Nach 20 Jahren: 1.000 Folgen: Lindenstraße feiert Jubiläum
zuletzt aktualisiert: 28.01.2005 - 11:35Berlin (rpo). Herzlichen Glückwunsch, Lindenstraße: Deutschlands Kult-Serie feiert am Sonntag die Ausstrahlung ihrer 1.000. Folge. Seit im Dezember 1985 die erste Episode ausgestrahlt wurde, hat sich in der TV-Landschaft viel getan.
Am Sonntag wird abgerechnet. Helga und Hans Beimer bleiben auf dem Weg zu Iffi Zenkers Hochzeit im Fahrstuhl stecken und halten sich gegenseitig die Versäumnisse der vergangenen 20 Jahre vor. Und das ist noch nicht einmal der Höhepunkt in der Jubiläumsfolge der ARD-"Lindenstraße".
Im Dezember 1985 lief die erste Folge der Serie, am 30. Januar strahlt die ARD nun Episode 1000 aus. Dazwischen ist die TV-Landschaft zu einem Schlachtfeld geworden, auf dem ein kurzlebiger Trend den nächsten jagt. Doch sonntags um 18.40 Uhr erklingt für vier bis fünf Millionen Zuschauer seit eh und je die gleiche Titelmelodie, zwölf Schauspieler der Anfangsbesetzung sind noch dabei und alle paar Folgen sieht man Mutter Beimer beim Zubereiten von Spiegeleiern.
"Es war die Hölle"
Nur die Wahrnehmung hat sich ins Gegenteil verkehrt. Gelten die Geschichten aus dem Münchner Straßenzug heute als etwas altbackenes ARD-Aushängeschild, waren sie damals eine Revolution. Deutschlands erste am Fließband produzierte Dauerserie - eine, die den Anspruch erhob, realistisch und massentauglich zugleich zu sein. "Es war die Hölle", erinnert sich der Erfinder und Produzent Hans W. Geißendörfer im ddp-Gespräch. "Die Kritiken waren mies, und die guten Quoten interessierten die ARD-Gremien nicht. Wir waren heilfroh, als wir das erste Jahr überstanden hatten."
Heute sitzt das Team um den 63-jährigen Geißendörfer fest im Sattel. Die ARD hat den Vertrag bis Ende 2008 verlängert. Klaus Beimer wird dann 31 sein. In Folge 2 gewann er ein Fahrrad bei einem Sparkassenwettbewerb, als Jugendlicher rutschte er in die rechte Szene und versucht sich inzwischen als freier Journalist.
Der Zuschauer wird mit "Helden" älter, die so normal sind, wie eine halbwegs spannende Dramaturgie es eben zulässt. "In der 'Lindenstrasse' erkennt fast jeder eine Person aus seiner Umgebung wieder", sagt Geißendörfer. Damit das auch so bleibt, müssen die Geschichten möglichst nah am Alltag erzählt werden: "Wir thematisieren all das, was uns in der BRD passieren kann." Dass dahinter meist auch eine Botschaft steht, gibt Geißendörfer unumwunden zu. "Die 'Lindenstrasse' hat eine Haltung und die soll der Zuschauer auch bemerken."
Provokationen und Schicksalsschläge
Das unterhaltende Format sei ein Vehikel, um Themen an eine große Zahl von Zuschauern zu bringen, die diese sonst nicht wahrnehmen würden. Hans Beimer und seine zweite Frau Anna bekommen ein Kind mit Down-Syndrom ins Skript geschrieben, um Berührungsängste zu Behinderten abzubauen. Die farbige Mary nimmt eine Aids-kranke Frau aus Afrika auf, Dr. Dressler wirbt für Krebsvorsorge. "Was uns persönlich wichtig ist, dürfen wir auch erzählen", sagt Drehbuchautor Michael Meisheit. Und so schneidet das 32-jährige Amnesty-International-Mitglied eine echte Menschenrechtsdemo in die Handlung ein.
Die "Lindenstraße" bietet Aufklärung, nicht immer ohne erhobenen Zeigefinger, im besten Falle provokativ genug, um Reaktionen auszulösen. Morddrohungen und Liebesbriefe zum Beispiel. Die bekam Georg Uecker alias Dr. Carsten Flöter seit 1990 körbeweise. Damals küsste er zum ersten Mal seinen damaligen Serienfreund. Schwule Körperlichkeit hatte das deutsche Fernsehen zuvor nicht zu zeigen gewagt.
"Die Reaktionen haben gezeigt, dass wir damit Diskussionen befördert und manches Coming-Out ausgelöst haben", erzählt Uecker. Seine Figur zeigt exemplarisch, dass die lange Lebensdauer von Charakteren und ihren Geschichten die "Lindenstrasse" zu einem Archiv des gesellschaftlichen Wandels macht. Auf den ersten Kuss folgte ein Heiratsritual, als die Homo-Ehe noch eine Utopie war, schließlich die richtige Hochzeit und die Adoption eines HIV-infizierten Jungen. Die Reaktionen fielen deutlich entspannter aus.
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