ARD-Film über Zwangsadoptionen in der DDR: Ehepaar verliert Tochter für die Ausreise
VON HEIDE-MARIE GÖBBEL (KNA) - zuletzt aktualisiert: 30.09.2009 - 15:34Köln (RPO). Große Geschichte(n) erzählt man am besten anhand von Einzelschicksalen. So verfährt auch das Familiendrama "Jenseits der Mauer". Es schildert eine Zwangsadoption in der ehemaligen DDR. Menschen aus Ost und West erleben den Neubeginn auf persönliche Weise und versuchen, nach langer Trennung zueinander zu finden.
Der eindringliche und hochemotionale Film von Holger Karsten Schmidt (Buch) und Friedemann Fromm (Regie) erzählt die Geschichte zweier Elternpaare aus Leipzig und Westberlin, die sich nach dem Fall der Mauer zum ersten Mal gegenübertreten. Die Fremden verbindet eine lange Geschichte und eine 17-jährige Tochter, die seit ein paar Tagen weiß, dass sie ein Adoptivkind ist.
Authentisch und beklemmend beginnt die Erzählung am Grenzübergang Helmstedt/Marienborn. 1974 werden Heike (Katja Flint) und Ulrich Molitor (Edgar Selge) mit zwei kleinen Kindern beim Fluchtversuch in den Westen verhaftet und vor eine unmenschliche Wahl gestellt: Sie können mit ihrem siebenjährigen Sohn Klaus in die BRD ausreisen, wenn sie ihre zweijährige Tochter Miriam in der DDR zurücklassen. Falls sie die Zwangsadoption verweigern, werden ihnen beide Kinder weggenommen, sie selbst verschwinden für viele Jahre im Gefängnis.
Film konzentriert sich auf 1989
Die kleine Miriam Molitor kommt in ein Heim und wird von Susanne Pramann (Ulrike Krumbiegel) und ihrem Mann Frank (Herbert Knaup) adoptiert. Sie ahnt nichts über ihre Herkunft und wächst als Rebecca Pramann in Leipzig auf. Die Heimleiterin erpresst das Ehepaar Molitor noch jahrelang mit fingierten Briefen ihrer Tochter, bis ihr 1989 das Gewissen schlägt. Sie schreibt einen letzten Brief, der die Adresse und Identität von Rebecca Pramann enthält.
Die Filmerzählung konzentriert sich hauptsächlich auf die Geschichte des Jahres 1989. Rebecca (Henriette Confurius) ist fast 17, besucht einen Jugendclub und kann sich nicht zwischen dem jungen Westdeutschen Nils und ihrem Jugendfreund Victor entscheiden. Doch als dieser bei einer Demonstration verhaftet wird und in den Westen fliehen will, entdeckt sie ihre Liebe und beschließt, ihn zu begleiten. Aber schon an der Grenze werden sie von den politischen Ereignissen eingeholt. Tausende haben das gleiche Ziel, und die Flucht hat sich erübrigt.
Doku zeigt Bruchstellen der Systeme
Der eindrucksvoll gespielte Film erzählt eine dramatische Familiengeschichte mit offenem, und wie man glauben darf, glücklichen Ausgang. Anders dagegen die anschließende Dokumentation "Trennung von Staats wegen" (21.45 Uhr), in der die Autorin Ulrike Brincker nach den Fakten der DDR-Zwangsadoptionen fragt.
Sie zeigt die Bruchstellen der Systeme auf und erzählt Lebensgeschichten von Müttern und Kindern, die brutal auseinandergerissen wurden. Vor allem aber plädiert sie für eine Rehabilitation der Opfer. Die Regelung der Zwangsadoptionen wurde im Einigungsvertrag versäumt, daher kämpfen Eltern und Kinder bis heute vergeblich um das Recht, Akten einzusehen und Adressen ausfindig zu machen.
Der emotionale Spielfilm dramatisiert eine fiktive und zugleich authentische Familiengeschichte, die genau so hätte geschehen können. Der Film und die nachfolgende Dokumentation ergänzen sich auf ideale Weise.
Mutig sprechen die Autoren einen wichtigen Teil der deutsch-deutschen Geschichte an. Sie schildern informativ - im Spielfilm oft auch melodramatisch - die Lebenswege von Menschen, für die die Formel von der Suche nach einer gemeinsamen Identität eine konkrete Bedeutung gewonnen hat.
"Jenseits der Mauer". Familiendrama von Holger Karsten Schmidt (Buch) und Friedemann Fromm (Regie). ARD, Mittwoch 30.9., 20.15 - 21.45 Uhr
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