Stasi-Vorwürfe: ARD begnadigt Hagen Boßdorf
zuletzt aktualisiert: 07.02.2006 - 17:39Köln (rpo). Die ARD will nun doch an ihrem mit Stasi-Vorwürfen konfrontierten Sportkoordinator Hagen Boßdorf festhalten. An eine vorzeitige Beendigung des bis März 2007 laufenden Vertrags werde nicht gedacht, entschieden die ARD-Intendanten einstimmig in Köln. Boßdorf muss aber offenbar mit einer Abmahnung rechnen.
WDR-Intendant Fritz Pleitgen bezeichnete die Abmahnung als "ziemlich starkes Instrument". "Da darf jetzt nicht mehr viel kommen", stellte er klar.
Boßdorf hat zudem den ARD-Vorsitzenden Thomas Gruber gebeten, ihn von seinen Aufgaben im Rahmen der Berichterstattung über die am Freitag beginnenden Olympischen Winterspiele in Turin und der kommenden Tour de France zu entbinden, "um der ARD weitere öffentliche Diskussionen zu ersparen". Diesem Wunsch wurde nach Angaben des Senders stattgegeben.
Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi?
Bis März 2007 solle sich Boßdorf ausschließlich auf seine Tätigkeit als Sportkoordinator konzentrieren. "Das ist gut für das Amt der Sportkoordinators und gut für den Sport in der ARD", stellte Struve fest.
Boßdorf wird eine Tätigkeit als Inoffizieller Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit vorgeworfen. Die Veröffentlichung neuer Stasi-Akten hatte bereits dazu geführt, dass Boßdorf nicht wie vertraglich vereinbart zum NDR-Sportchef berufen wurde.
ARD-Vorsitzender Gruber hatte zu den Vorgängen ein Gutachten des Forschungsverbundes SED-Staat der Freien Universität Berlin angefordert. Dessen Ergebnisse sowie eine hierzu vorliegende persönliche Stellungnahme des Sportkoordinators sind nach Senderangaben bei der Intendantensitzung ausführlich diskutiert worden.
Dabei sei festgestellt worden, dass die von Boßdorf bei seiner Berufung zum Sportkoordinator im Jahr 2002 erteilten Auskünfte unvollständig gewesen seien. Dies hätten die Intendanten ausdrücklich missbilligt.
Boßdorf bedauert Vorgänge
"Was Hagen Boßdorf von sich aus hätte sagen können, hat er nicht gesagt", kritisierte Struve. "Er hat den Zeitpunkt zu einer rechtzeitigen Stellungnahme verpasst", ergänzte Pleitgen. Offenbar sei der Journalist falsch beraten gewesen. Auch in Zukunft werde die ARD bei Mitarbeitern unter Stasi-Verdacht jeweils im konkreten Einzelfall entscheiden.
Boßdorf erklärte laut ARD, er bedauere, dass die ARD durch ihn in die Diskussion über seine Vergangenheit geraten sei. Er habe sich für seine abqualifizierenden Äußerungen gegenüber der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler, zwischenzeitlich entschuldigt, hieß es weiter.
Nach Angaben von Pleitgen gibt es "nicht den geringsten Hinweis, dass durch Boßdorf andere Menschen zu Schaden gekommen oder Lebenswege anders als geplant" verlaufen sind. Auch sei Boßdorf "kein willenloser Gefolgsmann der DDR-Systems gewesen." Er werde innerhalb der ARD sehr geschätzt. Viele Kollegen hätten sich für ihn eingesetzt. Deshalb werde Boßdorf nach Ablauf des Vertrages als Sportkoordinator auch ein Comeback als Reporter oder Moderator bekommen, "wenn alles stimmt", wie Pleitgen betonte.
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