Kiesbauers Talkshow wird eingestellt: Arabella: "Wir haben alle Tabus gebrochen"
zuletzt aktualisiert: 24.05.2004 - 11:22München (rpo). Deutschlands dienstälteste Talkmasterin hört auf. Zehn Jahre lang hat Arabella Kiesbauer das Intimleben ihrer Gäste ausgebreitet. Von der Körperbehaarung bis zur Schönheitsoperation, "wir haben alle Themen durchgekaut, wir haben alle Tabus gebrochen", sagte die 35-Jährige und verrät ihre TV-Pläne der Zukunft.
Zum Jubiläum im Juni ist Schluss - die Zuschauer haben "Arabella" weg gezappt. "Ich habe mich jetzt entschlossen, die Konsequenzen zu ziehen", sagte sie.
Ihr Sender ProSieben sei jetzt "ein bisschen erleichtert", erklärte Kiesbauer. Die Konkurrenz habe mit Doku-Soaps und Richter-Shows immer mehr Quote gemacht. Das Interesse am klassischen Nachmittags-Talk mit echten Gästen dagegen habe nachgelassen. "Das ist die Entscheidung von Arabella", betonte ProSieben-Sprecher Nico Wirz, fügte aber gleich hinzu: "Es gibt Trends im Fernsehen, und denen muss man sich auch fügen."
1991 hatte der Sender die damals 25-jährige Wienerin nach München geholt, die nach ihrem Theater-Studium ein Reisemagazin moderiert hatte. 1994 bekam sie ihre tägliche einstündige Talkshow "Arabella" und wurde mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Die Sendung wurde Kult - und wurde gleichzeitig immer mehr zum Aufreger. "Wir haben auch Klamauk-Sendungen gemacht mit sehr skurrilen Gästen - ein sehr buntes Kaleidoskop des Lebens", sagt Kiesbauer. Vor dem nachmittäglichen Zielpublikum - Schülern, Studenten und jungen Hausfrauen - wurden gerne auch sexuelle Abartigkeiten und Vorlieben der Gäste ausgebreitet. Schließlich geißelte der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber die "minderwertige, primitive" Darstellung, die Medienaufsicht drohte mit Lizenzentzug, ProSieben gelobte Besserung.
Ab Herbst gleicher Inhalt in neuer Form
"Es gab auch Sachen, die ich heute weglassen würde", räumt Kiesbauer heute ein. "Mit einer Internet-Stripperin - da sind wir zu weit gegangen, das war wirklich geschmacklos." Eine Zeit lang sei die Sendung regelrecht geächtet worden. "Aber wer Tabus brechen will, muss an die Grenzen gehen. Das war das Konzept der Sendung", rechtfertigt sich die Moderatorin. "Wir sind an die Grenzen gegangen. Ich wollte das. Das entspricht auch meinem Naturell."
Kiesbauer holte Medienwächter und Kritiker in ihre Show - "Ich hasse Talk-Shows", hieß eine Sendung. Als ein Highlight hat sie eine Live-Sendung mit Schülern nach dem Amoklauf von Erfurt in Erinnerung.
Der Nachmittags-Talk "war die Fernsehgattung, die die 90er Jahre geprägt hat". Doch das Konzept entzog sich selbst den Boden. "Wenn ein Tabu einmal gebrochen ist, wird es uninteressant", erklärte Kiesbauer. Die Quote sank. "Wir haben zwei Jahre herumgedoktert." Der Sender drang auf gespielte Szenen, auf Auftritte nach Drehbuch - sie lehnte ab: "Talk ist ein journalistisches Format. Der Zuschauer verlässt sich darauf, dass das authentisch ist, was er das sieht - da dürfen nur echte Gäste auftreten! Alles andere wäre Betrug am Zuschauer."
Das Spontane, Unvorhersehbare habe den Reiz des Talk ausgemacht. "Jetzt ist es der Tod des Talks: Er kann nicht alle zwei Minuten einen Höhepunkt liefern."
Deshalb wechselt Kiesbauer jetzt das Etikett und präsentiert ab Herbst auf ProSieben "Arabella - Das Geständnis" - eine einstündige Sendung, in der scheinbar echte Ereignisse nach Drehbuch von Laiendarstellern gespielt werden - mit einem dramaturgischen Spannungsbogen vom Anfang bis zum Schluss. Sender-Sprecher Wirz zum Inhalt: "Ein Mensch will seinem Nächsten etwas gestehen. Zum Beispiel: 'Ich habe meine Frau betrogen' oder 'Ich habe den Hund meiner Freundin verscharrt.'"
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