60 Jahre Queen Elizabeth: Die unterkühlte Monarchin
VON GODEHARD UHLEMANN - zuletzt aktualisiert: 06.02.2012 - 11:56Düsseldorf (RPO). Queen Elizabeth ist Chefin der "Firma Windsor" - und das seit 60 Jahren. Eigentlich ist sie eine Frau ohne Macht – gleichwohl von großer Bedeutung. Queen Elizabeth ist eine Institution. An dem Tag, als Lady Diana beerdigt wurde, wackelte die Monarchie.
Ganz Großbritannien liegt in tiefer Trauer. Die Menschen halten inne. Die meisten Geschäfte im Königreich sind geschlossen. Viele weinen um die „Rose von England“, die bei einem Autounfall Ende August 1997 in Paris ums Leben gekommen war. Die Londoner sind, wie viele Menschen weltweit, geschockt vom plötzlichen Tod von Lady Diana. Sie haben ihr Idol und den Kristallisationspunkt ihrer Träume verloren.
Es ist der 6. September 11:09 Uhr. Königin Elizabeth II. steht in London am Tor des Buckingham Palastes mit Familienangehörigen und Hofdamen. Sie warten auf den Trauerzug. Um 10:08 Uhr hatte die Totenglocke vom Turm der Westminster Abbey erstmals geschlagen, als der Trauerzug sich vom Kensington- Palast, dem letzten Wohnsitz Dianas, in Bewegung gesetzt hatte. Nun schlägt die Totenglocke jede volle Minute. Sie tut dies unbarmherzig und eindringlich erinnernd an die Endlichkeit der Menschen, bis der Trauerzug Westminster Abbey erreicht hat.
Eine kurze Verneigung
Es ist 11:18 Uhr. Der Trauerzug zieht am Buckingham Palast vorbei. Die Königin verneigt sich einmal kurz vor ihrer toten Schwiegertochter. Die Lafette der Königlichen Reiter- Artillerie aus dem Jahr 1904 mit dem Sarg der Prinzessin zieht vorbei. Die Queen geht zurück in ihren Palast.
Um 11:44 Uhr verlässt die Königin in einem schwarzen Rolls- Royce ihr Domizil, um zur Totenfeier nach Westminster Abbey zu fahren. Die Flagge des Königreiches, der Union Jack, auf dem Palast wird auf Halbmast gesetzt, eine Geste, auf die die Briten seit gut einer Woche vergebens gewartet hatten. Nun klatschen die Menschen wie erlöst Beifall. Sie hatten das Schweigen und die Distanz der Monarchin nicht verstanden.
Doch die Königin hatte sich am Vortag in einer Fernsehrede endlich zu Wort gemeldet. „Was ich nun zu euch sage, als Königin und als Großmutter, sage ich von Herzen. Zuerst will ich Diana Anerkennung zollen. Sie war ein außergewöhnlicher und begabter Mensch. In guten wie in schlechten Zeiten, sie verlor nie ihr Strahlen und Lächeln, auch begeisterte sie Andere mit Wärme und Liebenswürdigkeit. Ich bewundere und respektiere sie für ihre Energie bei Verpflichtungen für Andere,“ sagte Britanniens Staatsoberhaupt diplomatisch über die doch ungeliebte Schwiegertochter.
Ironie der Geschichte
Diana hatte im September 1982 bei ihrem ersten offiziellen Auftritt außerhalb Großbritanniens ihre Schwiegermutter bei der Beisetzung der Fürstin von Monaco, Gracia Patricia, vertreten. Die Fürstin war bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Ironie der Geschichte: Nun hatte auch Diana bei einem Autounfall ihr Leben verloren. Das Verhältnis der Queen zur Ehefrau von Kronprinz Charles war nicht einfach. Es stellte am Ende gar die Grundlagen der britischen Monarchie infrage.
Lady Diana hatte ihrer Schwiegermutter die Stirn geboten. Sie, die umjubelte Königin der Herzen, vertrat eine moderne und weltoffene Monarchie. Ihr Privatsekretär Patrick Jephson gibt später zu Protokoll, dass nach dem Scheitern ihrer Ehe mit Prinz Charles Diana nach ihrer Rolle in der "Firma", wie sich die Royals gerne selbst bezeichnen, gesucht hat.
Sie stellte gar die Staatsräson infrage. Sie wollte das Korsett höfischer Etikette sprengen, das sie – verkörpert durch die strenge Queen – als einengend empfunden hatte. Sie wusste um ihre weltweite Medienwirksamkeit und wollte sich zum Gegenentwurf elizabethanischer Verknöcherung der Hofetikette empfehlen. Sie wurde so zur Hoffnungsträgerin von Modernisten und zum Alptraum eingefleischter Royalisten. Sie forderte die Autorität der Königin mit ihren zahlreichen Affären heraus.
1992 war ein "annuns horribilis"
Für Königin Elizabeth II. blieb aber Diskretion und Zurückhaltung im Familienbetrieb der Windsors vorrangig. Als die familiären Ereignisse zu turbulent wurden, sprach die Queen anlässlich ihres 40. Thronjubiläums am 24. November 1992 in der Londoner Guildhall von einem „annus horribilis“ (Schreckensjahr).
Gemeint war das Feuer in Windsor Castle, bei dem vier Tage zuvor das Schloss schwer beschädigt worden war und einige wertvolle Kunstwerke verloren gegangen waren. Doch auch in der königlichen Familie war es zu Turbulenzen gekommen: Im März hatten sich der zweite Sohn der Königin, Prinz Andrew, und Sarah Ferguson getrennt. Später wurden „oben ohne“-Fotos von Sarah veröffentlicht. Sie zeigten das Mitglied der königlichen Familie mit seinem damaligen Freund John Bryan.
Im April wurde die Scheidung von der Königinnentochter Prinzessin Anne und Mark Phillips rechtskräftig. Und immer wieder sorgten Berichte über das tiefe Ehezerwürfnis zwischen Prinzessin Diana und dem Thronfolger Prinz Charles für Schlagzeilen.
Scheidung angeordnet
Britanniens Regierungschef John Major gab dann Anfang Dezember im Parlament offiziell die Trennung von Charles und Diana bekannt. Der Höhepunkt innerfamiliärer Auseinandersetzung wurde erreicht, als die Queen 1995 schließlich die Scheidung von Charles und Diana anordnete. Als Oberhaupt der Anglikanischen Kirche hatte sie dies beiden schriftlich mitgeteilt.
Privatsekretär Jephson über Dianas Reaktionen: „Sie war wütend und schockiert, dass jemand ihre Scheidung anordnet.“ Damit war die Auseinandersetzung zwischen Jung und Alt und zwischen Moderne und einer überkommenen verstaubten Tradition entschieden. Mitte Juli 1996 wurde das Traumpaar offiziell geschieden.
Könige seit 1000 Jahren
Die Entscheidung der Queen greift weit über familiäre Belange hinaus. Königin Elizabeth II. ist das Oberhaupt einer der ältesten Monarchien der Welt. Seit mehr als 1000 Jahren gibt es in England Könige. Sie selbst stammt von den Sachsenkönigen ab, die England im 9. Jahrhundert vereinigten, sowie von Wilhelm dem Eroberer, der in der Schlacht von Hastings, 1066, siegte und zur Eroberung Englands durch die Normannen führte.
1952 wurde Elizabeth nach dem Tod ihres Vaters Königin und Oberhaupt der königlichen Familie. Gekrönt zur Königin wurde sie 16 Monate später am 2. Juni 1953. 1947 hatte sie Oberstleutnant Philip Mountbatten, einst Offizier der Königlichen Marine, geheiratet. Er trägt heute den Titel Prinz Philip, Herzog von Edinburgh, und entstammt den königlichen Familien Dänemarks und Griechenlands, die wiederum deutsche Wurzeln haben.
Seit mehr als 60 Jahren steht Prinz Charles an erster Stelle der Thronfolge. Viele Briten und vor allem Royalisten lasten ihm die gescheiterte Ehe mit Lady Diana an. Seine zweite Ehe mit Camilla ist vielen Untertanen noch immer ein Dorn im Auge.
Hoffnungsträger einer modernen Monarchie
Sie setzen nun auf Charles und Dianas ältesten Sohn William als würdigen Queen-Nachfolger, vor allem nach dessen Hochzeit mit Kate Middleton: Zwei, die sich als jüngstes Traumpaar der Windsors aus der wohl berühmtesten Familie der Welt und als Hoffnungsträger einer modernen britischen Monarchie im 21. Jahrhundert empfehlen. William könnte der angestaubten britischen Krone zu neuem Glanz verhelfen. Die Rolle der Krone hat sich im Laufe der britischen Geschichte immer wieder gewandelt.
Die Macht des Parlamentes hat sich dauerhaft durchgesetzt. Damit wurde der König oder die Königin zum Oberhaupt einer konstitutionellen Monarchie. Das bedeutet, die Queen ist das Staatsoberhaupt Großbritanniens und heute weiterer 15 Commonwealth-Staaten. Ihre politischen Befugnisse und ihre politische Bedeutung sind aber gering. Sie hat lediglich das Recht „konsultiert zu werden, das Recht zu ermutigen, das Recht zu warnen“.
Die wohl wichtigste Aufgabe ist es aber, den Premierminister auszuwählen. Dabei handelt sie nach der Konventionalregel. Das bedeutet, sie wählt für das Amt den Führer der Mehrheitspartei. Hält sich die Königin in London auf, trifft sie den Regierungschef wöchentlich zum Gedankenaustausch. Außerdem erhält sie ein Exemplar aller Regierungsdokumente sowie die Zusammenfassung aller Parlamentsdebatten.
Verschämt Rufe nach Abschaffung der Monarchie
Eine ihrer spektakulärsten öffentlichen Auftritte ist die alljährliche farbenprächtige Eröffnung der neuen Sitzungsperiode des Parlamentes. Dann legt sie vor den Mitgliedern des Ober- und des Unterhauses in einer Thronrede das Regierungsprogramm für das kommende Jahr fest.
Diese Rede wird von der Regierung unter ihrem Premierminister ausgearbeitet und formuliert und von der Regentin verlesen. Zu den königlichen Aufgaben gehört es auch, Berufungen in Staatsämter vorzunehmen sowie Parlamentsbeschlüsse zu genehmigen. Erst dann erhalten sie Rechtskraft.
Die königliche Familie spielt im öffentlichen Leben Großbritanniens nach wie vor eine wichtige Rolle, auch wenn ab und an verschämt Rufe nach Abschaffung der Monarchie laut werden. Mitglieder der Royals setzen sich für die Arbeit von Wohltätigkeitsorganisationen ein, nicht selten in führenden Positionen. Sie engagieren sich für Forschungs- und Umweltprojekte.
Der Prince of Wales kommt in seiner Funktion als Kronprinz jährlich mehr als 400 offiziellen Auftritten nach. Er ist Schirmherr oder Vorsitzender von mehr als 200 Organisationen.
Ist die Königin reich? Darüber gibt es keine verlässlichen Angaben. Das US-Wirtschaftsmagazin "Forbes" schätzt das Privatvermögen auf rund 450 Millionen Dollar. Die königliche Kunstsammlung sowie die Kronjuwelen gehören einer Stiftung, ebenso der Buckingham Palast und Windsor Castle. Ihr Sitz Balmoral in Schottland ist jedoch dem Privatvermögen zuzurechnen.
Vom Staat erhält Elizabeth II. als Oberhaupt des Vereinigten Königreiches jährlich fast acht Millionen Pfund, um die Ausgaben für ihre Verpflichtungen decken zu können. Andere Mitglieder der königlichen Familie erhalten für ihre Aufgaben wesentlich geringere Zuwendungen aus der Staatskasse.
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