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Verfilmung des Lebens von Jutta Gallus: Die wahre Frau vom Checkpoint

VON STEFAN KAUFMANN - zuletzt aktualisiert: 02.10.2007 - 08:07

Düsseldorf (RP). Ein Millionenpublikum litt beim TV-Film mit Sara Bender, die nach langem Kampf ihre Töchter aus der DDR in den Westen holt. Jutta Gallus ist die Frau, deren Geschichte erzählt wird. Bis heute lässt die Vergangenheit sie nicht los.

Heute lebt Jutta Fleck (60), geborene Gallus, wieder von ihren beiden Töchtern getrennt. Dieses Mal jedoch freiwillig. Als Frau vom Checkpoint Charlie kämpfte sie in den 80er Jahren um ihre Kinder - die DDR ließ sie erst nach vier Jahren ziehen. Jetzt wohnt Jutta Fleck mit Jürgen, ihrem zweiten Mann, in Wiesbaden. Ihre Töchter aus erster Ehe, Claudia (36) und Beate (34), hat es nach München verschlagen.

Die Ältere studierte Filmproduktion und arbeitet heute als Cutterin, die Jüngere ist Diplom-Bühnentänzerin und Choreographin. Zurzeit fährt sie als Unterhaltungs-Chefin auf einem Kreuzfahrtschiff über die Meere. Die Mutter ist als Medienberaterin tätig. Sie leben ihr Leben, die drei Gallus-Frauen. Doch der Tag, als ihr neues Leben begann, ist für die Familie reserviert.

„Am 25.August 1988 haben wir uns zum ersten Mal wieder umarmen dürfen“, erzählt Jutta Fleck. „Das ist unser persönlicher Tag der Wiedervereinigung.“ Und der wird jedes Jahr aufs Neue gefeiert. Ihre Gesichtsfarbe - gesund, ihre Haare - blond, so tritt Jutta Fleck in diesen Tagen vor die Kameras. Anlass ist der Film „Die Frau vom Checkpoint Charlie“. Die Hauptrolle spielt Veronica Ferres. Die dralle Blondine leiht der einen Kopf kleineren Fleck ihr Gesicht. Verfilmt wurde ein deutsch-deutsches Schicksal.

Im Gespräch zeugt Flecks Lächeln von Zurückhaltung. Doch ihre Stimme ist klar und fest, wenn sie Freiheit, Demokratie und Menschenwürde wertschätzt. Sie weiß, wovon sie spricht. Auf den Bildern, die sie weltweit bekannt machten, ist ihr Gesicht schmal, ihre Haarfarbe dunkel. Um den Hals trägt die gebürtige Dresdnerin das Schild: „Gebt mir meine Kinder zurück.“

Von diesen wird sie am 1.September 1982 getrennt. Eine solch herzzerreißende Abschiedsszene wie im Film hat es nie gegeben. Stattdessen winkt sie durch das Bullauge einer Interflug-Maschine Claudia und Beate ein letztes Mal zu.

Ihr Fluchtversuch ist gescheitert. Heute kennt sie den Grund: Von der Stasi wurde sie ausspioniert, von Bekannten denunziert. Ihre Töchter kommen zum systemhörigen Vater, sie selbst wird zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Ein Zitat des französischen Schriftstellers Romain Rolland hilft ihr durch die Haftzeit: „Denn es ist klar, dass die Zukunft nicht den Zauderern gehört, sondern denen, die, ohne schwach zu werden, das durchstehen, für was sie sich entschieden haben.“ Ein Leitgedanke, den sie immer bei sich trägt. Worte, die ihr Leben erst recht beschreiben, als sie 1984 in den Westen kommt.

Die Bedingung für ihren Freikauf: Sie unterschreibt eine Erklärung, dass ohne Einverständnis des Vaters keine Ausreise der Kinder möglich ist. Doch noch im Bus nach Gießen entschließt sie sich, Widerstand zu leisten. Sie schwört sich: „Ich werde alles in Bewegung setzen, um die Mädels zu holen.“ Mit Briefen kommt sie nicht weit, die Behörden sehen in ihr einen Störenfried der Diplomatie. Sie demonstriert über Monate am Checkpoint Charlie - Drohungen bremsen sie nicht. Ihre Protest-Aktionen gehen weit über das hinaus, was im Film zu sehen ist: So schmuggelt sie sich bei einem Gedenken zum Mauerbau vor Helmut Kohl ans Rednerpult, bittet bei einer Audienz den Papst um Hilfe.

„Immer, wenn es irgendwo um die DDR oder um Menschenrechte ging, bin ich hingefahren“, erzählt sie. „Ich war in Bonn, in Österreich, der Schweiz, in Ottawa und Helsinki.“ 1988 gibt das SED-Regime nach. Für das Millionenpublikum endet Jutta Gallus’ Leben, für sie selbst geht es erst richtig los. Sie sagt, sie habe die schlimme Zeit körperlich und seelisch gut weggesteckt.

Allerdings gibt sie auch zu, dass sie immer noch von Albträumen heimgesucht wird. „Ich schreie dann nachts im Schlaf.“ Die Verfilmung ihres Schicksals hat sie tief berührt, ebenso wie der Roman, der 2006 erschienen ist. Genugtuung verspürt Jutta Fleck deswegen nicht. Darum geht es ihr auch nicht. „Was mir wiederfahren ist, mussten viele andere auch ertragen“, sagt sie. Oft ohne ein glückliches Wiedersehen.


 
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