"Polizeiruf 110": Ally McBeal ermittelt in München
VON CHRISTIAN SIEBEN - zuletzt aktualisiert: 12.04.2010 - 07:25Düsseldorf (RPO). Der "Polizeiruf 110" des Bayerischen Rundfunks am Sonntagabend wurde dem Anspruch gerecht. "Die Lücke, die der Teufel lässt" mit Stefanie Stappenbeck als Kommissarin Uli Steiger verzichtete auf 0815-Spannung und überzeugte als beißende Milieu-Studie mit tollen Schauspielern.
Der Münchener "Polizeiruf" mit Edgar Selge und Michaela May war in den vergangenen Jahren immer besonders. Besonders böse, besonders lustig, besonders merkwürdig, besonders erschreckend und manchmal auch: besonders daneben. Überraschend und sehenswert also. Dies scheint mit der neuen Ermittlerin so zu bleiben.
Die Lücke, die der Teufel lässt" erzählt die Geschichte von geplatzten Träumen in einer nackten Neubausiedlung irgendwo in München. Weil die Bank Kredite der Hausbauer an eine Heuschrecke verscherbelt, stehen die Familien vor dem finanziellen Ruin. Die mit dubiosen aber legalen Grundschuldverträgen geprellten Käufer begehen einen Banküberfall, bei dem zwei Menschen sterben. Eines der Opfer ist Kommissar Papen, Steigers Mentor und neuer Chef.
Der Film überzeugt mit tollen Schauspielern. Stefanie Stappenbeck zieht als engagierte, emotionale, mutige und von Selbstzweifeln gepeinigte Polizistin den Zuschauer schnell auf ihre Seite. Als sie erfährt, dass sie am Tod ihres Mentors eine Mitschuld trägt, erbricht sie sich in der Gerichtsmedizin.
Sie wird suspendiert, ermittelt auf eigene Faust die Täter und erleidet einen Weinkrampf. Nicht nur äußerlich erinnert die Figur an die legendäre TV-Anwältin Ally McBeal, derem verhuschten Charme vor Millionen Zuschauer auf der ganzen Welt erlagen.
Ebenso überzeugend: Franz Xaver Kroetz ("Kir Royal") als Grantler Georg Pranger, der sich zum Robin Hood der Vorstadt aufschwingt. Das Drehbuch lässt ihn in einigen Momenten vielleicht etwas dick auftragen. Die Szene, in denen der vorbestrafte Alt-68er mit einem Vorschlaghammer Neubauten demoliert, befriedigt jedoch für einige Minuten den strapazierten Gerechtigkeitsinn des Zuschauers. Schade, dass sich Kroetz nur noch selten zu TV-Rollen überreden lässt.
Schwächen des Krimis? Nun, der trottelig-liebenswerte Kollege der Kommissarin geriet schon arg trottelig und liebenswert. Die unfreundlich-tyrannische Chefin ("Weisst du was? Ich hasse dieses Scheiß-Internet!") war arg unfreundlich und tyrannisch. Und dass der Rächer der Rechtlosen am Ende die Beute an die Armen verteilt, war - nun ja - absehbar.
Dennoch: Der "Polizeiruf" aus München ist gelungen. Wir wollen mehr von Stefanie Stappenbeck sehen - leider nicht länger als Kommissarin Uli Steiger. Denn nach dem Tod ihres Kollegen Jörg Hube hat sie nur noch zwei weitere Folgen gedreht, die Serie dann wieder verlassen.
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