Mit ihrem TV-Magazin "Lesen!": Elke Heidenreich macht aus Büchern Bestseller
zuletzt aktualisiert: 07.07.2003 - 07:31Hamburg (rpo). Der Marcel Reich-Ranicki der "Neuzeit" heißt Elke Heidenreich. Konnte zu Zeiten des "Literarischen Quartetts" der knauserige Literaturkritiker über Gedeih oder Verderben eines Buchs entscheiden, hat jetzt Elke Heidenreich diese Macht mit ihrer Sendung "Lesen!": Empfiehlt sie es, ist es sogleich bestsellerverdächtig.
Seit 29. April führt Heidenreich schlagfertig, aber immer liebevoll durch das Büchermagazin "Lesen!". Fast alle Bücher, die sie den Zuschauern in den bisherigen beiden Ausgaben ans Herz gelegt hat, gelangten prompt auf die "Spiegel"- Bestsellerliste. Eric-Emmanuel Schmitts Erzählung "Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran" erklomm nach der ersten Sendung sogar den Spitzenplatz. Die Märchen "Idioten" von Jakob Arjouni katapultierte die zweite Sendung am 10. Juni auf den zweiten Rang.
Nach der überwältigenden Resonanz auf "Lesen!" wird Heidenreich, die als schnodderige Metzgers-Frau Else Stratmann ihre Karriere begonnen hat, gelegentlich schon als neue Literaturpäpstin bezeichnet. Doch anders als Marcel Reich-Ranicki, der fast eineinhalb Jahrzehnte das "Literarische Quartett" im ZDF anführte, verreißt sie in ihrer Sendung keines der vorgestellten Bücher.
"Ich habe nur 30 Minuten. Soll ich die dazu benutzen zu sagen, was man besser nicht lesen soll?", sagt Heidenreich, die unter anderem mit ihrer Geschichtensammlung "Der Welt den Rücken" selbst schon einen Bestseller gelandet hat. "Wir wollen nicht unkritisch sein, sondern verstehen uns als Service im Bücherdschungel", beschreibt ZDF-Redakteurin Marita Hübinger das Ziel der Sendung. Ein Format wie der "Quartett"-Nachfolger "Solo" mit Reich-Ranicki, in dem ein Kritiker scharfrichtergleich über Bücher urteile, funktioniere nicht gut im Fernsehen. "Solo" wurde nach einem Jahr wieder beendet.
Die Literatur führt bei den deutschen TV-Sendern ein eher stiefmütterliches Dasein. Meist wird sie in die Dritten Programme oder in Kultursender wie 3sat verbannt. Auch die ARD vermochte mit ihrem am 9. Februar gestarteten Magazin "druckfrisch" die Lücke nach dem Ende des "Quartetts" nicht zu schließen. Die neue Sendung ist auf den eloquenten Literaturkritiker Denis Scheck zugeschnitten. Er stellt Belletristik und Sachbücher vor, nimmt sich die aktuellen Bestsellerlisten vor und ist als Buchreporter bei Autoren zu Besuch.
Schecks Einschaltquote von zuletzt 5,2 Prozent entspricht bei einem Sendeplatz nach 23.30 Uhr einer Zuschauerzahl von nur 420 000. Heidenreichs ZDF-Sendung um 22.15 Uhr läuft dem ARD-Magazin eindeutig den Rang ab: Die erste Ausgabe von "Lesen!" mit Late-Night-Moderator Harald Schmidt erreichte 2,46 Millionen Zuschauer. Die zweite Sendung, bei der Marcel Reich-Ranicki zu Gast war, verfolgten noch 1,86 Millionen Menschen.
Ähnlich wie beim "Literarischen Quartett" hat auch "Lesen!" enormen Einfluss auf den schwächelnden Buchmarkt. Verlage ordern Neuauflagen, wenn sie erfahren, dass eines ihrer Bücher von Elke Heidenreich besprochen wird. Buchhandlungen stellen Sondertische mit den Empfehlungen der Sendung auf. Selbst eine eher schwierige Lektüre wie Max Aubs Roman "Bittere Mandeln", der in der zweiten Sendung vorgestellt wurde, weiß Heidenreich an den Leser zu bringen. Vom Erscheinungstermin im April bis zur Sendung am 10. Juni wurde das Buch über den spanischen Bürgerkrieg nicht einmal 10 000 Mal verkauft. In der Woche nach Heidenreichs Empfehlung gingen allein 6500 Exemplare über die Ladentische.
Der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Dieter Schormann, ist damit sehr zufrieden. "Wenn nur fünf Prozent der rund zwei Millionen Zuschauer von "Lesen!" am nächsten Tag in die Buchläden gehen, hat das eine ungeheure Wirkung", sagt er. Den Erfolg der Sendung führt er vor allem auf die Moderatorin zurück: Heidenreich wirke so glaubwürdig, dass sich die Zuschauer auf ihr Urteil verließen. Schormann wünscht sich trotzdem noch mehr Literatur im Fernsehen: Neben "Lesen!" und "druckfrisch" hätte er am liebsten noch ein Magazin für Sach- und Ratgeberbücher und eine große Büchergala im Ersten oder Zweiten. Die nächsten Sendetermine: "Lesen!", 6. September 22.15 Uhr, "druckfrisch", 5. Oktober 23.35 Uhr.
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