Immer wieder bringen Terroristen Aufnahmen ihrer Taten in Umlauf: Der Terror der Bilder
zuletzt aktualisiert: 09.09.2004 - 09:19Frankfurt/Main (rpo). Spätestens seit dem 11. September 2001 haben Terroristen eine neue Waffe entdeckt: Bilder. Doch in letzter Zeit werden diese immer grausamer. Entführte werden vor laufender Kamera enthauptet, Leichen durch die Straßen gezerrt. Und jetzt sind schockierende Bilder vom Geiseldrama in Beslan aufgetaucht. Experten sprechen hier von einer neuen "Stufe in der Eskalations-Entwicklung".
Das Filmmaterial - offenbar von den Kidnappern selbst gedreht - zeigt hunderte Kinder und Erwachsene zusammengepfercht in der Hand der Terroristen.
Es scheint, als ob Terroranschläge und Entführungen wie die im Irak immer näher rücken. Regelmäßig veröffentlichen Terroristen neue Videos im Internet und über Fernsehsender. Sie zeigen Hinrichtungen, Terroraufrufe oder Appelle von Geiseln, die um ihr Leben flehen.
Richtete sich der Terror früher gegen Einrichtungen oder Politiker, sind mittlerweile immer mehr Zivilisten ins Fadenkreuz gerückt, wie der Erfurter Medienwissenschaftler Kai Hafez die Strategie der Terroristen erläutert. "Es ist nicht mehr ein Schleyer, der entführt wird. Es sind wir." Man stehe vor einer "neuen Dimension im Terrorismus", diagnostizierte auch Bundeskanzler Gerhard Schröder nach dem Geiseldrama von Beslan, dem Hunderte von Kindern zum Opfer fielen.
Da in Demokratien die Politik von der Öffentlichkeit mitbestimmt wird, setzen die Terroristen hier an. Und dabei, betont Hafez, spielen die Medien und insbesondere Bilder eine wichtige Rolle. Foto- und Filmmaterial spricht nämlich Gefühle noch mehr an als das geschriebene Wort, wie der Generaldirektor des Europäischen Medieninstituts, Jo Groebel, betont. "Bei Bildern hat man keine emotionale Aus-Taste."
"Bilder sind zu Waffen geworden"
Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit ist den Terroristen mit ihren Bildern, die die Vernichtung von Menschenleben dokumentieren, sicher. "Terror will politische Botschaften vermitteln - und dafür braucht er die Öffentlichkeit", sagt Hafez. Den Drahtziehern der Anschläge und Entführungen gehe darum, "das Leid drastischer in die Medien zu bringen". Und auch Groebel ist überzeugt: "Bilder sind zu Waffen geworden."
Mittlerweile habe sich so etwas wie eine Spirale aus Terror und der Medienberichterstattung darüber in Gang gesetzt, glaubt Groebel: Je mehr wir uns an die schrecklichen Bilder aus den Krisenregionen gewöhnen, desto schlimmer müssen die Taten der Terroristen ausfallen, um noch unsere Aufmerksamkeit und unser Entsetzen zu erregen.
Der Schrecken der Bilder unterliege einer Art "Abnutzungseffekt", sagt Hafez. "Hat man sich an gewisse Bildsprachen gewöhnt, muss danach mehr kommen." Mit Beslan sei man nun wieder "eine Stufe in der Eskalations-Entwicklung höher" - wohin das letztendlich führt, bleibt offen.
Hier sei ein Punkt erreicht, an dem "die Medien extrem aufpassen müssen, wenn sie nicht der Kommunikationsstrategie von Terroristen auf den Leim gehen wollen", warnt der Erfurter Medienwissenschaftler. Zwar sei die Berichterstattung über Krisen und Kriege - wie in Tschetschenien und im Sudan - durchaus wichtig. Die Grenze sei jedoch da erreicht, wo "Menschen geopfert werden, um Bilder zu inszenieren", sagt er. Zeigten Medien solche Bilder, machten sie sich damit mitschuldig.
Doch anders als im Irak, wo der Fernsehsender Al Dschasira geschlossen wurde, oder in Russland, wo der Chefredakteur der Tageszeitung "Iswestija", die großformatige und schockierende Fotos von verwundeten und toten Kindern gezeigt hatte, offenbar auf Druck von oben gehen musste, sehen die Medienforscher hier die Redaktionen weiterhin selbst in der Verantwortung.
Diese müssten selbst von Fall zu Fall darüber entscheiden, was sie sendeten und was nicht, fordert Groebel. Daran, dass die Videos der Terroristen trotz allem im Internet verfügbar sind und zum Teil sogar regelrecht vertrieben werden, wird dies zwar nichts ändern. Eine - wenn auch unfreiwillige - "Symbiose von Medien und Terror" wäre allerdings fatal, warnt Hafez.
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