ARD-Talk: Anne Will und die Retter der Welt
VON MANFRED KÜHNAPPEL - zuletzt aktualisiert: 27.10.2008 - 08:30Düsseldorf (RPO). Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Jobkrise. Mal im Ernst: Haben wir geglaubt, dass uns bei Anne Will der Ausweg aus dem Dilemma gewiesen wird? Das hier die Welt gerettet wird? Unsere düstere Vorahnung verfestigt sich nach kurzer Zeit des ARD-Talks vom Sonntag zur ernüchternden Gewissheit.
Draußen regnet es. Es ist der erste Sonntag nach der Umstellung auf die Winterzeit. Mit eisiger Miene fragt Anne Will in die Runde: "Wie weit schlägt die Finanzkrise jetzt auf den Arbeitsmarkt durch?" Klare Sache: Wer jetzt antwortet, der muss nicht nur zittern, der droht an Unterkühlung zu sterben. Und nacheinander erfrieren an diesem Abend alle: von CDU-Vize Christian Wulff, über Metall-Boss Martin Kannegiesser bis hin zur Linken Katja Kipping.
Denn nach wie vor werden Tag für Tag an den Börsen Milliarden verbrannt. Niemand kann die Negativspirale stoppen. Während Anleger in aller Welt den vermeintlich sicheren Hafen US-Dollar ansteuern, bricht es zur gleichen Zeit ganzen Industriezweigen das Rückgrat. Aus diesem bösen Traum wachen wir so bald nicht auf. Und schon gar nicht bei Anne Will.
Schreckens-Szenario seit Monaten bekannt
Niedersachsens väterlicher Landesvater Wulff sieht "die deutsche Wirtschaft im internationalen Vergleich besser als andere Länder auf die Krise vorbereitet". Kein Wort dazu, dass Finanzexperten seit Monaten vor exakt dem aktuellem Schreckens-Szenario gewarnt haben. Hat Wulff das nicht mitbekommen?
Statt dessen ledert der CDU-Vize gegen den Autoexperten Ferdinand Dudenhöffer, der im Einspieler zu Beginn von einem "Blutbad für die Autoindustrie" spricht. Gerade Dudenhöffer gehörte zu jenen, die der Branche monatelang ins Gewissen geredet hatte, sich im internationalen Wettbewerb besser aufzustellen. Wie ein billiges Ablenkungsmanöver wirkt Wulffs Verweis auf die Probleme bei General Motors und Chrysler in den USA. Die Probleme stehen längst vor der eigenen Haustür. Auch Volkswagen geht es langsam an den Kragen.
Katja Kipping verfällt spontan in linke Reflexe: "Jahrelang haben wir nur auf Export gesetzt statt Binnenkonjunktur zu stärken. Und wir haben es unterlassen, die Märkte zu regulieren", jammert die stellvertretende Vorsitzende der Linken, ohne einen tragfähigen Alternativvorschlag zu unterbreiten.
Erklärungsmuster von Gestern
Prompt fährt Martin Kannegiesser in Arbeitgebermanier dazwischen: "Unsere Stärke liegt gerade darin, dass wir auf Weltmärkten operieren, sowohl im Automobilbau als auch im Metallbau." Zu glauben, das könne man über Nacht umdrehen, sei ein fataler Irrtum, beharrt der Gesamtmetall-Präsident.
Der bayerische SPD-Politiker Fritz Schlösser fordert ganz im Sinne eines klassischen DGB-Vertreters mehr Geld für Arbeitnehmer. Sein Credo: "Wir müssen uns antizyklisch verhalten." Der Hamburger Reeder Peter Krämer klammert sich derweil an den Rockzipfel von Kanzlerin Merkel, indem er "schnellstens eine neue Weltfinanzordnung" verlangt. Alles schon mal gehört. Weil Milliardär Krämer zudem selbstlos eine Steuer auf private Vermögen einfordert, erntet er Zustimmung vom kreuzbraven Publikum.
Vieles wirkt wie hilflose Erklärungsmuster, die angesichts der gigantischen Ausmaße dieser Krise nicht mehr greifen, Sprachformeln und Versatzstücke, die ins Leere zielen. Lösungen von Gestern für ein Problem von Morgen, das die Welt so noch nicht erlebt hat und von dem niemand weiß, wohin es uns noch treibt. Wo ist die Vision?
Tanz um das Goldene Kalb
Damit wir uns nicht falsch verstehen: Jeder einzelne von uns darf sich kritisch hinterfragen, welche Rolle er beim Tanz um das Goldene Kalb des schnellen Geldes gespielt hat.
Bis zum Ende der Talkrunde geht es dann querbeet durch den Gemüsegarten von Subventionen, Leiharbeit, Mindestlöhnen, Kfz-Steuer, Acht-Prozent-Lohnforderung, Börsenumsatzsteuer und der Schere zwischen Arm und Reich. Kaum ein Fass, dass nicht aufgemacht wird.
Als es die Runde mit dem Thema Gesundheitsfonds probiert, schrillen bei Anne Will die Alarmglocken. Da würgt sie die Debatte ab. Das ist zu viel. Selbst für eine einstündige Sendung zur Rettung der Welt.
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