Horst Tappert im Alter von 85 Jahren verstorben: Der Mann, der Derrick war
VON JÖRG ISRINGHAUS - zuletzt aktualisiert: 15.12.2008 - 21:19München (RP). Mit der Serie "Derrick" landete er einen weltweiten TV-Krimi-Hit. Die Rolle des Münchner Oberinspektors war so untrennbar mit seiner Person verbunden, dass er sich zeitlebens nicht mehr von ihr emanzipieren konnte: Am Samstag ist Horst Tappert im Alter von 85 Jahren gestorben.
Sein Gesicht kennt wohl jeder Krimi-Fan auf dem Globus. Hervorstechende Augen, mal bohrender, mal betroffener Blick, schwere Tränensäcke als Oberinspektor Derrick ermittelte Horst Tappert weltweit. Mehr als 100 Länder strahlten die Serie aus, in China lockte sie rund 500 Millionen Menschen vor die Bildschirme.
Dabei wollte Tappert eigentlich Buchhalter werden das Theater in Stendal, an dem er sich nach dem Krieg vorstellte, engagierte ihn jedoch gleich als Schauspieler. Bei allem Erfolg legte er das Buchhalterische in sich nie ab, kultivierte es gar zum Inbegriff deutschen Beamtentums. Am Samstag schon ist Horst Tappert im Alter von 85 Jahren gestorben.
Dass gerade "Derrick", hölzern inszeniert und dialoglastig, so phänomenalen Erfolg verbuchte, führten Filmwissenschaftler vor allem auf den von Tappert verkörperten Helden zurück. Er gab den Oberinspektor als verlässliche Instanz, als eine Art Übervater, streng, aber gerecht, dabei besonnen, verschwiegen, vertrauenerweckend. So ein Charakter-Profil wird man nie mehr los. Auch bei Tappert bestimmte die Rolle, die er 1973 zum ersten Mal übernahm, sein weiteres Leben. Schauspielerisch wie privat.
Schon die Zahlen sprechen für sich: Sagenhafte 30 Millionen Zuschauer sahen den Auftakt der Serie, 281 Folgen wurden bis 1998 gedreht. Wer wollte da noch zwischen Fiktion und Wirklichkeit trennen?
Tappert selbst mochte allerdings nicht gerne auf "Derrick" reduziert werden. Seine Liebe gehörte dem Theater; vor seiner TV-Karriere spielte er unter anderem in Göttingen, Kassel, Bonn und, in den 50ern, in Wuppertal. Die Zeit in der bergischen Metropole war eine Rückkehr zu seinen Wurzeln: Tappert wurde am 26. Mai 1923 in Elberfeld geboren, sechs Jahre, bevor die Stadt mit Barmen zu Wuppertal fusionierte. "Das ist ein großer Verlust für die Stadt", sagte Wuppertals Oberbürgermeister Peter Jung, "Tappert hat sich seiner Heimat immer sehr verbunden gefühlt." Eine handschriftliche Danksagung des Schauspielers von 1996 an die Stadt, nach der Verleihung des Landesverdienstordens, belegt Tapperts Nähe zum Bergischen.
Gleichwohl hatte sich der Beamtensohn mit Beginn seiner Fernsehkarriere München als Lebensmittelpunkt ausgesucht. Weder das Theater noch die Stadt Wuppertal konnten ihn zurückerobern. Trotzdem erwägt Jung, den Mimen etwa mit einer nach ihm benannten Straße zu würdigen. Es wäre eine von unzähligen Auszeichnungen für Tappert, darunter das Bundesverdienstkreuz, weil er zum Ansehen der Bundesrepublik in der Welt beigetragen habe. Die Welt freilich interessierte den Darsteller in seinen letzten Jahren kaum noch. Mit seiner dritten Frau Ursula Pistor, mit der er seit 1957 verheiratet war, lebte er zurückgezogen in Gräfeling. Tappert litt an Diabetes, konnte schlecht laufen. Er schätze die Ruhe mit seiner Frau, sagte er in einem Interview zu seinem 85. Geburtstag. Und, ganz nüchterner Realist, er wolle nicht, dass sein Leben künstlich verlängert werde.
Wenn ihm dieser Wunsch auch erfüllt wurde, so lebt er in in der Kunst trotzdem weiter. Als unermüdlicher, moralisch integrer Oberinspektor, der mit seinem ewigen Assistenten Harry Klein, gespielt von Fritz Wepper, jeden noch so hanebüchenen Fall in 60 Fernsehminuten löst und ihn dabei nicht den BMW vorfahren lässt. Denn der berühmte Satz "Harry, hol schon mal den Wagen" sei in der Serie nie gefallen, klärte Tappert 2004 auf.
Unter Fans wird das Thema kontrovers diskutiert: Mal hat Erik Ode alias Kommissar Keller den Satz zu seinem Assistenten Harry Klein (der später zu Derrick versetzt wurde) gesagt, mal hat Harald Schmidt den Satz als Persiflage auf die Serie erfunden. Wie auch immer: Der Satz gehört zu Derrick wie das Toupet zur Hauptfigur.
Mit dem Tod wurde Tappert nicht nur in der Serie, sondern auch im Leben konfrontiert. 2001 starb sein Sohn Gary an Organversagen. Selbst hatte Tappert keine Angst vor dem Sterben, sondern davor, alleine zurückzubleiben. In seiner Autobiographie schrieb er, der Tod sei eine gute Sache. Es wäre doch wunderbar, wenn man die großen Geister und Helden der Vergangenheit treffen könne. Wahrscheinlich sind sie ohnehin alle Derrick-Fans.
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