NDR-Tatort: Atomkraft mit Kommissarin Lindholm
VON MANFRED KÜHNAPPEL - zuletzt aktualisiert: 17.11.2008 - 10:12Düsseldorf (RPO). In Gorleben hatte Charlotte Lindholm als Zwölfjährige an der Seite ihrer Mutter und Atomkraft-Gegnerin den Aufstand geprobt. Im Tatort "Salzleiche" reist sie direkt in das Zwischenlager, um zu ermitteln.
Was ist passiert? Der Regen hat eine Salzleiche auf dem Gelände reingewaschen. Gutzkow, ein ehemaliger Sicherheitsbeamter, ist erschlagen worden. Nun sieht er aus wie ein Gorleben-Ötzi, vom Salz konserviert. Ein Hund entdeckt die Leiche, schleppt einen Arm zu seinem jungen Frauchen, das einen schrillen Schrei ausstößt.
Wie der Hund auf ein hermetisch abgeriegeltes Gelände kommt, bleibt nicht die einzige Ungereimtheit in dieser Tatort-Story, die sich nur dank der Strahlkraft von Maria Furtwängler als Kommissarin Lindholm und guter schauspielerischer Leistungen, etwa von Matthias Bundschuh als Polizeihauptmeister Halder, ins Ziel rettet.
Überfrachtetes Drehbuch
Das Ziel ist weit weg. Und die Wege dorthin führen durch ein verschlungenes, hoffnungslos überladenes Drehbuch. Auf reichlich undurchsichtigen Pfaden geht es für Lindholm 800 Meter in die Tiefe des Gorlebener Salzstocks (wo zum ersten Mal gedreht werden darf) vorbei an Sicherheitskameras, verdächtigen Sicherheitsbeamten, Atomkraft-Gegnern sowie einem nervösen und trinkenden Endlagerleiter Kaspar, der einen seinen Geologen Sandmann entlassen hat, weil der herausfand, dass Strahlenforschungsergebnisse gefälscht wurden.
Viel zu lange rankt sich die Story um eine Erpressung Kaspars, wobei von vorneherein klar ist, dass keiner der Beteiligten der Mörder Gutzkows ist. Kaspar selbst ist dann das zweite Opfer. Er verunglückt mit seinem Jaguar tödlich. Lindholm kommt kein Stück weiter, bis ihr ein Foto und ein Handy-Hacker den entscheidenden Tipp geben: Der Spezialist findet in seiner Absteige auf Gutzkows eingerosteten Mobiltelefon eine spanische Nummer.
Joint geraucht
Warum Lindholm als Gegenleistung einen Joint rauchen muss, versteht man nicht. Wenn auf diese Weise der Rückgriff in die Anti-AKW-Zeit dokumentiert werden soll, dann gute Nacht. Also auf nach Spanien: Der Chef gibt Rückendeckung für Sonderermittlungen in Barcelona. Allerspätestens jetzt muss man stutzig werden: Lindholm auf den Spuren Schimanskis, auf eigene Faust im Ausland ermitteln. Noch ein Gruß aus den 80ern.
Da wohnt dann auch noch der Vater ihres Söhnchens David, den Lindholm vor dem großen Finale so ganz nebenbei, heimlich und schließlich maßlos enttäuscht mit seinen drei Kindern beobachtet.
Mit dem BND in Barcelona
Der buchstäbliche Schlüssel zur Lösung des Falles führt zu einem Bahnhofschließfach mit hochbrisantem Inhalt. Was die Kommissarin und der Zuschauer längst spürten, weil sich ständig suspekte Personen an Lindholms Fersen hefteten, verdichtet sich zur Gewissheit: Der Bundesnachrichtendienst (BND) hat seine Finger im Spiel, rettet Lindholm schließlich aus gefährlicher Lage. Gutzkow war als BND-Agent eingeschleust, um Terroristen aufzuspüren, die Handel mit Cäsium zum Bau von Atombomben benötigen. Dafür hat der böse BND sogar mal eben Kaspar über die Klinge springen lassen.
Ihren Mörder findet Lindholm dann doch wieder vor der Haustür. Es ist der aus Provinz stammende Polizist Halder, der Gutzkow die Liebschaft mit seiner Ehefrau nicht verzeihen konnte.
Ein Nachtisch
Wer das alles hinter sich hat, bekommt, sozusagen zum Nachtisch, noch einen Spiegel-Aufmacher geliefert: Lindholm löst nicht nur den Fall, sondern enttarnt auch noch die düsteren Machenschaften des BND.
Frau Furtwängler hat gewiss schon bessere Drehbücher durchlebt. Trotzdem sind die NDR-Fälle sehenswert: Sie kommen meist ohne dieses unnötige, blindwütige Blutvergießen aus. Kommissarin Lindholm hat in der „Salzleiche“ nicht ein einziges Mal eine Waffe in der Hand gehabt.
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