Konkurrenzmüde Menschen identifizieren sich mit "Lucky": Unbegabter Delfin ist Japans neuer Publikumsliebling

zuletzt aktualisiert: 11.01.2007 - 13:20

Tokio (RPO). Japan hat einen neuen Helden: Im Land, in dem Streben nach Leistung und Konkurrenzdenken ganz oben auf der gesellschaftlichen Skala stehen, ist ausgerechnet ein Verlierer der neue Star: "Lucky", ein Delfin der bei Wassershows immer zurückhängt und eigentlich auch gar nicht vernünftig springen kann.

In einem Becken im "Aqua-Stadion" in Tokio, wo die Besucher gewöhnlich die eleganten Sprünge der Delfine bewundern, stiehlt der neue Publikumsliebling allen anderen Tieren die Show. Psychologen interpretieren Luckys Erfolg bereits als Zeichen für einen Wandel der japanischen Gesellschaft. Viele Japaner hätten genug vom ständigen Erfolgsdruck und suchten sich einen Verlierer als Identifikationsfigur, sagt der Psychologieprofessor Taizo Kato von der Universität Wasada.

Lucky wurde durch Zufall entdeckt. Der Pazifische Weißseitendelfin landete nach Angaben der Betreiber der Wassershow "aus Versehen" in einem Fischernetz. Er bekam einen Job in der Delfin-Show, doch bald stellte sich heraus, dass es ihm an akrobatischem Talent mangelte, wie sein Trainer Yu Tsuchiya berichtet.

Nach mühsamen Versuchen, den etwa zehnjährigen Meeressäuger mit dem Verweigern von Belohnungen auf das sportliche Niveau seiner ausschließlich weiblichen, begabten und intelligenten Kollegen zu bringen, gab Tsuchiya auf: "Ich habe gemerkt, dass es nicht die richtige Art war, Lucky zu behandeln", sagt der 24-Jährige. "Jetzt mache ich ihm Komplimente und ermutige ihn, wann immer er ein kleines bisschen besser wird."

Misserfolge als Erfolg

Dabei machen gerade Luckys Misserfolge den Erfolg der Delfin-Show aus. "Seht auf Lucky und feuert ihn an", ruft ein Sprecher im Wasserstadion dem überwiegend aus Eltern mit Kindern bestehenden Publikum zu. "Lucky ist kein guter Springer, aber seht, ob er es diesmal schafft! Und wenn nicht, jubelt ihm trotzdem zu, denn er gibt sein Bestes!" Als die Delfindame Roro während der Show zu einem eleganten Sprung abhebt, bleibt Lucky lieber an der Seite seines Trainers - und erhält dennoch eine Belohnung. "Lucky ist sehr schüchtern. Roro ist wie eine Musterschülerin. Aber Lucky ist viel liebenswerter, er hat Charakter", schwärmt Tsuchiya.

Luckys Fangemeinde reicht bis in die japanische Medienprominenz. Nachrichtensprecher Akira Fukuzawa reißt er zu Begeisterungsstürmen hin: "Lucky war so anders", schreibt er in seinem Blog. "Wie erwartet, war er heute so ein Loser. Aber deshalb ist er so bezaubernd!" Er wolle, dass Lucky "für immer ein kleiner Verlierer bleibt", schreibt Fukuzawa weiter. "Wenn andere Delfine sechs Meter hoch springen, soll er nicht mal drei Meter hoch springen." Auf der Website der Unternehmensberatung Trenders bekundet ein Mitarbeiter seine Sympathie: "Du magst nicht so viel leisten wie die anderen. Aber es wird dir gut gehen, wenn du etwas Besonderes unter ihnen sein kannst."

Dass ein ungeschicktes Wassertier in einem auf Konformität und Leistung ausgerichteten Hochtechnologieland ein Star ist, gibt zu denken. "Sie sympathisieren mit Verlieren. Indem sie sich für Lucky begeistern, jubeln sie sich selbst zu", sagt der Psychologe Kato über seine Landsleute. Viele Japaner beklagen den immer weiter wachsenden Konkurrenzdruck in ihrer Gesellschaft. Die Unternehmen bieten ihren Mitarbeitern keine lebenslangen Arbeitsplätze mehr, die Kluft zwischen Arm und Reich wächst. "Die Japaner haben sich immer darum gesorgt, wie sie im Wettbewerb abschneiden." Sie ordneten sich den Kategorien Gewinner und Verlierer zu, sagt Kato. "Und irgendwie fühlen sich die meisten minderwertig."

Lucky ist nicht der einzige bekannte Verlierer: Auch das Pferd Haruurara brachte es in Japan zu Ruhm, weil es nie ein Rennen gewann. Die Japaner seien ein schüchternes Volk, begründet Kato das Phänomen. Allein der Gedanke, in der Öffentlichkeit einen Fehler zu machen oder aufzufallen, mache ihnen Angst. "Lucky und Haruurara werden so vereehrt, weil sie ohne Angst vor dem Scheitern weitermachen."

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Quelle: afp

 
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