Ein 44-jähriger Hartz-IV-Empfänger ist das "Suptertalent 2008": Flieht, Ihr Narren!
VON TIM NOCKEN - zuletzt aktualisiert: 30.11.2008 - 15:56Düsseldorf (RPO). Deutschland suchte das „Supertalent“ 2008. Oder besser gesagt: RTL und Telekom suchten den deutschen Paul Potts. Es war ein langer Weg bis dahin. Am Ende siegte ein 44-jähriger Hartz-IV-Empfänger. Mit seiner Mundharmonika überzeugte er Jury und Zuschauer. Für Michael Hirte die Erfüllung eines Traums. Für den Zuschauer war es das Ende eines Albtraums.
Angefangen hatte alles im Sommer. Tausende Flachzangen und nur wenige wirkliche Talente kamen zu den Castings in Hamburg, Berlin und München. Jeder der glaubte etwas zu können, konnte sich der Jury vorstellen und hoffen, am Ende in das große Finale der Casting-Show zu kommen. 100.000 Euro waren das Ziel – und endlich berühmt zu sein. Für die meisten war der Traum schnell vorbei. Doch für einige Sekunden Ruhm ließen sie sich gerne durch den verbalen Häcksler Dieter Bohlens schieben.
Jodelnde Narren
Anton Alex führte einen Staubwedel-Tanz auf und zog sich dabei aus. Marc Stark, bekleidet mit einer Alu-Unterhose, machte Liegestützen mit einem Freund auf dem Rücken. Hinzu kamen Rülpsakrobaten, jodelnde Hausfrauen und ein Esel, der durch einen Feuerreifen sprang. Zu allem Überfluss wurden auch noch Name und Wohnort dieser verwirrten Geister öffentlich verbreitet. Man wollte ihnen nur zurufen: „Flieht, ihr Narren!"
Aber wir sind hier nicht in einer Fantasiewelt, nicht in Mittelerde. Das hier ist die harte Realität: „Blöd-TV“ in seiner unterirdischsten Form. Lichtblicke gibt es nur wenige. Wobei die neue Bohlen-Verstärkung als kleiner Trost angesehen werden darf. Otto-Katalog-Schönheit Sylvie Van der Vaart und „In meine Hose Kacka machen“-Bruce Darnell verliehen der Sendung mehr Glamour als das Vorgänger-Duo Ruth Moschner und André Sarrasani. Zudem wurden sie dem Sender-Slogan „Emotionen bis der Arzt kommt“ vollkommen gerecht. Gäbe es einen Tränen-Bonus, van der Vaart und Darnell gehörten vermutlich zu den Großverdienern unter den prominenten Jury-Gesichtern.
Daniel Hartwich: Ein echter Lichtblick
Ein echter Lichtblick: Moderator Daniel Hartwich. Kollege Marco Schreyl sah an seiner Seite einfach nur blass aus. Während Hartwich schon zu Beginn der Sendung am Samstagabend das Publikum mit "Finale, Finale"-Rufen in Stimmung brachte, schien Schreyl kurz vor der Sendung noch eine Riesenspaten verschluckt zu haben. Der Mann ist der Meister der Kalauer: "Ja, dass ist die Perspektive, aus der man dem Moderator in die Nase gucken kann." Schlechter geht's nicht? Und ob: "Hilf mir doch mal hoch. Ein alter Mann ist doch keine D-Zug." Das ist doch eine Talentshow und kein Auffanglager für gestriegelte Schwiegersöhne! Bei der nächsten Staffel - sie wird sich leider nicht aufhalten lassen - sollte RTL besser nur noch auf Daniel Hartwich setzen. Damit wäre das erste Supertalent schon mal gesichert.
Zurück zum Finale. Gesucht wurde nicht nur der deutsche Paul Potts, sondern auch der Gewinner einer 100.000-Euro-Siegprämie. Das Jury-Trio durfte diesmal nur Empfehlungen geben. Am Ende sollten die TV-Zuschauer mit ihren 50-Cent-Anrufen die Entscheidung bringen – und die Kassen von RTL zum Klingeln.
Die zehn Finalisten
Um die Gunst der Zuschauer kämpften insgesamt zehn Finalisten: die 13 Jahre alte Sängerin Yosefin Buohler aus Königswinter, der Hip-Hopper Marcel Pietruch (10) aus Bremerhaven, Trapezkünstler Christoph Haese (21) aus Berlin, Derwischtänzer Shinouda Ayad (31) aus Kiel, der Sänger Carlos Fassanelli (44) aus Bayreuth, die Sängerin Vanessa Krasniqi (14) aus Iserlohn, Mundharmonika-Spieler Michael Hirte (44) aus Karzow, Jongleur Kelvin Kalvus (40) aus Dresden, Geigenspieler Lukas Wecker (12) aus Kiel und der Sänger Duri Krasniqi (12) aus Spittal in Österreich, der mit Vannessa nicht verwandt ist.
"Einer von ganz unten!"
Schon nach einer Stunde wurde deutlich: RTL hatte das Jury-Team bis zur Perfektion auf Weihnachten eingestimmt. Alle sollten das Wasser in den Augen stehen haben und zu den Hörern greifen. Nur ein armer Kandidat ist ein guter Kandidat. Das hatte selbst das Schlappmaul Dieter Bohlen kapiert. Erst kamen die süßen Kinder, es folgte der singende HIV-Infizierte und dann kam der tanzende Fensterputzer.
Aber der Höhepunkt war noch längst nicht erreicht. Der Hartz-IV-Empfänger mit der Mundharmonika sollte die Tränendrüsen zum Explodieren bringen. Es schlug die Stunde des Talentbefreiten. Schwiegermutters Liebling kündigte Michael Hirte an: "Er ist ein Strassenmusikant, ein Hartz-IV-Empfänger, ein Mann von ganz unten." Was für eine Dramaturgie! Fehlte nur noch die Transformation von Deutschlands härtestem Juror zum watteweichen Weihnachtsmann. "Du selber hast wirklich nichts und gibst so viel", hauchte der Dieter. Hilfe!
Doch der Weihnachts-Dieter wirkte auf die zahlenden Zuschauer. Michael Hirte machte das Rennen. Die kleinen Favoriten, die perfekte Yoyo und der hüpfende Marcel, gingen am Ende leer aus. Stattdessen trällerte der Hartz-IV-Empfänger für seinen großen Förderer die "Stille Nacht". Es regnete Lametta von der Decke und bei der schönen Sylvie flossen die Tränen in Strömen. Auch dem Zuschauer kullerte am Ende eine Träne über die Wange – eine Freudenträne. Endlich ist es vorbei.
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