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Der "Spiegel" wird 60: Immer wieder montags

VON RHEINHOLD MICHELS - zuletzt aktualisiert: 03.01.2007 - 21:35

Hamburg (RPO). Für Gründer Rudolf Augstein war es „das Sturmgeschütz der Demokratie“. Für seine Kritiker wie Altkanzler Helmut Kohl gehört das Magazin zur „linken Kampfpresse“. Kalt lässt es keinen. Am Donnerstag wird der Spiegel 60 Jahre alt.

Das erste Titelbild des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" vom 4. Januar 1947. Foto: AP

Jugenderinnerungen: Vater kaufte montags den „Spiegel“ und inhalierte dessen Inhalt süchtig wie den Rauch seiner „Ernte 23“. Großvater hätte das „Drecksblatt“ (er zitierte seinen Abgott Adenauer) am liebsten in der Pfeife geraucht. Der Sohn und Enkel lauschte gerne dem meist heftig ausgetragenen Familien-Disput darüber, ob der „Spiegel“ wichtig sei für die junge Bonner Demokratie, wie Vater meinte, oder zersetzend, wovon Opa überzeugt war.

Beteiligen konnte man sich als Schuljunge an dem Familienstreit noch nicht, aber es wuchs früh ein Interesse am Politischen, Zeitgeschichtlichen, an dem in Rot gekleideten Montagsmagazin, das derart die Geister schied.

Vor 60 Jahren, am 4. Januar 1947, kroch der längst zum Hamburger Klassiker gewordene „Spiegel“ in Hannover aus dem Ei. Die britische Militärregierung hatte es 1946 unter dem Namen „Diese Woche“ einem 23 Jahre jungen Redakteur namens Rudolf Augstein ins Nest gelegt. Heraus kam „Der Spiegel“. Der Ex-Wehrmachts-Artillerist Augstein, der von den Briten die Lizenz zum Drucken erhalten hatte, sah sich fortan als ersten Kanonier am „Sturmgeschütz der Demokratie“, wie er sein von Beginn an frech auftretendes Blatt oft bezeichnete. Von 1947 bis zu seinem Tod 2002 blieb Gründer Augstein Herausgeber des „Spiegel“, der zu einer der großen Erfolgsstories der Nachkriegszeit wurde.

Augsteins Tochter Franziska, ähnlich bissig, ironisch und politisch-journalistisch ambitioniert wie ihr Vater, vermisst heute den politischen „Spiegel“-Schneid der frühen Jahre. Das Blatt wirke oft banal wie ein Allerwelts-Magazin. Das war der „Spiegel“ in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren nun wirklich nicht. In ihm steckten Leben und Häme, Irrungen und Wirrungen, Hochmut, Glanzleistungen, die Lust am Fabulieren und am Recherchieren, am Niedermachen von Autoritäten und solchen, die sich dafür hielten.

Aufgedeckte Skandale

Die Skandale, die das Blatt öffentlich machte (u.a. „Flick“, „Neue Heimat“, „Uwe Barschel“), ließen es zum Pressemythos der Bonner Republik werden. Auf den „Spiegel“-Seiten herrschte und herrscht ein spöttischer Grundton mit Formulierungen, welche Gegner als gehässig und Freunde als köstlich empfinden.

„Der Spiegel“ und sein politisch anfechtbarer, intellektuell genialischer Kopf, Rudolf Augstein, deklarierten sich über Jahrzehnte als „im Zweifel links“. Heute laufen junge „Spiegel“-Journalisten wie McKinsey-Yuppies über den Boulevard; es heißt, sie dächten auch so. „Antiautoritär“: das ist das eigentliche „Spiegel“-Charakteristikum.

Wo sich der Mitbewerber „Focus“, der 1993 das Montagsmonopol des „Spiegel“ knackte, zum vorwiegend heiteren Lebenshilfe-Medium entwickelt hat, verbreitet „Der Spiegel“ den „Geist, der stets verneint“. Er liebt es, Mächtige vom Sockel zu stürzen. Besonders bei Adenauers Verteidigungsminister Franz Josef Strauß, dem CSU-Heros, gelang das.

Journalistische Überlebensangst

Vor dem „Erfolg“ im Falle Strauß (Adenauer: „Wem so de Affären nachlaufen wie dem Herrn Strauß“) stand nackte journalistische Überlebensangst bei Augstein und seinen Leitenden Redakteuren. Der berühmteste und berüchtigste „Spiegel“-Beitrag „Bedingt abwehrbereit“ löste im Oktober 1962 die „Spiegel-Affäre“ aus. Verdacht auf Landesverrat lautete der Vorwurf, Adenauer empörte sich im Bundestag über „einen Abgrund von Landesverrat im Lande“. Die „Spiegel“-Redaktionsräume wurden durchsucht, Redakteure festgesetzt, Augstein für 104 Tage in U-Haft genommen.

Die Staatsmacht zeigte dem aufmüpfigen Magazin die Zähne. Zu sehen war ein schiefes Lächeln, das umso schneller verging, desto lauter sich eine empörte demokratische Öffentlichkeit mit dem „Spiegel“ solidarisierte.

Die Ermittlungen wurden später eingestellt, Augstein und sein nicht kleinzukriegendes Blatt stiegen stärker und angesehener als zuvor aus der Affäre hervor. Die Auflage, die vor der Affäre bei 500 000 lag, schnellte hernach um 200000 in die Höhe. „Der Spiegel“ trug für junge Antiautoritäre, die Jahrzehnte später die 68-er-Generation heißen sollte, Züge einer Heiligen politischen Schrift mit den Neuevangelisten Augstein, Ahlers, Gaus. Die Adenauer-Zeit ging nach der Affäre rapide zu Ende.

Heute hat das 60 Jahre alte Magazin, das für die einen Genussmittel, für die anderen Montagsschreck, auch Montagsdreck bedeutet, nie jedoch Montags-Snack sein will, eine wöchentliche Auflage von etwas über einer Million. Augstein dichtete seufzend einst als Jüngling: „O Gott, ich habe das Große gewollt.“ Mit dem „Spiegel“ ist es ihm gelungen.

Quelle: RP

 
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