Thomas Kretschmann als "Seewolf" bei ProSieben: "Die Kartoffelszene ist gefährlich"
zuletzt aktualisiert: 24.11.2008 - 15:28München (RPO). Es ist eine der bleibenden Szenen der deutschen TV-Geschichte: Als Wolf Larsen betritt Raimund Harmstorf in dem ZDF-Vierteiler "Der Seewolf" die Kombüse von Mugridge, dem Smutje, greift sich eine rohe Kartoffel und zerquetscht sie mit bloßer Hand. Natürlich ist diese Szene auch in der Neuverfilmung von ProSieben zu sehen. Teil eins läuft am Montag.
Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Jack London machte Harmstorf 1971 zum Star, war Fluch und Segen zugleich für ihn. 37 Jahre später, am Montag und Dienstag (24./25. November, 20.15 Uhr), lässt Thomas Kretschmann den Meerestyrannen auf ProSieben wieder aufleben. Und auch das ZDF hat sich an eine Neuauflage des Stoffes gewagt, die im Herbst 2009 mit Sebastian Koch in der Titelrolle ausgestrahlt werden soll.
Unter der Regie von Christoph Schrewe ("Der Bibelcode") nähert sich der ProSieben-Zweiteiler "Der Seewolf" zunächst kammerspielartig der menschlichen Bestie Larsen, die das Kommando auf dem Robbenfänger "Ghost" führt. Als der gewissenlose Kapitän den Schöngeist Humphrey van Weyden (Florian Stetter) aus dem Wasser fischt, beginnt ein gnadenloser Kampf zwischen den beiden Männern um Macht, Überleben und die Gunst von Maud Brewster (Petra Schmidt-Schaller).
Faustkämpfe und Stürme auf den Bahamas
Drei Monate haben Schrewe und sein 120-köpfiges Team das Abenteuer voller rauer Sitten, Faustkämpfe und Stürme auf den Bahamas inszeniert und 250 Tabletten gegen Seekrankheit geschluckt. Im Gegensatz zu der Verfilmung von 1971 basiert die Neuauflage allein auf Londons Bestseller "Der Seewolf", der erstmals 1904 erschien. Der ZDF-Vierteiler von Regisseur Wolfgang Staudte verarbeitete damals mehrere Werke des amerikanischen Schriftstellers (1876-1916).
Der gebürtige Dessauer Kretschmann, der zuletzt neben Angelina Jolie in "Wanted" vor der Kamera stand, verkörpert einen ähnlich brutalen Kapitän wie Harmstorf. Unentwegt drangsaliert er mit perfiden Methoden die Crew, darunter George Leach (Vinzenz Kiefer) und Maat Johnson (Henning Baum). Dabei agiert er noch teuflischer als sein Vorgänger, der wiederum körperlich robuster war. Eine bedächtige Erzählweise, die sich Dank Autor Holger Karsten Schmidt eng an der Romanvorlage hält, verschärft die Qualen und Klaustrophobien der Schiffsreise.
Von lauter 'Kleinhirnen' umgeben
"Larsen reagiert ganz darwinistisch nach dem Prinzip 'Survival of the Fittest'", beschreibt Kretschmann. Mit Humphrey begreife zum ersten Mal überhaupt jemand, wovon der Kapitän rede. "Er ist ja von lauter 'Kleinhirnen' umgeben, die für ihn quasi nur 'Segelmaschinen' sind und kein Wort von seiner Philosophie verstehen", begründet der 46-Jährige. Van Weyden hingegen gehe auf sein Spiel ein.
Schrewe zufolge ist Kretschmann ein anderer "Seewolf" als Kraftprotz Harmstorf: "Thomas bietet eine neue Interpretation - extrem spannend und archaisch." Dabei sei die berühmte "Kartoffelszene" für beide eine Herausforderung gewesen. "Jeder wird darauf schauen, wie ich sie spiele. Ich finde die Szene gefährlich. Aber ich glaube, man sollte sie nicht zu pathetisch spielen", betont Kretschmann.
Ruf nach Demokratie und Menschlichkeit
Der Zweiteiler zeichnet sich durch einen anderen Blickwinkel aus. "Obwohl wir in historischen Kostümen auf einem alten Schoner gedreht haben, wollen wir trotzdem eine Geschichte erzählen, die uns jetzt und heute angeht", erklärt Schrewe. Dies gelingt ihm mit der Umsetzung der zeitlosen Kernaussage des Romans, wonach jeder Mensch trotz noch so widriger Umstände für seine Ideale einstehen sollte. Stetter alias van Weyden symbolisiert darin überzeugend den vehementen Ruf nach Demokratie und Menschlichkeit.
Es ist davon auszugehen, dass dem bereits international etablierten Kretschmann ("Der Pianist") ein ähnliches Schicksal wie Harmstorf erspart bleibt. Dieser war nach seinem Durchbruch zeitlebens in Fernsehshows mit der Frage konfrontiert worden, ob er tatsächlich eine rohe Kartoffel auf diese Weise pürieren könne. Die Rollen wurden kleiner, das private Pech größer: Bei mehreren Verkehrsunfällen verletzte sich der 1,89 Meter große Ex-Zehnkämpfer schwer, sogar von Parkinson war die Rede. Im Mai 1998 erhängt sich Harmstorf im Alter von 57 Jahren auf dem Dachboden eines Bauernhofes im Allgäu.
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