Mohammed-Karikaturen: Du sollst dir kein Bild machen
zuletzt aktualisiert: 02.02.2006 - 20:12Paris (rpo). Der Streit um die zuerst nur in skandinavischen Presse gedruckten Karikaturen des Propheten Mohammed eskaliert: Radikale Islamisten drohen Europäern in aller Welt. Nach dem französischen Boulevard-Blatt "France-Soir", das die Cartoons nachdruckte, legt jetzt die Tageszeitung "Le Monde" nach. Für die morgige Titelseite ist eine eigene Mohammed-Karikatur geplant. Unter Kirchenvertretern sind die Zeichnungen umstritten.
Die französische Tageszeitung "Le Monde" bringt in der Freitagsausgabe eine Karikatur des Propheten Mohammed auf der Titelseite. Unter der Schlagzeile "Islam: die Karikaturen der Zwietracht" gibt das Blatt nicht die umstrittenen Zeichnungen aus Dänemark wieder, sondern eine Eigenproduktion des "Le Monde"-Karikaturisten Plantu. Darin entsteht aus hunderten "Ich darf Mohammed nicht zeichnen"-Sätzen ein schemenhaft erkennbares bärtiges Gesicht. Der Schreibstift ist wie ein Minarett geformt; aus dessen Spitze sieht ein Mann mit Turban mit einem Fernglas grimmig auf den Text.
Wegen des Karikaturen-Streits war am Mittwoch der Herausgeber der Pariser Boulevardzeitung "France Soir", Jacques Lefranc, entlassen worden. Das Blatt hatte als erste französische Zeitung die Mohammed-Karikaturen nachgedruckt, die im vergangenen Jahr zuerst in der dänischen Zeitung "Jyllands-Posten" veröffentlicht worden waren.
An Karikaturen scheiden sich die Geister
Die christlichen Kirchen und Gemeinschaften in der Türkei haben die Veröffentlichung der Karikaturen verurteilt. In einer gemeinsamen Erklärung, die das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel am Donnerstagabend in Istanbul veröffentlichte, bekunden die Vertreter der Kirchen ihr "Bedauern über diese Respektlosigkeit gegenüber dem Propheten des Islam".
Kritik kam auch vom Deutschen Orient-Institut. Die Veröffentlichungen seien eine "gezielte Provokation", sagte der Direktor des Instituts, Udo Steinbach. Er finde die Zeichungen "recht primitiv".
Kirchen kritisieren Karikaturen
Das Erzbistum Köln verurteilte die Karikaturen. Sie seien beleidigend und polarisierend, sagte der Leiter des Referats für Interreligiösen Dialog, Werner Höbsch, am Donnerstg. Zwar müsse es grundsätzlich möglich sein, über Religionen und ihre Vertreter zu lachen. Doch die Form der Meinungsäußerung sei entscheidend. "Freiheit hat da eine Grenze, wo die Würde des Menschen verletzt wird." In Europa fehle oft das Gespür dafür, was anderen Menschen heilig sei.
Der evangelische Bischof Martin Hein sagte: "Karikaturen sollten dann nicht veröffentlicht werden, wenn sie die Träger religiöser Gefühle verletzen." Dies gelte auch für Darstellungen von Jesus. Die westliche Gesellschaft habe es verlernt, mit religiösen Gefühlen respektvoll umzugehen. Die Auseinandersetzung zeige aber, dass man von einer säkularisierten Welt Abschied nehmen müsse.
Die evangelische Bischöfin Margot Käßmann äußerte zwar Verständnis für aufgewühlte religiöse Gefühle. Allerdings sei die Resonanz absolut unangemessen und gezielt gesteuert, schrieb sie im "Tagesspiegel". Gewaltdrohungen könnten keine Antwort sein. Zwar gebe es Grenzen, wenn religiöse Gefühle verletzt würden. "Der Islam müsste sich der Frage stellen, was es denn eigentlich bedeutet, wenn diese Religion immer mehr mit Terror gleichgesetzt wird."
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