Ulrich Tukur als neuer "Tatort"-Kommissar: Ein anstrengender Glücksfall
VON ULLI TÜCKMANTEL - zuletzt aktualisiert: 29.11.2010 - 08:39Frankfurt (RP). Zum 40. Geburtstag des "Tatort" hat sich die ARD am Sonntag Ulrich Tukur als neuen Kommissar geleistet. Der 102. Tatort-Ermittler ließ sich die Rolle auf den Leib schreiben – ein anstrengender Glücksfall für die Krimi-Reihe.
Tatort-Autoren verlassen sich ungern auf die Darsteller ihrer Figuren. Beim Jubiläums-Tatort „Wie einst Lilly“ blieb ihnen jedoch keine Wahl: Der Hessische Rundfunk wollte unbedingt den gebürtigen Hessen Ulrich Tukur als Darsteller des mittlerweile 102. Ermittlers. Der Weltstar („Das Leben der Anderen“, „John Rabe“) wollte jedoch erst gar keinen und dann nur einen Kommissar spielen, der ihm auf den Leib geschrieben war – ohne Garantie auf eine Fortsetzung.
Herausgekommen ist dabei die Figur Felix Murot, französisch ohne das „t“ ausgesprochen. Murot arbeitet beim hessischen Landeskriminalamt, und die namensgebende „Lilly“ des Jubiläums-Falls ist seine erste Entdeckung: ein haselnussgroßer Tumor in seinem Kopf; er nennt ihn nach einer verflossenen Jugendliebe. Murot ist mal charmant und witzig, dann düster und verschlossen. Der Junggeselle arbeitet nicht im Team, nur seiner kettenrauchenden Sekretärin (Barbara Philipp) vertraut er. Murot besitzt einen einzigen Anzug und fährt eine alte NSU Ro 80 Limousine aus den 70er Jahren.
Den ersten "Tatort" mit Hauptdarsteller Ulrich Tukur haben am Sonntagabend im Schnitt 8,66 Millionen Zuschauer in der ARD gesehen.
Das war nach Senderangaben ein Marktanteil von 23,6 Prozent.
Unterschiedliche Erfahrungen mit Darsteller-Tatorten
Tukur spielt einen Überzeugungstäter, der seine Fälle aufklärt, aber nicht zwangsläufig gewinnt. In den 40 Tatort-Jahren hat die ARD höchst unterschiedliche Erfahrungen mit Darsteller-Tatorten gemacht. Der ORF schickte Oscar-Preisträger Christoph Waltz 1987 nach nur einem Auftritt in den Ruhestand, 1979 scheiterte der NDR mit Diether Krebs. Für die Berliner lief es in den 90er Jahren Günter Lamprecht erstaunlich gut, für den NDR waren Manfred Krug und Charles Brauer Volltreffer. Ulrich Tukur als Felix Murot ist anders als sie alle – und ein Glücksfall.
Der Jubiläums-Tatort verzichtet auf Action jeder Art, sinnlose Autofahrten, funktionsloses Kamera-Gehampel und Herumgeballer. Am Anfang gibt es die Leiche, am Ende den Täter und dazwischen einen Ermittler, dem man seine Geschichte abnimmt. Tukur hat sich eine facettenreiche Figur anlegen lassen, die seinen schauspielerischen Fähigkeit ganz entgegenkommt. Er sitzt mal am Klavier (Tukur ist ein veritabler Sänger, Pianist und Akkordeon-Spieler), mal brabbelt er vergnügt breites Hessisch, und dann ist er einfach da. Mit diesem Tukur-Blick, der bis tief dorthin vordringt, wo Menschen sich nicht gern hingucken lassen.
Nur ein Fall pro Jahr
Das ist in seinem ersten Fall äußerst hilfreich, zumal ihm die örtliche Polizei und sein früherer Vorgesetzter (Vadim Glowna) einreden wollen, dass es eigentlich gar keinen Fall gibt: Ein Toter in einem Ruderboot, eine Pistole aus dem Umfeld der RAF-Terroristen, alles sieht nach Selbstmord aus. Vor allem, weil aus dem Dickicht von LKA und BKA Beweise manipuliert werden. Das alles spielt im Dorf von Murots Kindheit, und schon einmal ist er von Vorgesetzten bei RAF-Ermittlungen behindert worden. Immer wieder wird die Handlung von Rückblenden unterbrochen, die Realität vermischt sich mit Murots vom Tumor zugespitzter Wahrnehmung.
Der Hintergrund des Falls erinnert nicht zufällig die Ermordung des Generalbundesanwalt Buback und den furchtbaren Verdacht, es könnte vieles ungeklärt geblieben sein. Dass es einen irgendeinen Zusammenhang zwischen der Pensionswirtin (Martina Gedeck) und der RAF geben muss, ist Murot schnell klar. Aber so einfach kann es nicht sein. Oder doch?
Ulrich Tukur hat inzwischen Spaß an der Figur gefunden. Die Nachfolge von Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf als Ermittlerteams des Hessischen Rundfunks sollen im nächsten Jahr dennoch Joachim Król und Nina Kunzendorf antreten.
Mehr als einen Tatort pro Jahr will Tukur nicht drehen. Aber ein zweites Murot-Drehbuch für 2011 gibt es schon.
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