Reich-Ranickis Fernseh-Schelte: Blöd-TV: Wie schlimm es im Ausland ist
VON M. BEERMANN, F. HERRMANN UND J. MÜLLER-MEININGEN - zuletzt aktualisiert: 16.10.2008 - 11:58Paris/Washington/Rom (RP). Seit der spektakulären TV-Schelte von Marcel Reich-Ranicki wird über die Qualität des deutschen Fernsehens debattiert. Ein Blick über die Grenzen zeigt: Anderswo ist das Angebot nicht besser.
Protzig liegt es am linken Pariser Seine-Ufer, das futuristisch gestylte Hauptquartier von France Télévisions. Von hier aus wird die staatliche Fernsehgruppe mit ihren 11.000 Mitarbeitern gesteuert. Ein Hort des Qualitätsjournalismus, so brüsten sich die Sendergewaltigen gerne, und rümpfen die Nase über die private Konkurrenz. Doch in Wirklichkeit starrt man auch hier auf die Quote – noch.
Denn Frankreichs Fernsehlandschaft steht vor einer „Kulturrevolution“, das behauptet jedenfalls Präsident Nicolas Sarkozy. Im Januar verkündete er aus heiterem Himmel, dass Werbung aus dem öffentlich-rechtlichen Programm verbannt werde soll. Begründung: Das Staats-TV solle sich zukünftig frei von Rücksicht auf Einschaltquoten auf seinen Bildungsauftrag konzentrieren.
Zwar halten Kritiker Sarkozys Qualitätsargument nur für vorgeschoben, aber es bringt das Staatsfernsehen trotzdem unter Druck. Allzu offensichtlich hat man sich dort am Marktführer, dem Privatsender TF 1, orientiert: Seichte Talk-Shows, Quiz-Sendungen, US-Serien, und „Infotainment“, wohin der Zuschauer auch blickt. Kultur? Niveau? Bestenfalls im Nachtprogramm. Nur bei den Sparten- und Regionalkanälen sieht es etwas besser aus.
Auch die Italiener haben nur die Wahl zwischen der Harmlosigkeit der öffentlich-rechtlichen Kanäle und der platten Banalität des Privat-TV, wenn sie sich durch ihr Fernsehprogramm zappen. Viele Spiel-Shows, spärlich bekleidete Ansagerinnen und jede Menge Oberflächlichkeit. Doch hinter dieser Fassade ist Italiens Fernsehen hoch politisiert.
Sieht man von unabhängigen Nischensendern wie La 7 ab, sind da etwa die drei bedeutendsten Privatsender Italia 1, Rete 4, Canale 5 aus dem Medienkonzern Mediaset, der dem Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi gehört. Sämtliche Nachrichtensendungen bei Mediaset sind eindeutige Regierungspropaganda – natürlich nur, solange Berlusconi an der Macht ist.
Schlimmer noch: Während das Unterhaltungsprogramm der drei staatlichen Sendergruppe (Rai) den Privaten weitgehend ähnelt, haben die politischen Parteien direkten Einfluss auf das Programm. Zum Beispiel wird nach den Parlamentswahlen regelmäßig der Direktor der Hauptnachrichtensendung ausgetauscht. Die Folge ist Regierungspropaganda auch im Staatsfernsehen.
Und im Mutterland aller TV-Trends, den USA? Die wichtigste Regel ist, dass sie groß sein muss, die Mattscheibe für die gute Stube. Vier Stunden und zehn Minuten am Tag sieht ein Amerikaner im Durchschnitt fern. Was auf den gewaltigen Bildschirmen läuft, kann einen allerdings schnell zu einem guten Buch greifen lassen. Das Programm eines typischen Abends beginnt in der Regel vor dem Scheidungsgericht. Als Nächstes fällt Richterin „Judge Judy“ in kleinen, kniffligen Fällen ihr ausgewogenes Urteil. Wem das noch nicht reicht, der kann dranbleiben, bis „Judge Brown“, im televisionären Gerichtssaal erscheint.
Die Polizisten der „Street Patrol“ laufen in finsteren Ecken von Cleveland Patrouille, der „King of the Hill” verkauft in einem fiktiven texanischen Städtchen Propangas – ein ruhiges Geschäft, das dem King viel Zeit gibt, seine Lebensweisheiten zu streuen. Zwischendurch versucht eine Familie mit neun Kindern in der Quizsendung „Ihre Chance winkt“, Karten für ein Konzert mit einer Countrysängerin zu gewinnen, als Draufgabe zum Rasenmäher der Luxusbauklasse. Und wenn die Kleinen im Bett sind, fordert Detektiv Stabler bei „Law & Order“ Verstärkung an, die dann in Form von Mama Stabler auch prompt erscheint.
Bei alledem braucht man Geduld, sehr viel Geduld. Unzählige Werbepausen zerhacken Seifenopern ebenso wie Filme. dafür endet der Abend höchst amüsant mit den „Late-Shows“, in denen geniale Unterhalter wie David Letterman, Jay Leno oder Jon Stewart die Nachrichten des Tages mit satirischer Schärfe zerpflücken.
Amerikanisches Fernsehen, es kann unendlich seicht sein, aber auch politische Information in einer Gründlichkeit bieten, wie man es in Deutschland nicht kennt. Jim Lehrer zum Beispiel moderiert ab 18 Uhr ein einstündiges Nachrichtenmagazin. In einem kargen Studio, das den Charme der 60er Jahre verströmt, doch inhaltlich auf höchstem Niveau.
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