40 Jahre Tatort: Der Mord zum Sonntag
VON MARTINA STÖCKER - zuletzt aktualisiert: 13.11.2010 - 22:58(RP). Jeden Sonntag, pünktlich um 20.15 Uhr, kommt das Böse ins Wohnzimmer. Dann wird gelogen, betrogen, gedroht, gemordet. Nach 90 Minuten jedoch ist die Ordnung wieder hergestellt: Der Täter ist überführt, das Gute hat gewonnen. Mit diesem Mord zum Sonntag als kathartischem Erlebnis lassen Millionen Deutsche ihr Wochenende ausklingen. Ganz nach dem Motto: Das Schrecklichste, das man sich vorstellen kann, ist überwunden – wie viel schlimmer kann es in der Woche schon kommen?
Das bisschen Gänsehaut am Sonntagabend gehört in Deutschland zu einem Ritual. Mit als letzte Handlung des Wochenendes schalten seit Jahren durchschnittlich 8,3 Millionen ein. Warum eigentlich? Der Vorspann ist seit Jahrzehnten gleich und grisselt auf dem HDTV-Fernseher. Die Erkennungsmelodie kennt keine Synthesizer. Und das Ende ist erwartbar, denn die Kommissare sollen einen Täter präsentieren. Der Tatort hat in den 40 Jahren seines Bestehens eines geschafft: In der vielfältigen Medienlandschaft behauptet er sich und ist Gesprächsthema. Selbst wenn er nicht gesellschaftliche Tabus aufgreifen würde, spräche man über ihn. Zum Beispiel darüber, wie oft Horst Schimanski in 90 Minuten "Scheiße" sagen kann.
Der Tatort stößt jedoch ernstzunehmende, wichtigere Diskussionen an. Er macht das häufig, er kann nicht anders. Denn seine Macher rühmen sich stets, mit ihren Filmen ein Spiegel der Gesellschaft zu sein. "In den 70er und 80er Jahren gab es das sozialkritische Fernsehspiel, dessen Aufgabe hat der Tatort übernommen", sagt der Berliner Fernsehwissenschaftler Lothar Mikos. Schon der erste Tatort, "Taxi nach Leipzig", habe mit der deutschen Teilung ein schwieriges Sujet behandelt und sei als Inszenierung ungewöhnlich gewesen. In den 80er Jahren ging es um Arbeitslosigkeit und Umweltsünden, in den 90ern um Organisierte Kriminalität, im neuen Jahrtausend um Missbrauch und Gewalt in der Familie. So ermitteln die Kölner Kommissare Schenk und Ballauf in Sachen Kinderprostitution auf den Philippinen, Lena Odenthal macht mobil gegen Ehrenmord.
Ob der Krimi jedoch wirklich ein Spiegelbild Deutschlands ist, stellt Dennis Gräf in Frage. Der Literaturwissenschaftler aus Passau hat über den Tatort als kulturellen Speicher promoviert und betont: "Er ist eher ein Seismograph. Er macht auf aktuelle Themen in der Gesellschaft aufmerksam, die virulent sind." Gräf hat mehr als 400 Filme analysiert und festgestellt: Der Krimi ist alles andere als fortschrittlich. Er ist konservativ und nimmt bürgerliche Positionen ein.
Zum Beispiel thematisierten die Filme in den 70er Jahren den liberalen Umgang mit bürgerlichen Werten und Normen, etwa beim Thema Seitensprung. "Natürlich gibt es in diesen Filmen auch emanzipierte Frauen. Aber sie werden mit negativen Attributen belegt und auf die ein oder andere Art sanktioniert – sei es, dass sie die Täterin oder das Opfer sind." Rothaarige Frauen in Latzhosen fanden zu jener Zeit leicht ein Ende als Leiche.
Neue Ermittler bringen frischen Wind
Dass der Tatort selbst nie zu Grabe getragen wurde, liegt an seiner Vielfalt und kontinuierlichen Erneuerung. Der Ruhestand oder die Versetzung seiner Beamten sind ein Segen für ihn. "Immer wenn ein Ermittlerteam aufhört, ergibt sich die Chance, etwas Neues zu machen", betont Lothar Mikos. Auf den biederen Trimmel folgte der schneidige Zolloberinspektor Kressin, auf den eleganten Haferkamp der prollige Schimanski, auf das sangesfreudige Duo Stöver/Brockmöller die eher komödiantisch veranlagten Thiel und Boerne.
Man muss nicht alle Mitglieder dieser vielfältigen Tatort-Familie mögen, aber sie ist so praktisch, weil man quasi in jeder deutschen Stadt jemanden kennt. Während Oberinspektor Derrick stets im Münchner Villenviertel Grünwald ermittelte, reisen die Zuschauer im Tatort durch die Republik (und nach Österreich und in die Schweiz), lernen regionale Spezialitäten und Eigenarten kennen. Oberinspektor Veigl aus München brachte immer seinen Dackel in einer Tasche mit aufs Revier. Bruno Ehrlicher aus Leipzig durfte über die Wende-Gewinner schimpfen, Viktor Marek ermittelte mit Wiener Schmäh.
In den Anfangsjahren galt die Regel, nicht mehr als einen Tatort im Monat zu senden. Und heute? Elf Sendeanstalten schicken derzeit 17 Teams an den Tatort, pro Jahr entstehen 40 Filme. Jeden Abend kann man in einem der Dritten Programme einen anderen Krimi sehen. Dass die Filmreihe in ihrer Vielfalt nicht verwässert, darüber wacht Gebhard Henke, ARD-Koordinator. "Wir wollen jeden Sonntagabend einen einzigartigen Film, der sich ins Gesamtbild fügt." Unterschiedliche Regisseure, zum Teil jünger als die Sendereihe, geben jedem Film eine eigene Handschrift, die Schauspieler wahren die Einheitlichkeit ihrer Rolle. "Der Kommissar ist und bleibt die Hauptfigur."
Und was wünscht Henke zum 40.? "Dass der Tatort nicht erstarrt, nicht stagniert und Avantgarde bleibt."
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