Musiksender prägte die 80er und 90er: 25 Jahre MTV - so klingt die Jugend
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 01.08.2006 - 09:52Düsseldorf (RP). Der Musiksender MTV wird 25 Jahre alt. Heute ist er bedeutungslos, doch in den 80er und 90er Jahren formte er das Bewusstsein der heute 25- bis 45-Jährigen. Dafür gebührt ihm Dank.
Jungsein in den frühen 80ern war wie E-Gitarre spielen ohne Verstärker: unausgegoren, verzweifelt, gewollt und nicht gekonnt, schmerzhaft und kaum zu hören. Dann kam MTV. MTV gab dem Jungsein Strom. Und machte alles bunt.
MTV wird heute 25. Am 1. August 1981 eröffnete das programmatisch, ach was: revolutionär gemeinte Stück „Video killed the Radio Star“ der Band Buggles das Programm. Und revolutionär war es tatsächlich, was dieser Sender bewirkte, bevor er im Dumpfsinn versank.
Musik war spätestens ab 1987, als hierzulande endlich auch das letzte Dorf verkabelt wurde, nicht mehr nur auf den Hörsinn beschränkt. Der Pop rüstete auf. MTV gelang die Ausweitung der Kampfzone: Gesungene Botschaften waren auf einmal auch zu sehen. Und wer sie begreifen wollte, musste schnell sein. Denn die Bilder, sie zogen so rasch vorbei, dass ungeübten Zuschauern die Augen tränten. Die ungeübten, das waren natürlich die Eltern.
Virtuelles Jugendheim
Eine eigene Ästhetik war geboren, die der schnellen Schnitte und der Sinn-Überladung durch Zitate und Bezüge. Das Verfahren sorgte dafür, dass Drei-Minuten-Pop-Songs so pathos-schwer wie eine Wagner-Oper werden konnten. Man denke nur mal an das von Anton Corbijn gestaltete Depeche-Mode-Video zu „Enjoy the silence“: so rätselhaft und so herzergreifend, wie Dave Gahan da in Königs-Montur mit seinem Liegestuhl durch die Wüstenei zieht.
MTV gab einem eine Gemeinschaft, der Sender war so etwas wie das virtuelle Jugendheim seiner Zeit. Dort konnte man Selbstbewusstsein tanken. Popmusik galt vorher nichts. Erst MTV nahm sie ernst und behandelte sie entsprechend. Pop wurde vom Synonym für eine Musik zum Lifestyle. Und MTV bot jeder Klientel eine Nische. Gitarren-Popper sahen die Sendung „120 Minutes“, Leute mit Sehnsucht nach der Bronx „Yo MTV Raps“ und die Aggressiven „Headbangers Ball“.
Auf einmal war alles wichtig. Dass Nick Cave früher Sänger der Band Birthday Party gewesen ist oder Vince Clarke die Gruppe Yazoo und später Erasure gründete, nachdem er bei Depeche Mode ausgestiegen war - solche Kenntnisse wurden früher beschmunzelt und im Lexikon des unnützen Wissens abgelegt. Nun wurde man dafür geachtet. Die Nachrichten-Sendungen bei MTV waren denn auch eine Zusammenstellung aus Neuigkeiten der Popwelt.
Judaskuss von Madonna
Damit befruchtete der Sender sogar das akademische Milieu. Eine Disziplin wie Pop-Theorie wäre ohne MTV heute in dieser Form nicht denkbar. Zum letzten Mal befeuerte MTV die Reflexions-Maschinerie, als die durch MTV geadelte Madonna bei den Music-Awards 2003 ihre mutmaßliche Thronfolgerin Britney Spears küsste. Es war ein Judaskuss: Madonna ist heute größer denn je, Britney Spears streitet mit ihrem Mann um dessen Taschengeld.
MTV gab der Gegenwart eine ihr entsprechende Kultur. Die wichtigsten Aspekte darin waren Ironie und Chaos. Sie findet man heute in Romanen von Benjamin von Stuckrad-Barre ebenso wieder wie in Shows von Stefan Raab. Über MTV wurde man mit einem Wissen versorgt, auf das sich heute Künstler beziehen. MTV schuf eine gemeinsame Basis. Wenn ein Modedesigner wie Jil Sanders Kreativ-Chef Raf Simons in seinen Entwürfen auf die Ästhetik von Bands wie Joy Division anspielt, dann weiß man dank MTV, was er meint: Widerstand, Anderssein, Kritik. MTV prägte die gesellschaftlichen Codes einer Generation.
MTV sagte: Sei, wie du bist - egal, wie du bist. Es waren die Moderatoren der ersten Generation, die man so lieb hatte, weil sie sie selber zu sein schienen. So wie Simone Angel, die wie ein Duracell-Männchen endlos herumflippte, sollte die beste Freundin sein. Wie die schöne, hanseatisch-steife Kristiane Baker war auch die höhere Tochter in der Schulklasse eins drüber. Wie der Neid erregend gut aufgelegte Ray Cokes wollte man selber sein - weshalb man sich am Auto-Scooter der Dorfkirmes schon mal in Sakko mit T-Shirt drunter aufbaute.
So bewies einem MTV, dass die Gegenwart nicht nur in London oder in Amerika oder so stattfindet. Der Sender gab dem Leben in der Provinz einen Sinn. Danke dafür.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum







