Premiere im Ersten: Anne Will hält sich zurück
VON PHILIPP STEMPEL - zuletzt aktualisiert: 17.09.2007 - 00:31Düsseldorf (RPO). "Wir wollen heute über Arbeit reden." Das war's. Kein Wort zur Premiere, kein Wort zur eigenen Person. Anne Will hat sich bei ihrem ersten Talk am Sonntagabend zurückgenommen. Alles andere hätte auch überrascht. Der Gesprächsrunde tat das allerdings gar nicht gut.
Zugegeben. Mit "Anne Will" war nicht wirklich die Neuerfindung der politischen Talkrunde zu erwarten. Doch dass sich die Nachfolgesendung von "Christiansen" derart reibungslos in die genre-üblichen Konventionen einfügte, enttäuschte dann doch. Auch die Personalie Anne Will gab keinen Anlass zur besondern Notiz. Ein schlicht-eleganter grauer Hosenanzug, kaum ein Zucken mit der Augenbraue, ein paar Verhaspler. Ansonsten bleibt sie blass.
"Rendite statt Respekt: Wenn Arbeit ihren Wert verliert" hatte die Redaktion als Thema der ersten Sendung auserkoren. Zu Gast in der großen Runde: Bischöfin Margot Käßmann, die Ministerpräsidenten Kurt Beck und Jürgen Rüttgers sowie Telekom-Chef René Obermann. Außerdem abgesondert auf je einer Extra-Couch ein Nicht-Promi. Links der Vertreter aus dem „wirklichen Leben“, rechts ein Mann der Wissenschaft.
Näher an die Menschen
Sie wolle näher an die Menschen ran, hatte Anne Will vor dem Start der Sendung als Ziel ausgegeben. Rein physisch betrachtet gelang das. Zur Einführung ins Thema begibt sie sich auf die Extra-Couch zu Kerstin Weser, einer Frau, die einem Vollzeitjob in einem Call-Center nachgeht, obwohl sie damit nicht ihr Leben finanzieren kann. Sie arbeitet, um ihre Würde nicht zu verlieren. Die tapfere Frau schildert ihre finanzielle Notlage, dass sie dem Staat nicht auf der Tasche liegen will und dass ihre Eltern die vor zwei Wochen fällige Reparatur des Autos bezahlt hätten. Anne Will liefert die Stichworte. Für Nähe fehlt die Zeit.
Dann der Wechsel in die mit den vier prominenten Köpfen besetzte große Runde auf roten Drehsesseln im Design der 50er Jahre. Anne Will bemüht sich das Thema Arbeit und Würde einzuführen und übersetzt es in die Sprache der Politik. Von Mindestlohn, Hartz IV und der Agenda 2010 ist jetzt die Rede.
TV-Automatismen
Prompt entfernt sich der Talk von der betroffenen Frau, die mutterseelenallein auf der Extra-Couch sitzt, abgesondert, am Rande des Geschehens. Dass die Parteipolitiker sich über ihr Schicksal betroffen zeigen und sich dafür gegenseitig die Schuld in die Schuhe schieben, versteht sich von selbst.
Damit sind die Automatismen des Polit-Talks im deutschen Fernsehen in Gang gesetzt. Beck beschimpft Rüttgers, Rüttgers beschimpft Beck. Käßmann staunt und Obermann schaut so, als ob er sich fragt, womit er das verdient hat. Der hilfesuchende Blick in Richtung der Moderatorin bleibt unerwidert. Will schaut kritisch, lässt die Politiker aber gewähren.
Die Themen wechseln schnell. „"Steht die SPD noch zur Agenda 2010?", will Anne Will von Kurt Beck wissen. "Gilt eigentlich noch der Grundsatz, dass Eigentum verpflichtet?", fragt sie Obermann. "Wie geht es dabei den Menschen?", die Frage an Käßmann. Das Bemühen, damit den großen Bogen von der Debatte über Arbeitsmarktreformen bis zur Würde des Einzelnen zu schlagen, ist unverkennbar. Doch bleiben die 60 Minuten seltsam bruchstückhaft, die Themen ohne innere Bindung. Echtes Interesse an Lösungen, an phrasenfreien und ehrlichen Antworten ist nicht zu spüren.
Will selbst ist zufrieden
Fast erwischt man sich bei dem Wunsch, Anne Will möge doch mehr das Vieraugengespräch suchen. In Ansätzen ist das ihrem Gespräch mit dem Psychotherapeuten auf der Extra-Couch anzumerken, wo auch mal Zeit fürs Nachhaken bleibt. Aber die große Rund ist ein anderes Terrain als das Interview. Es geht rauer zu, keiner hat was zu Verschenken. Anne Will hat das am Sonntag mitunter schmerzhaft zu spüren bekommen. Auf die Frage „Müssen wir Hartz IV abschaffen?“, kanzelte Jürgen Rüttgers die Journalistin unsanft mit der Bemerkung ab, da könne man ja gleich fordern, den Mond blau anzustreichen.
Will selbst sagte nach der Sendung, sie sei sehr zufrieden mit dem Start, obwohl es schwierig sie für sei, die Sendung unmittelbar danach gleich zu beurteilen. Die Runde sei stark besetzt gewesen und die Gäste hätten zwischenzeitlich gut gestritten. Sie fühle sich wohl und gut, sei aber schon ein bisschen erschöpft. Zugleich lobte sie eine "tiefe Nachdenklichkeit", die sich gerade durch die Aussagen der Call-Center-Mitarbeiterin entwickelt habe.
"Nach uns kommen die Tagesthemen, die empfehle ich Ihnen sehr, schon alleine aus persönlicher Verbundenheit", schloss Will den Abend. Ihr Lächeln wirkte dabei irgendwie unrund.
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