"Zimmer frei!" mit Martin Sonneborn: Eine Sendung – zwei Meinungen
zuletzt aktualisiert: 21.10.2009 - 16:11Köln (RPO). Unsere Leser diskutieren über die Ausgabe von "Zimmer frei!" mit Martin Sonneborn, die in der Nacht zum Mittwoch nach langem Hin und Her doch noch ausgestrahlt wurde. Auch in unserer Redaktion gehen die Meinungen auseinander. Eine Sendung – zwei Meinungen.
Der WDR wollte Frau Westermann schützen
von Ulli Tückmantel
Mit gestrigen der Ausstrahlung der geschassten "Zimmer frei!"-Folge zur Off-Zeit 0.15 Uhr hat der WDR - etwas halbherzig - so gerade noch die Kurve gekriegt. Wer trotz der Uhrzeit zusah und nicht auf die heutige Internetveröffentlichung des Mittschnitts wartete (hier ist er http://bit.ly/2YLUIm), muss zu dem Ergebnis kommen, dass der WDR keineswegs Titanic-Herausgeber Martin Sonneborn vor sich selbst schützen wollte - sondern seine Moderatorin Christine Westermann. Dass sie aus der Sorge, das Publikum verstehe keine Ironie, gefühlt nach jeder dritten Sonneborn-Äußerung fragte, ob das wohl nun wieder Ironie gewesen sei, sprach für sich. Aber nicht für die Moderatorin.
Der Showdown erfolgte nach 35 Minuten, als Sonneborn die eher hilflosen Versuche der Moderatorin ins Leere laufen ließ, in einer Wahllokal-Kulisse einen Blick hinter die Fassade des Vorsitzender der Satire-Partei "Die Partei" zu tun. "Das ist 'ne gute Situation für mich und schlechte für Sie", grinste der Satiriker. Und kurz darauf giftete die nette Frau Westermann zurück: "Herr Sonneborn, wenn ich sie jetzt im Fernsehen sehen würde, würde ich sie ausschalten." Kurz darauf brach Christine Westermann die Szene ab, danach war die Moderatorin einfach nur noch sauer.
Das hat man davon, wenn man einen Satiriker in eine Unterhaltungssendung einlädt. Sonneborn-Fans, von denen viele wohl auch im Studio-Publikum saßen, hatten ihren Spaß - Freunde des Formats "Zimmer frei!" dagegen kamen weniger auf ihre Kosten. Die Schuld dafür trägt aber nicht Martin Sonneborn. Würde man wie in einer Sportreportage einfach mal die Treffer (Lacher) zählen, so hätte Sonneborn eine sensationelle Umwandlungsquote und nach Punkten klar gesiegt. Für einen Mann, der normalerweise mit der monatlichen Herausgabe einer Satire-Zeitschrift beschäftigt ist (und daher für das Hersteller spontan-reaktiver Lustigkeit auch schon mal eine Woche Zeit hat), war der Auftritt ganz okay.
Als "Zimmer frei"-Folge hat die Sendung freilich nicht funktioniert. Das kann passieren. Nur hätte sich der WDR mit seinem Gehampel und Gehabe um Qualitätsansprüche, heimliches Absetzen und faule Ausreden nicht unbedingt so knietief in die Blamage reiten müssen.
Hat es weh getan, die Folge auszustrahlen? Nein. Hat es die Sendung bei Publikumskreisen ins Gespräch gebracht, die "Zimmer frei!" sonst nie erreichen würde? Ja. Dass es Christine Westermann wenig gefiel, als reichlich hilflos im Umgang mit Sonneborns Humor dazustehen, kann man verstehen. Morgen früh stellt sie in Köln ein Foto-Buch mit netten Geschichten aus ihrer Feder über den dortigen Karneval vor. Vielleicht liegt ihr das ja mehr.
Kein Skandal, nur Langeweile
von Christian Sieben
Gestern war es soweit: Der WDR strahlte die zwischenzeitlich sagenumrankte Ausgabe von "Zimmer frei" mit Martin Sonneborn aus. Eben die Ausgabe, die im öffentlich-rechtlichen Giftschrank verschwunden war. Wer nach Mitternacht einschaltete, wurde allerdings enttäuscht. Denn es war ziemlich langweilig.
Martin Sonneborn hat sich den Ruf als Deutschland profiliertester Satiriker redlich verdient. Fünf Jahre lang leitete er das Satire-Magazin "Titanic", spielte erschreckend echt den Bundesvorsitzenden der "Partei" und holte mit einem getürkten Bestechungsfax die Fußball-WM 2006 nach Deutschland. So will es jedenfalls die Legende. Vor seinem Auftritt bei "Zimmer frei" waren die Erwartungen entsprechend hoch. Und wurden leider nicht erfüllt.
Denn Sonneborn wollte sich so rein gar nicht auf das Konzept der Sendung einlassen. Er lästerte über das Essen, beschied selbst freundlichste Fragen mit kleinkarierter Nichtbeachtung. Das Publikum bat er nicht zu klatschen, weil dies schließlich von seiner Sprechzeit abgehe. Sonneborn spielte lustlos die Rolle des Ekel-Politikers. Das sollte wohl ironisch rüberkommen, fiel dem Zuschauer aber bereits nach einigen Minuten auf die Nerven.
Bitter wurde es, wenn die tapfere Christine Westermann versuchte, dem 44-Jährigen persönliche Fragen zu stellen. Die blockte der Gast vehement wie unlustig ab und flüchtete sich in seine Polit-Plattitüden. Spätestens nach dem Besuch auf dem "Zimmer" wurde es dann auch Westermann zu bunt. Der Journalistin war der Ärger deutlich anzusehen. Die Sendung war früh gelaufen.
Ein kleiner Triumph blieb den Moderatoren doch noch vergönnt. Denn sowohl beim Bilderrätsel als auch bei einem interaktiven Theaterspiel, bei dem eine Handlung spontan weiterentwickelt werden musste, bewies Sonneborn, dass bei ihm der Groschen ziemlich langsam fallen kann. Am Schluss der Sendung setzte es dann folgerichtig die Quittung: Rund die Hälfte des Studiopublikums zeigte Sonneborn die "Rote Karte".
Was bleibt von diesen 60 Minuten "Zimmer frei"? Die ursprüngliche Entscheidung des Senders, die Folge nicht auszustrahlen, war eigentlich richtig. Denn es war eine langweilige Sendung. Und dass der WDR seine Zuschauer vor Langeweile schützen will, ist mal ein gutes Zeichen.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum








