„60 Jahre Deutschland“ bei Maischberger: Die Kanzlerin und die Klischee-Deutschen
VON TIM NOCKEN - zuletzt aktualisiert: 20.05.2009 - 11:38Düsseldorf (RPO). Vielleicht war die Sendung schon durch den Titel überfordert. Sandra Maischberger wollte an diesem Abend auf „60 Jahre Deutschland“ zurückblicken und die Frage beantworten: „Sind die besten Jahre vorbei?“ Die Kanzlerin fand die besten Antworten. Leider verließ sie die Sendung zu früh. Es folgten vier plappernde Klischee-Deutsche.
So funktioniert gute PR. Im Vorfeld von „Menschen bei Maischberger“ wurde vollmundig die Kanzlerin und ihre ganz persönliche Geschichte angekündigt. Die ostdeutsche Pfarrerstochter sollte über ihr erstes westdeutsches Dosenbier, die Anwerbungsversuche der Stasi und ihr Engagement in der FDJ berichten.
Gleichgewicht aus Demut und Selbstbewusstsein
Und was Angela Merkel anbetrifft, versprachen die Vorabberichte nicht zu viel. Man hörte der Kanzlerin gerne zu. In ihren Erzählungen steckte ein bravouröses Gleichgewicht zwischen Selbstbewusstsein und Demut. Die Unions-Wahlkampfstrategen werden sich an diesem Abend die Hände gerieben haben. Der Glaubwürdigkeit Merkels tat dies allerdings keinen Abbruch.
Ungeschickten Versuchen, sie mit aktuellen politischen Rankings aus der Reserve zu locken, begegnete sie kühl und gelassen. Platz sieben auf der Skala der aktuell wichtigsten deutschen Politiker nahm die Kanzlerin lediglich zur Kenntnis.
Austern bei Kempinski
Und dann folgte ihre persönliche Geschichte, die den meisten Zuschauern nicht ganz unbekannt gewesen sein dürfte: Am 9. November 1989 hat Merkel nach eigenen Worten die Pressekonferenz von Günter Schabowski, wo die neue Reiseregelung verkündet wurde, im Fernsehen verfolgt und dann ihre Mutter angerufen – "weil wir so einen Running Gag hatten, dass wir bei Kempinski Austern essen gehen, wenn die Grenze mal weg ist."
Eine Büchse Bier
Sie habe ihrer Mutter damals gesagt: "Pass mal auf, das könnte bald passieren – und dann bin ich mit einer Freundin in die Sauna gegangen, wie ich das jeden Donnerstagabend getan habe." Als sie zurückgekommen sei, sei die Mauer am Grenzübergang Bornholmer Straße offen gewesen. "Und da bin ich dann rüber. In einer wildfremden Wohnung gab es dann eine Büchse Bier".
Merkels Erfahrungsberichte machen deutlich, wie rasant ihre persönliche Entwicklung und ihre Karriere in den vergangenen 20 Jahren verlaufen sind. Während ihrer ersten Reise nach Westdeutschland als Erwachsene im Jahr 1986 habe sie manche praktischen Dinge nicht beurteilen können. "Ich wusste zum Beispiel damals komischerweise nicht: Kann man als Frau allein in einem Hotel übernachten? Ich hatte so viele Tatorte und Krimis gesehen, dass mir das nicht mehr ganz klar war. In Budapest und Sofia hatte ich da weniger Sorge."
„Von der DDR kann man überhaupt nichts lernen“
Um 23.10 Uhr fehlte eigentlich nur noch die „Es war nicht alles schlecht“-Floskel in diesem Vier-Augen-Gespräch. Doch die Frau, die vor 26 Jahren noch über die Hotel-Gepflogenheiten in der BRD rätseln musste, trat nicht in die Klischee-Falle Maischbergers. Dem DDR-System erteilte sie eine klare Absage. Von diesem könne man „überhaupt nichts lernen“. Die DDR sei auf Unrecht aufgebaut gewesen und habe damit kein Rechtsstaat mehr werden können.
Die vier Klischee-Deutschen
Damit war das Wichtigste gesagt. Doch dabei wollte es Frau Maischberger nicht belassen. Die Kanzlerin musste gehen, stattdessen nahmen vier personifizierte Klischee-Deutsche auf den Sofas Platz. Kabarettist und Schauspieler Uwe Steimle mimte den notorischen Nörgel-Ossi, Guido Knopp übernahm seine Paraderolle als begnadeter Besserwisser, Gregor Gysi überzeugte einmal mehr als Meister der Wortklauberei und „Cicero“-Herausgeber Wolfram Weimer gefiel sich in der Rolle des großzügigen Befreiers.
„Ich fühle mich in erster Linie als Sachse“
Die Rollen waren verteilt. Es schien, als hätte hier jeder seinen Text feinsäuberlich gelernt. Aufschlussreiche Dialoge wollten nicht so wirklich entstehen. Uwe Steimle („Ich fühle mich in erster Linie als Sachse“) beförderte sich gleich ins Abseits. „Die DDR war ein Unrechtsstaat, in der es auch Gerechtigkeit gab.“ Da wollte ihm selbst der Ober-Linke Gregor Gysi nicht mehr so richtig folgen. Kein Wunder, musste dieser doch bei der Erwähnung des eigenen Kandidaten für das Bundespräsidentenamt, Peter Sodann („Wer?“), noch mal nachhaken. Die Verbündung mit einem tölpelhaften Ost-Schauspieler strapaziert die Geduld Gysis offenbar genug.
Stattdessen übte sich der Politiker in wahltaktischer DDR-Verklärung. Der Begriff des „Unrechtstaates“ sei doch weit überzogen. Die DDR „kein Rechtsstaat“ gewesen, aber sehr wohl eine „Diktatur“. Eine Diktatur ohne Unrecht? Spätestens hier mochte man das müde Floskel-Quartett verlassen.
„Gnade der Geschichte“
Verpasst hätte man die Monologe des großen Guido Knopp. Gleich zwei Mal sprach er an diesem Abend im Zusammenhang mit dem Mauerfall von der „Gnade der Geschichte“. Der Historiker versteht was von der Gnade der Sprache. Im 40-jährigen Bestehen der DDR will er lediglich eine „Fußnote“ in der gesamtdeutschen Geschichte sehen, dennoch hätte er gerne einige „sozialpolitische Elemente“ der DDR auf die Bundesrepublik übertragen.
Verdammt weich gefallen
Und dann war da noch der großzügige Westdeutsche: Wolfram Weimer hatte am Dienstagabend die rosarote Brille auf. Die Krise ist in seinen Augen schon so gut wie überstanden, die Mauer in den Köpfen ist längst abgerissen und im Osten gibt es ausschließlich blühende Landschaften („wir haben die modernsten Glasfasernetze, wir haben die schönsten Trottoire“).
Am Ende war man froh, dass man diesen TV-Abend noch erleben durfte. Schließlich war die BRD laut Uwe Steimle „1989 genauso am Ende wie die DDR – nur auf einem höheren Niveau“. Glück gehabt! Schließlich sind wir doch alle verdammt weich gefallen.
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