie in Chicago!“, sagt ein langjähriger Bewohner der Friedrichstadt. „Die Hausbesitzer sollten nicht mehr an diese Leute vermieten. Die machen unser ganzes Viertel kaputt.“ Das Problem ist aber offenbar, dass die Betreiber der Glücksspiel-Kneipen hohe Mieten an die Hauseigentümer zahlen.
All die Probleme, die Anwohner benennen, sind bei Stadt und Polizei bekannt: So braucht ein Geschäftsmann, der einen Telefonladen, ein Internet-Café oder ein Café ohne Alkoholausschank wie einen „Kulturverein“ eröffnen will, keine besondere Erlaubnis einer Behörde. Diese Genehmigungen sind nur für Spielhallen und Gaststätten mit Alkoholausschank nötig. Der Politik seien da die Hände gebunden, heißt es im Ordnungsamt.
Immerhin: Die nächsten Razzien sind geplant, heißt es bei der Polizei. „Und die sind immer schlagartig schnell. Binnen weniger Minuten haben wir alle Ein- und Ausgänge versperrt, es kommt keiner mehr rein oder raus“, so Wilhelm Schwerdtfeger. In der Hoffnung, dass er dann mal ein paar Täter erwischt.
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